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Kann man Trading-Bots im Bitcoin-Chart erkennen? Der Chart zeigt die Uhrzeit, nicht den Täter

Im Dezember 2025 schrieb der X-Account Whale Factor, Bitcoin falle seit November regelmäßig 2 bis 3 Prozent in den ersten Minuten nach der US-Börseneröffnung und nannte Jane Street als Verursacher. Die Eröffnungsstunde war tatsächlich die schwächste des Tages. Um 2 Prozent fiel Bitcoin in den ersten 15 Minuten aber an keinem einzigen Tag.

Backtesting Arena·22. Oktober 2026·7 Min. Lesezeit·1 Aufrufe
Kann man Trading-Bots im Bitcoin-Chart erkennen? Der Chart zeigt die Uhrzeit, nicht den Täter

Am 23. Februar 2026 verklagte der Insolvenzverwalter von Terraform Labs Jane Street, wegen Geschäften rund um den Terra-Zusammenbruch 2022. Zwei Tage später schrieben die Glassnode-Gründer Jan Happel und Yann Allemann: „Jane street Lawsuit gets made public, and miraculously the 10am $btc slam disappears.“ Zerohedge postete einen Chart dazu, Kommentar: „would you look at that“.

Die Idee dahinter kennst du vielleicht aus deinem eigenen Chart: jeden Tag zur selben Uhrzeit eine große rote Kerze. Das muss eine Maschine sein, und wer die Maschine sieht, kann gegen sie handeln.

Zwei Jahre 5-Minuten-Kerzen von Bitcoin, Ether und Solana geben darauf eine klare Antwort. Der Chart zeigt tatsächlich ein Muster: die Uhr der New Yorker Börse. Einen Bot zeigt er nicht.

Die Eröffnungsstunde war wirklich die schwächste des Tages

Zuerst das, was für die Behauptung spricht. Zwischen dem 3. November 2025 und dem 20. Februar 2026 gab es 75 US-Handelstage. In der Stunde ab Börsenstart, 9:30 bis 10:30 Uhr New Yorker Zeit, verlor Bitcoin im Schnitt 0,19 Prozent. Keine andere Stunde des Tages war schwächer.

Zählt man die 75 Eröffnungsstunden zusammen, kommen minus 14,4 Prozent heraus. Bitcoin fiel in dieser Zeit von 107.900 auf 67.800 Dollar. An Wochenenden und US-Feiertagen, wenn die Börse geschlossen ist, lag dieselbe Uhrzeit im Schnitt bei minus 0,01 Prozent.

Wer im Winter morgens die rote Kerze sah, hat sich das nicht eingebildet. Offen ist, ob dahinter ein Verkäufer steckt, der jeden Tag zuschlägt.

Täglich zwei bis drei Prozent gab es nicht

Behauptet waren drei Dinge: regelmäßig, zwei bis drei Prozent, innerhalb von Minuten. Dieselben 75 Tage:

Bitcoin, 03.11.2025–20.02.2026Tage
Eröffnungsstunde im Minus42 von 75
Eröffnungsstunde im Plus33 von 75
Eröffnungsstunde −2 % oder schlechter5
Eröffnungsstunde +2 % oder besser2
erste 15 Minuten −2 % oder schlechter0

An 33 von 75 Tagen stieg Bitcoin in genau der Stunde, in der der Bot verkauft haben soll. In den ersten 15 Minuten fiel der Kurs an keinem einzigen Tag um zwei Prozent. Selbst der Durchschnitt ist wackelig: Mit 75 Tagen lässt sich nicht sicher sagen, dass die Stunde im Mittel überhaupt negativ war. Das statistische Intervall reicht von minus 0,46 bis plus 0,09 Prozent.

Die Regelmäßigkeit stand in den Posts, nicht in den Kerzen. Bleibt die Frage, warum gerade diese Stunde so oft schwach war.

Das Muster war vorher da und kam nach der Klage zurück

Im Jahr davor, November 2024 bis Oktober 2025, stieg Bitcoin von 69.400 auf 110.200 Dollar, also um 59 Prozent. Trotzdem war die Eröffnungsstunde auch in diesem Jahr die schwächste des Tages, bei Ether und Solana noch deutlicher als bei Bitcoin. Bei Solana liegt sogar das ganze statistische Intervall unter null:

Eröffnungsstunde, Schnitt je HandelstagBitcoinEtherSolana
Nov 2024 – Okt 2025−0,04 %−0,11 %−0,17 %
Nov 2025 – 20.02.2026−0,19 %−0,23 %−0,19 %
24.02.2026 – 20.10.2026+0,06 %−0,05 %+0,02 %

Der schwächste Monat der ganzen zwei Jahre war der März 2025. Damals summierten sich die Eröffnungsstunden bei Bitcoin auf minus 11 Prozent, neun Monate vor dem ersten Jane-Street-Post.

