Bitcoin fällt, und am Abend melden die Spot-ETFs trotzdem Zuflüsse. Die Deutung liegt nahe: Die großen Adressen kaufen den Rückgang, der Boden ist näher, als der Kurs aussieht. Wer so liest, kauft am nächsten Morgen nach.
Die Frage ist einfach: Stieg Bitcoin nach solchen Tagen häufiger als nach irgendeinem anderen Tag?
Jeder vierte Handelstag ist ein „Dip mit Zuflüssen"
Die Konstellation ist nicht selten. Von 428 Handelstagen zwischen dem 11. Januar 2024 und dem 25. September 2025 fiel der Kurs an 113 Tagen, während die Spot-ETFs netto Zuflüsse hatten. Das ist gut jeder vierte Tag.
An 52 weiteren Tagen lief es umgekehrt: Kurs grün, ETFs mit Abflüssen. Zusammen divergierten Fluss und Kurs an 165 von 428 Tagen.
Was so oft vorkommt, taugt nur dann als Signal, wenn danach etwas anderes passiert als sonst.
Auf den ersten Blick trägt die Geschichte
Legt man Fluss und Kurs an denselben Kalendertag, sieht die Deutung gut aus.
| Tag | Folgetag im Plus | alle Tage |
|---|---|---|
| Kurs rot, ETF-Zufluss | 55,8 % | 50,7 % |
| Kurs grün, ETF-Abfluss | 38,5 % | 50,7 % |
Nach „Dip mit Zuflüssen" fünf Prozentpunkte mehr grüne Folgetage. Nach „Rally mit Abflüssen" zwölf Punkte weniger. Beides passt genau zur Erzählung: Die ETFs wissen etwas, und wer ihnen folgt, liegt vorn.
Endete die Geschichte hier, wäre sie eine brauchbare Faustregel.
Die Frage, die sie kippt: Wann war die Zahl bekannt?
Der Tagesfluss eines US-ETFs entsteht erst nach dem Börsenschluss in New York. Ob er beim Tagesschluss von Bitcoin um Mitternacht UTC schon veröffentlicht war, ist nicht sicher.
Wer ab diesem Schlusskurs rechnet, misst also Stunden mit, in denen noch niemand die Zahl kannte. Handeln konnte man darauf erst danach.
Rechnet man deshalb ab dem nächsten Schlusskurs – dem ersten, an dem die Flusszahl sicher bekannt war –, sieht dieselbe Tabelle so aus:
| Tag | Folgetag im Plus | alle Tage |
|---|---|---|
| Kurs rot, ETF-Zufluss | 50,4 % | 52,1 % |
| Kurs grün, ETF-Abfluss | 48,1 % | 52,1 % |
Der Rückhalt ist weg. Nach einem Dip mit Zuflüssen stieg Bitcoin am Folgetag in 50,4 % der Fälle – etwas seltener als nach einem beliebigen Tag. Das Warnsignal ist ebenfalls weg: 48,1 % gegen 52,1 %.
Der Unterschied zwischen den beiden Lesarten ist größer als jeder Effekt, der übrig bleibt. Die Faustregel steckte in der Uhrzeit, nicht im Markt.
Der naheliegende Einwand: Institutionen denken nicht in Tagen
Vielleicht wirkt der Kauf langsamer. Dafür gibt es den zweiten Horizont: sechs Tage.
| Nach „Kurs rot, ETF-Zufluss" | Anteil im Plus | Median | alle Tage |
|---|---|---|---|
| 1 Tag | 50,4 % | +0,03 % | 52,1 % / +0,10 % |
| 6 Tage | 51,3 % | +0,65 % | 56,1 % / +0,65 % |
Nach sechs Tagen liegt die Quote nicht höher, sondern knapp fünf Punkte unter der aller Tage, beim Median gleichauf. Auch mit Geduld bringt die Konstellation nichts, was man nicht auch ohne sie bekommen hätte.
Mehr Zeit macht aus einem Münzwurf keinen besseren.
Und bei Ethereum?
Dieselbe Rechnung für ETH und seine Spot-ETFs, auf 122 Handelstagen zwischen Ende März und Ende September 2025:
| Nach „Kurs rot, ETF-Zufluss" (n = 34) | Anteil im Plus | alle Tage |
|---|---|---|
| 1 Tag | 55,9 % | 53,3 % |
| 6 Tage | 47,1 % | 58,2 % |
Am Folgetag leicht darüber, nach sechs Tagen elf Punkte darunter – beides innerhalb dessen, was 34 Fälle als Zufall hergeben. Den umgekehrten Fall (Kurs grün, Abfluss) gab es bei ETH nur 15-mal; das reicht für kein Urteil und wird hier nicht gedeutet.
Bei ETH steht die Aussage auf einem halben Jahr, nicht auf zwei. Die Richtung widerspricht der Bitcoin-Rechnung nicht.
Und mehrere rote Tage in Folge?
Meist wird die Frage größer gestellt: nicht ein roter Tag mit Zuflüssen, sondern mehrere hintereinander. Und nicht der nächste Tag, sondern die nächsten Wochen.
