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Lohnt sich die Anchored-VWAP-Strategie? Nachgerechnet mit sechs Jahren Bitcoin

Die Anchored-VWAP-Strategie zieht ab einem selbst gewählten Startpunkt, etwa dem letzten Tief, eine Linie mit dem Durchschnittspreis und kauft, solange der Kurs darüber liegt. Ihr Ergebnis hängt an diesem Startpunkt. Auf sechs Jahren Bitcoin setzt keine von fünf gängigen Ankerregeln die Linie besser als der Zufall, und das 52-Wochen-Tief schneidet schlechter ab als 99 Prozent der Zufallsanker. Warum das so ist, warum die Charts trotzdem überzeugen und was du stattdessen nimmst.

Backtesting Arena·7. Oktober 2026·9 Min. Lesezeit·0 Aufrufe
Lohnt sich die Anchored-VWAP-Strategie? Nachgerechnet mit sechs Jahren Bitcoin

Die Anchored-VWAP-Strategie geht so: Du suchst dir einen Startpunkt im Chart, zum Beispiel das letzte große Tief. Ab dort zeichnet der Indikator eine Linie mit dem Durchschnittspreis, den alle Käufer seitdem bezahlt haben. Liegt Bitcoin über der Linie, bist du drin. Fällt der Kurs darunter, verkaufst du.

Auf dem Chart sieht das oft überzeugend aus. Der Kurs läuft runter, berührt die Linie und dreht. Zweimal, dreimal. Sieht aus wie Unterstützung.

Bevor du darauf eine Entscheidung baust, eine Frage: Liegt die Linie da, weil der Markt sie respektiert? Oder weil du sie genau dort hingelegt hast?

Das Versprechen: der Durchschnittspreis aller, die seit dem Anker gekauft haben

Ein normaler Durchschnitt schaut immer gleich weit zurück, zum Beispiel 200 Tage. Der Anchored VWAP startet an einem Punkt, den du wählst, etwa einem Tief, einem Hoch oder einer Nachricht. Ab da rechnet er den Durchschnittspreis aller Käufe aus, gewichtet nach Handelsvolumen.

Die Idee dahinter ist einleuchtend. Liegt der Kurs über der Linie, sind alle, die seit dem Anker gekauft haben, im Schnitt im Plus. Fällt er darauf zurück, verteidigen sie ihren Einstand.

Bekannt gemacht hat das Werkzeug Brian Shannon, unter anderem mit seinem Buch „Maximum Trading Gains With Anchored VWAP“ (2023). Für Bitcoin hat der TradingView-Autor AstralVision am 8. Mai 2026 einen Indikator mit Ankern an jedem Jahresanfang seit 2013 veröffentlicht. In der Beschreibung steht, Anchored VWAPs gehörten „to the most reliable dynamic support and resistance levels available“.

Und auf Bitcoin funktioniert das erst mal. Wir haben eine einfache Regel getestet: Long, solange der Tagesschluss über der Linie liegt, raus, sobald er darunter fällt. Die Linie startet am letzten bestätigten Wendepunkt (ein Hoch oder Tief, das 40 Tage auf jeder Seite überragt). Von Juli 2020 bis Oktober 2026 bringt das nach Gebühren 44,8 % im Jahr. Einfach Halten brachte 42,7 %. Der größte Rückgang lag bei −61,0 % statt −76,6 %. Den Out-of-Sample-Test der Plattform besteht die Regel auch.

Endete die Geschichte hier, hätte AstralVision recht. Aber eine Zahl fehlt noch: Was wäre passiert, wenn der Anker irgendwo anders gelegen hätte?

Der Test: dieselbe Regel, nur mit zufälligem Anker

Beim Anchored VWAP ist der Anker die eine Sache, die du entscheidest. Also haben wir genau die getestet.

Für fünf gängige Ankerregeln lief jeweils die Originalversion gegen 1.000 Kopien. Jede Kopie setzt den Anker zu denselben Zeitpunkten neu wie das Original, aber an eine zufällige Stelle in den letzten 252 Handelstagen. Alles andere bleibt gleich: Long über der Linie, raus darunter, 0,1 % Gebühr je Seite.

Wenn der Anker Information trägt, muss die Originalregel die meisten Zufallskopien schlagen.