Nach der Klage drehte die Stunde bei Bitcoin im Schnitt ins Plus. Im Mai und Juni 2026 kam sie aber zurück: Im Mai schloss sie an 15 von 20 Handelstagen im Minus, im Juni summierte sie sich auf minus 5,6 Prozent. Bei Ether blieb sie nach der Klage im Minus.

Ein Muster, das vor dem angeblichen Täter da war und nach seinem angeblichen Rückzug wiederkam, braucht eine andere Erklärung. Die steht im selben Chart, nur auf einer anderen Achse.

Was der Chart zeigt, ist die Uhr der Wall Street

Entscheidend ist nicht, in welche Richtung sich Bitcoin zur Eröffnung bewegt, sondern wie stark. Gemessen wird die Spanne, also der Abstand zwischen Hoch und Tief innerhalb der Stunde:

Bitcoin, Spanne 9:30–10:30 New Yorker Zeit (Median)BörsentagWochenende/Feiertag
Nov 2025 – 20.02.20261,60 %0,43 %
24.02.2026 – 20.10.20261,12 %0,37 %

Zur selben Uhrzeit bewegt sich Bitcoin an einem Börsentag drei- bis viermal so stark wie am Wochenende. Den deutlichsten Beleg liefert die Zeitumstellung. Bitcoin handelt rund um die Uhr und kennt keine Sommerzeit. Trotzdem wandert die unruhigste Stunde mit: Im Sommer liegt sie bei 14 Uhr UTC, im Winter bei 15 Uhr UTC. Sie folgt also New York.

Um 8:30 Uhr New Yorker Zeit kommen die US-Konjunkturdaten, um 9:30 Uhr öffnet die Aktienbörse, und erst dann handeln die Bitcoin-ETFs. In dieser Stunde wird fast doppelt so viel gehandelt wie in einer mittleren Stunde, einen Teil davon führen Algorithmen von Market Makern und ETF-Händlern aus. Wenn in einer Abwärtsphase ohnehin verkauft wird, fällt viel davon in diese Stunde. Der Analyst Alex Krüger rechnete im Februar nach, dass der Bitcoin-ETF IBIT zwischen 10:00 und 10:30 Uhr eng mit der Technologiebörse Nasdaq lief.

Zum Vergleich die Funding-Zeitpunkte der Perpetual-Futures, alle acht Stunden um 0, 8 und 16 Uhr UTC. Dort laufen garantiert automatisierte Abrechnungen. Im Chart sind sie kaum zu sehen: Die erste 5-Minuten-Kerze danach bewegt sich im Median um 0,071 Prozent, andere volle Stunden um 0,067 Prozent.

Der Chart verrät, wann viel passiert. Wer handelt, verrät er nicht.

Bots findet man in Kontodaten, nicht in Kerzen

Den bekanntesten Bot der Bitcoin-Geschichte gab es wirklich. 2013 kaufte ein Programm auf der Börse Mt. Gox, später „Willy“ genannt, alle paar Minuten 10 bis 19 Bitcoin, insgesamt 268.132 Bitcoin für 112 Millionen Dollar, ohne dafür zu bezahlen. Forscher der University of Tulsa und der Universität Tel Aviv werteten das 2017 aus. Mt.-Gox-Chef Mark Karpelès gab vor einem japanischen Gericht zu, den Bot betrieben zu haben.

Gefunden wurde Willy nicht im Chart. Grundlage waren Handelsprotokolle von Mt. Gox, die im März 2014 geleakt wurden: Konten, die nur kauften, nie verkauften und sogar handelten, während die Börse offline war. Im Chart sah dieselbe Zeit aus wie eine Blase: Bitcoin stieg in zwei Monaten von rund 150 auf über 1.000 Dollar.

Der einzige gut belegte Bitcoin-Bot sah im Chart aus wie Begeisterung. Wer einen Bot nachweisen will, braucht Konten und Aufträge, nicht Kerzen.

