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Solltest du deinen Altcoin vor einem Token-Unlock verkaufen? Warum Token-Unlocks nicht das größte Problem eines Altcoin-Halters sind

Der Market Maker Keyrock sagt: 90 Prozent der Token-Unlocks drücken den Kurs. Gerechnet auf 1.247 Unlocks seit 2021 kostet ein Unlock tatsächlich etwas, aber nicht am Unlock-Tag. Und der größere Verlust kommt von woanders.

Backtesting Arena·21. Oktober 2026·5 Min. Lesezeit·0 Aufrufe
Solltest du deinen Altcoin vor einem Token-Unlock verkaufen? Warum Token-Unlocks nicht das größte Problem eines Altcoin-Halters sind

Bei deinem Altcoin steht ein großer Unlock an: Mehrere Prozent aller Coins werden auf einen Schlag frei, oft für Team und frühe Investoren. Der Rat dazu ist meistens derselbe: vorher verkaufen. Und eine Zahl stützt ihn scheinbar. Der Market Maker Keyrock schrieb im Dezember 2024: „90 % der Unlocks erzeugen negativen Preisdruck, unabhängig von Größe oder Art.“

Wer das liest, schaut auf den Unlock-Kalender. Gerechnet auf 1.247 Unlocks zeigt sich: Der größere Teil des Verlusts hat mit dem Unlock nichts zu tun. Die 90 Prozent messen vor allem, dass Altcoins gegen Bitcoin verlieren.

Rund um einen Unlock verlieren drei von vier Coins gegen Bitcoin

Gezählt sind alle einmaligen Freigaben, die DefiLlama seit Januar 2021 für Coins mit Binance-Handel dokumentiert: 1.247 Unlocks von mindestens 1 Prozent der freien Menge, auf 92 Coins. Gemessen ist jeweils der Kurs gegen Bitcoin, 30 Tage vor bis 30 Tage nach dem Unlock.

In 75,2 Prozent der Fälle lag der Coin danach gegen Bitcoin im Minus, im Median um 17,4 Prozent. Keyrocks 90 Prozent sind das nicht, aber drei von vier ist nah dran.

Das sieht nach einem klaren Urteil gegen Unlocks aus. Es fehlt allerdings der Vergleich: Wie oft verlieren dieselben Coins gegen Bitcoin, wenn gar kein Unlock ansteht?

Ohne Unlock verlieren dieselben Coins fast genauso oft

Als Vergleich dienen für jeden Coin alle Zeitfenster gleicher Länge, in denen 45 Tage davor und danach kein Unlock von mindestens 0,5 Prozent lag. Für 891 der Unlocks gab es auf ihrem Coin genug solcher Vergleichsfenster:

61 Tage gegen Bitcoinmit Unlockohne Unlock, derselbe Coin
Anteil im Minus74,3 %69,5 %
Median−16,9 %−12,6 %

Sieben von zehn Fenstern enden auch ohne Unlock im Minus. In zwei Monaten verliert ein typischer Altcoin hier gut 12 Prozent gegen Bitcoin, ganz ohne Freigabe. Der Unlock ist nicht der Grund, warum Altcoins gegen Bitcoin verlieren. Er kommt obendrauf.

Wie viel er obendrauf legt, lässt sich aus demselben Vergleich ablesen.

Der Unlock kostet gut vier Prozent, und zwar vorher

Vergleicht man jeden Unlock mit den unlockfreien Fenstern seines eigenen Coins, bleibt im Median ein Abschlag von 4,9 Prozent gegen Bitcoin. Die Spanne reicht von −10,6 bis −1,1 Prozent, der Effekt ist also klein, aber echt.

Aufgeteilt nach Zeitpunkt:

Unlock-Effekt gegen Bitcoin, MedianWert95-%-Spanne
30 Tage vor dem Unlock−4,3 %−6,9 … −1,6 %
Unlock-Tag bis 30 Tage danach−0,7 %−2,9 … +2,1 %

Fast der ganze Abschlag fällt in den Monat vor dem Unlock. Danach ist kein Unterschied zu normalen Wochen mehr messbar. Das ergibt Sinn: Der Termin steht Monate vorher im Freigabeplan, und wer verkaufen oder absichern will, tut es vorher. Auch Keyrock beschreibt, dass die Kurse oft 30 Tage vorher nachgeben. Am Unlock-Tag ist der Abschlag schon bezahlt.

Bleibt die Frage, ob große Unlocks und Team-Unlocks anders laufen.

Größere Unlocks kosten mehr, Team-Unlocks nicht

Die Größe zählt. Unlocks von mindestens 5 Prozent der freien Menge kosteten im Median 8,5 Prozent gegen Bitcoin, kleinere zwischen 1 und 5 Prozent 3,8 Prozent.