Das war nicht Teil der Präregistrierung. Die folgende Rechnung beschreibt deshalb nur, sie prüft nichts. Sie umfasst den ganzen Zeitraum vom 11. Januar 2024 bis 25. September 2026 mit 679 Handelstagen, startet wie oben am Folgeschluss und schaut 20 Tage nach vorn.
| Ab Folgeschluss, 20 Tage | Fälle | davon im Plus | Median | tiefster Stand in den 20 Tagen (Median) |
|---|---|---|---|---|
| alle Tage | 665 | 53 % | +0,7 % | −6,4 % |
| Kurs rot, ETF-Zufluss | 156 | 48 % | −0,5 % | −6,6 % |
| davon Zufluss über 500 Mio. $ | 12 | 6 von 12 | −1,6 % | −8,9 % |
| zwei rote Zuflusstage in Folge | 26 | 14 von 26 | +0,5 % | −6,8 % |
| drei rote Zuflusstage in Folge | 3 | 0 von 3 | −1,5 % | −4,9 % |
Auch über drei Wochen, auch bei großen Zuflüssen, auch in Serie ergibt sich nichts, was ein beliebiger Tag nicht auch gebracht hätte.
Drei rote Zuflusstage in Folge gab es seit Januar 2024 genau dreimal: im Mai 2024, im Mai 2025 und im Juli 2025. Zwanzig Tage danach lag Bitcoin jedes Mal etwas tiefer, zwischen 0,7 und 2,6 %. Drei Fälle tragen kein Urteil, deshalb stehen sie hier einzeln.
Die letzte Spalte zählt mehr als die Quote. Nach einem roten Zuflusstag fiel der Kurs in den folgenden 20 Tagen im Median noch einmal 6,6 % unter den Einstieg, genau wie nach einem beliebigen Tag. Am 7. Oktober 2025 flossen 876 Mio. $ netto in die Spot-ETFs, während Bitcoin 2,7 % verlor. Wer am nächsten Abend bei 123.306 $ kaufte, sah am 10. Oktober ein Tief von 102.000 $, 17 % darunter.
Der Zufluss sagt, wer heute gekauft hat. Wie tief es vorher noch geht, sagt er nicht.
Was das mit einer anderen Beobachtung zu tun hat
Dass ETF-Flüsse eher dem Kurs folgen als ihn führen, war schon an anderer Stelle zu sehen: In Bitcoin-ETFs folgen die Flüsse dem Kurs, nicht umgekehrt. Die Tagesrechnung hier passt dazu. Ein Zufluss an einem roten Tag ist eine Beschreibung des Tages, keine Vorhersage des nächsten.
Was du daraus machst
- Kein Nachkauf auf „die ETFs kaufen den Dip". Nach 113 solchen Tagen war der Folgetag so offen wie jeder andere.
- Wer den Dip trotzdem kauft, plant den üblichen Rücksetzer ein. Auch nach roten Zuflusstagen lag das Tief der nächsten 20 Tage im Median gut 6 % unter dem Einstieg.
- Bei jedem Chart „Fluss gegen Kurs" zuerst die Uhrzeit prüfen. Wird ab dem Schlusskurs desselben Tages gerechnet, steckt ein Teil der Pointe in Stunden, in denen die Zahl noch unbekannt war.
- Die Flüsse selbst sind trotzdem lesenswert – als Zustand: Wer kauft, wer verkauft, wie groß. Das zeigt der ETF-Flow-Tracker, Tag für Tag und nach Anbieter.
Wie gerechnet wurde
Die Regeln lagen fest, bevor der erste Lauf startete: welche Tage zählen, ab welchem Schlusskurs gerechnet wird, welche zwei Zellen geprüft werden und welche Schwelle ein Befund überschreiten muss. Geprüft wurde ein Zeitraum, den vorher niemand ausgewertet hatte. Acht Vergleiche (zwei Konstellationen × zwei Horizonte × zwei Assets), deshalb eine strenge Schwelle von p < 0,00625 je Vergleich. Der kleinste gemessene Wert lag bei 0,19.
Ein zweiter Zeitraum läuft seit dem 26. September 2026 vorwärts mit denselben Regeln. Die erste Auswertung ist fällig, sobald 125 Handelstage vorliegen, also etwa Ende März 2027.
Der Abschnitt „Und mehrere rote Tage in Folge?" gehört nicht zur Studie. Er ist eine eigene Rechnung vom 28. September 2026 über den ganzen Zeitraum, mit Binance-Tageskerzen BTCUSDT und ohne vorab festgelegte Schwelle. Auch dort liegt jede Zelle innerhalb dessen, was gleich viele zufällig gezogene rote Tage ergeben.
FAQ
Welche Flussdaten wurden genutzt? Die täglichen Netto-Flüsse aller US-Spot-Bitcoin- bzw. Ethereum-ETFs zusammen, nach Handelstag. Tage mit einem Netto-Fluss von exakt null zählen nicht (13 bei BTC, 3 bei ETH).
Warum zählt der Schlusskurs des Folgetags als Start? Weil der Tagesfluss erst nach dem Börsenschluss in New York entsteht. Der erste Bitcoin-Tagesschluss, an dem er sicher bekannt war, ist der des nächsten Tages. Die Rechnung ab dem Schlusskurs desselben Tages steht zum Vergleich in der ersten Tabelle.
Warum nur 122 Tage bei Ethereum? Die ETH-Flussreihe, die hier verwendet wurde, beginnt am 28. März 2025. Die ETFs selbst handeln seit Juli 2024; die Monate davor sind in dieser Rechnung nicht enthalten.
Heißt das, ETF-Flüsse sind bedeutungslos? Nein. Sie beschreiben Nachfrage und Positionierung. Getestet wurde nur eine Frage: ob ein roter Tag mit Zuflüssen den nächsten Tag oder die nächsten sechs Tage besser macht. Das tut er nicht.
Kann sich das ändern? Ja, deshalb läuft der zweite Zeitraum vorwärts weiter. Zeigt er eine Abweichung in dieselbe Richtung, wird das hier nachgetragen.
Keine Anlageberatung, keine Empfehlung, keine Prognose — historische Muster sind keine Zusage.
Study the Past — Improve your Future 🥋