Gegen den 10-Uhr-Dump zu handeln, hätte Geld gekostet

Wer an einen täglichen Bot glaubt, will gegen ihn handeln: jeden Börsentag um 9:30 Uhr Bitcoin leerverkaufen und um 10:30 Uhr zurückkaufen. Gerechnet mit 0,05 Prozent Gebühr je Seite, wie bei Futures üblich:

Short zur Eröffnung, jeden Börsentagohne Gebührmit 0,05 % je Seite
ab dem Whale-Factor-Post, 10.12.2025–20.02.2026+12,7 %+7,3 %
nach der Klage, 24.02.–20.10.2026−10,4 %−24,1 %
Vorjahr, Nov 2024 – Okt 2025+8,6 %−15,4 %

Die erste Zeile ist Rückblick: Sie setzt voraus, dass man das Ende des Musters schon kannte. Wer nach dem Post anfing und einfach weitermachte, lag bis Oktober bei minus 19 Prozent. Selbst im Jahr davor, als die Eröffnungsstunde ebenfalls die schwächste war, fraßen die Gebühren den Vorsprung auf.

Nützlich ist die Uhr trotzdem, nur an anderer Stelle. Ein Stop ein Prozent unter dem Kurs liegt zur US-Eröffnung innerhalb der üblichen Schwankung einer einzigen Stunde. Dieselbe Order übersteht dieselbe Uhrzeit am Wochenende meistens ohne Mühe. Mit der Uhr kannst du planen. Gegen sie wetten lohnt sich nicht.

Was Kursdaten nicht beweisen können

Die Zahlen stammen aus Binance-Spotkursen. Andere Börsen und der ETF-Handel selbst sind nicht einzeln gerechnet, laufen aber wegen der Arbitrage eng mit. Die Auswertung kann nicht ausschließen, dass irgendwer zur Eröffnung verkauft hat. Sie zeigt nur, dass sich im Chart kein täglicher Verkäufer abzeichnet und dass das Muster nicht an die Jane-Street-Zeit gebunden ist. Die Klage gegen Jane Street betrifft den Terra-Zusammenbruch 2022, nicht den Bitcoin-Kurs zur Börseneröffnung. Jane Street nennt die Vorwürfe der Klage „baseless, opportunistic“. Perioden, Fenster und Kontrollen lagen fest, bevor der erste Lauf startete.

Wenn der Chart wieder eine Uhrzeit zeigt

Zeigt dir jemand die nächste Maschine, die jeden Tag zur selben Uhrzeit zuschlägt, kannst du sie mit drei Fragen prüfen: Passiert es wirklich an den meisten Tagen, oder nur an den Tagen, die gepostet werden? Gab es das Muster schon, bevor der angebliche Täter auftauchte? Und bewegt sich der Kurs zur selben Uhrzeit am Wochenende genauso?

Für den Bitcoin-Morgen fallen alle drei Antworten gleich aus. Was bleibt, ist eine Stunde, in der mehr passiert als sonst. Dein Stop sollte das wissen.

FAQ

Warum 9:30 Uhr, wenn vom „10am slam“ die Rede war? Um 9:30 Uhr New Yorker Zeit öffnet die Börse. Whale Factor schrieb vom „cash open“, Negentropic vom „10am slam“. Geprüft wurden beide Fenster. Auch 10:00 bis 10:30 Uhr war im Winter leicht negativ (−0,07 % im Schnitt, an 52 % der Tage im Minus) und an genau einem Tag zwei Prozent oder mehr im Minus.

Heißt das, Jane Street hat nichts gemacht? Nein. Das lässt sich aus Kursdaten weder beweisen noch ausschließen. Belegen lässt sich: Der Chart zeigt keinen täglichen Abverkauf, und das Muster gab es vor und nach der Jane-Street-Zeit.

Sind nicht ohnehin viele Trades automatisiert? Eine belastbare öffentliche Zählung für Krypto war nicht zu finden. Und ein Algorithmus kauft so gut wie er verkauft: Market Maker stellen beide Seiten, Arbitrage-Programme kaufen auf der einen Börse, was sie auf der anderen verkaufen. Deshalb ist „ein Algorithmus war's“ keine Erklärung für eine Kursrichtung. Die Frage ist, wer in welche Richtung handelt, und das steht nicht im Chart.

Keine Anlageberatung, keine Empfehlung, keine Prognose — historische Muster sind keine Zusage.

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