Bei den Empfängern zeigt sich das Gegenteil dessen, was Keyrock schreibt. Dort heißt es, Team-Unlocks lösten „die schlimmsten Einbrüche (−25 %)“ aus. In dieser Rechnung kosteten Unlocks an Team und Investoren im Median 3,9 Prozent, alle übrigen 8,3 Prozent. Beide Vergleiche sind beschreibend, also nicht als eigener Test vorab festgelegt. Wer bekommt, ist weniger wichtig als wie viel frei wird.

16.000 Unlocks klingen nach mehr Beweis, als drinsteckt

„Keyrock hat über 16.000 Unlocks ausgewertet, hier sind es 1.247.“

Die 16.000 entstehen, weil Keyrock laufende Freigabepläne in einzelne Ereignisse zerlegt, verteilt auf 40 Coins. Gemessen wird gegen Ether, nicht gegen Bitcoin. Eine Vergleichsgruppe ohne Unlock beschreibt die Studie nicht, und wie die 90 Prozent berechnet sind, steht nicht im Text. Hier sind es nur einmalige Freigaben ab 1 Prozent, dafür auf 92 Coins und jeweils gegen denselben Coin ohne Unlock gestellt.

In einem Punkt sind sich beide Rechnungen einig: Der Druck kommt vor dem Termin. Der Unterschied liegt im Vergleich. Ohne Vergleichsgruppe zählt man den Altcoin-Abschlag dem Unlock zu.

Wo die Rechnung an Grenzen stößt

Ein Unlock ist kein Verkauf. DefiLlama dokumentiert Freigabepläne, nicht, was danach tatsächlich an Börsen ankommt. Verschobene Termine fehlen in den Plänen.

Gerechnet ist nur mit Coins, die heute noch auf Binance handeln. Coins, die nach einem Unlock delistet wurden, fehlen. Sie dürften eher schlechter gelaufen sein, der echte Abschlag kann also größer sein.

Viele Coins haben Unlocks jeden Monat, ihre Fenster überlappen sich. Die Spannen sind deshalb über Coins statt über einzelne Unlocks berechnet. Die Regeln für Auswertung und Urteil lagen fest, bevor der erste Lauf startete.

Die teurere Frage steht nicht im Kalender

Willst du wegen eines Unlocks verkaufen, ist der Unlock-Tag zu spät. Der Abschlag von im Median gut 4 Prozent fällt in den Monat davor, und je größer die Freigabe, desto größer der Abschlag.

Die größere Zahl ist aber die andere: Dieselben Coins verloren ohne jeden Unlock in zwei Monaten im Median 12,6 Prozent gegen Bitcoin, in sieben von zehn Fenstern. Bevor du auf den nächsten Termin schaust, lohnt die Frage, warum du den Altcoin statt Bitcoin hältst. Wie viele Altcoins Bitcoin gerade schlagen, zeigt das Altcoin-Saison-Dashboard. Ob sich Umschichten historisch gelohnt hat, steht im Stück Altcoin-Saison in Sicht: Lohnt es sich, jetzt von Bitcoin umzuschichten?.

Die nächste Messung ist die Gegenprobe zum Monat davor: ob sich der Abschlag mit einem Short handeln lässt, wenn Gebühren und Funding dazukommen.

FAQ

Was ist ein Token-Unlock? Viele Projekte geben einen Teil ihrer Coins erst nach und nach frei, etwa an Team, Investoren oder Förderprogramme. Ein Unlock ist eine solche Freigabe. Gerechnet ist nur mit einmaligen Freigaben an einem festen Tag, nicht mit laufenden täglichen Freigaben, weil diese keinen Termin haben.

Wie wurde der Vergleich ohne Unlock gebaut? Für jeden Coin alle Tage, an denen 45 Tage davor und danach kein Unlock von mindestens 0,5 Prozent lag, mit denselben Fenstern wie beim Unlock. Je Coin zählt der Median dieser Fenster. Der Unlock-Effekt ist der Unterschied zwischen dem Unlock-Fenster und diesem Median.

Warum gegen Bitcoin und nicht in Dollar? Weil die Frage ist, ob du den Coin statt Bitcoin halten solltest. In Dollar gemessen hinge das Ergebnis vor allem davon ab, ob der ganze Markt gerade steigt oder fällt.

Woher kommen die Daten? Freigabepläne von DefiLlama, abgerufen am 20.10.2026, Tageskurse von Binance bis 18.10.2026. Unlocks von Januar 2021 bis September 2026.

Keine Anlageberatung, keine Empfehlung, keine Prognose — historische Muster sind keine Zusage.

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