AnkerregelRendite im JahrZufallsanker, die besser waren
Tiefstes Tief der letzten 252 Tage29,9 %99 %
Höchstes Hoch der letzten 252 Tage33,6 %98 %
Letzter Wendepunkt, 10 Tage bestätigt36,4 %87 %
Letzter Wendepunkt, 20 Tage bestätigt45,4 %62 %
Letzter Wendepunkt, 40 Tage bestätigt50,1 %39 %

BTCUSDT, Tageskerzen, 1. Juli 2020 bis 6. Oktober 2026, Ausführung zum Schlusskurs. Halten: 42,7 % im Jahr. Mit Ausführung erst zum Schlusskurs des Folgetags kommt die 40-Tage-Regel auf die 44,8 % von oben.

Keine der fünf Regeln setzt den Anker besser als der Zufall. Die beste liegt im Mittelfeld ihrer eigenen Zufallskopien, die anderen darunter. Die Regel vom Anfang mit ihren 44,8 % hat also nicht wegen ihres Ankers funktioniert. Sie hat funktioniert, weil Bitcoin gestiegen ist und eine Long-über-der-Linie-Regel dann meistens long ist, egal wo die Linie liegt.

Der Anker ist eine Entscheidung, keine Information.

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet der beliebteste Startpunkt am schlechtesten abschneidet.

Das 52-Wochen-Tief: eine Linie, die per Konstruktion unter dem Kurs liegt

Am Jahrestief zu verankern klingt nach dem klügsten Anker überhaupt: Die Linie zeigt den Einstand aller, die den Boden gekauft haben.

Genau das ist das Problem. Ein Durchschnitt, der am tiefsten Punkt startet, liegt fast immer unter dem Kurs. Also bleibt die Regel fast immer long, im Schnitt 79 % der Tage. Fällt der Markt auf ein neues Tief, springt der Anker dorthin, die Linie startet von unten neu, und die Regel kauft wieder.

52-Wochen-Tief als AnkerHalten
2021−3,1 %+59,8 %
2022−52,0 %−64,2 %
Größter Rückgang−78,9 %−76,6 %

Im Frühjahr 2021 fiel Bitcoin vom April-Hoch um fast die Hälfte. Die Regel blieb die ganze Zeit long, weil die Linie weit unter dem Kurs lag, und stieg erst am 23. Mai bei 34.655 $ aus. Danach kaufte sie vier kleine Erholungen und verlor bei jeder. 2022 war sie nur an 35 % der Tage investiert und verlor trotzdem gut die Hälfte: 25 Trades, 22 davon mit Verlust. Jedes neue Tief setzte den Anker neu, jede kleine Erholung war ein Kaufsignal. Von April 2021 bis Januar 2023 summiert sich das auf −78,9 %, tiefer als beim bloßen Halten.

Eine Linie, die immer unter dem Kurs liegt, kann dich nicht vor einem Absturz warnen.

Wenn das so klar ist, warum sehen die Charts dann so überzeugend aus?

Warum der Chart trotzdem überzeugt

Weil du ihn dir aussuchen kannst. Verschiebst du den Anker um ein paar Kerzen, verschiebt sich die Linie. Über sechs Jahre gibt es Tausende mögliche Startpunkte, und im Rückblick findet sich immer einer, an dem der Kurs schön dreimal abprallt.

Wie weit die Ergebnisse auseinanderliegen, zeigen die Zufallskopien. Dieselbe Regel, nur mit anderem Anker, landet irgendwo zwischen 17 % und 79 % im Jahr. Halten liegt bei 42,7 %. Ein Chart mit sauberem Abpraller zeigt dir also vor allem, welchen Anker jemand gewählt hat.

Auch ein bestandener Test schützt davor nicht. Die 40-Tage-Regel besteht den Out-of-Sample-Test der Plattform: Ausführung erst zum Schlusskurs des Folgetags, nach Gebühren, die letzten 30 % der Trades vorher nicht gesehen. Trotzdem waren 39 % der Zufallsanker besser. Ein Out-of-Sample-Test prüft, ob die Regel in neuen Daten weiterläuft. Ob ihr Anker etwas weiß, prüft er nicht.

Ein bestandener Test beweist, dass die Regel läuft, nicht, dass der Anker zählt.

Dann müsste doch wenigstens das Volumen etwas bringen? Es ist ja das V im Namen.

Der Einwand: „Aber das Volumen macht den Unterschied“

Haben wir geprüft. Jede Regel lief zweimal: einmal als echter VWAP, einmal als schlichter Durchschnitt der Preise seit dem Anker, ohne Volumengewicht.

AnkerregelVWAP minus ungewichteter Durchschnitt
Tiefstes Tief, 252 Tage+6,1 Prozentpunkte
Höchstes Hoch, 252 Tage−4,5
Wendepunkt, 10 Tage+1,6
Wendepunkt, 20 Tage−1,6
Wendepunkt, 40 Tage−2,9

Zweimal hilft das Volumen, dreimal schadet es. Rechnest du mit dem Schlusskurs statt mit dem Mittel aus Hoch, Tief und Schluss, drehen sich zwei der Vorzeichen um. Eine feste Richtung gibt es nicht.

Das Volumen ist weder das Problem noch die Lösung. Das Problem ist der Anker.

Was du damit machst

Wenn du Anchored VWAPs nutzt:

  • Lies einen Abpraller nicht als Beweis. Frag zuerst, wer den Anker gesetzt hat und ob eine andere Stelle genauso gut ausgesehen hätte.
  • Nimm das 52-Wochen-Tief nicht als Ausstiegslinie. Es liegt per Konstruktion unter dem Kurs und hat dich im Mai 2021 erst nach dem Absturz rausgeholt.
  • Prüf deine eigene Ankerregel gegen Zufallsanker, bevor du ihr Geld anvertraust. Schlägt sie nicht deutlich mehr als 95 % der Zufallskopien, trägt dein Anker keine Information.

Und zum Vergleich: So schneiden die Anker-Regeln gegen bekannte Strategien aus dem Backtester ab, gleiches Fenster, nach Gebühren.

StrategieRendite im JahrGrößter RückgangAbgeschlossene Trades
Tageskerzen, 1.7.2020 bis 6.10.2026
Halten42,7 %−76,6 %–
EMA Cross45,7 %−60,4 %45
Anchored VWAP, Wendepunkt 40 Tage44,8 %−61,0 %46
200-Tage-Linie41,8 %−63,4 %26
Golden Cross36,2 %−56,7 %6
Wuguan Master34,6 %−48,5 %35
Supertrend26,7 %−53,1 %28
Anchored VWAP, 52-Wochen-Tief24,9 %−75,2 %64
RSI/SMA Cross24,7 %−59,5 %182
Wochenkerzen, 6.7.2020 bis 5.10.2026
Halten42,1 %−75,2 %–
WMA Trend43,1 %−63,8 %3
RSI/SMA Cross42,0 %−40,4 %22
Bull Market Support Band40,7 %−46,9 %12
RSI überverkauft/überkauft12,7 %−33,0 %1

BTCUSDT, Standard-Einstellungen, Ausführung zum Schlusskurs der Folgekerze, 0,1 % Gebühr je Seite. Strategien: arena_compare_strategies und arena_run_backtest; Anchored VWAP: validate_strategy mit eigener Signalliste.

Die beste Anker-Regel landet mitten zwischen den einfachen Trendfiltern, die schlechteste ganz unten. Keine Strategie in der Tabelle schlägt das Halten um mehr als 3 Punkte, und manche Unterschiede beruhen auf einer Handvoll Trades. Der Abstand zwischen ihnen ist kleiner als die Spanne von 17 % bis 79 %, die beim Anchored VWAP allein der Startpunkt erzeugt.

Ein Anchored VWAP ist ein Trendfilter mit einer zusätzlichen Stellschraube, und die Stellschraube bringt nichts.

Wenn du nur einen Trendfilter willst, nimm einen ohne frei gewählten Startpunkt, etwa die 200-Tage-Linie („Index Regime (200-Day Trend)“ im Backtester). Eigene Signallisten kannst du mit dem Validierungswerkzeug prüfen.

Was hier nicht behauptet wird: dass Anchored VWAPs nirgends funktionieren. Getestet ist Bitcoin auf Tageskerzen, nur long, fünf Ankerregeln. Aktien im Tageshandel und Anker an festen Terminen wie Quartalszahlen sind eine andere Frage. Die offene Messung ist genau die: Gibt es einen Markt, auf dem eine Ankerregel mehr als 95 % ihrer Zufallskopien schlägt?

Wie gemessen wurde

Daten: Binance BTCUSDT, Tageskerzen, 1. Juli 2020 bis 6. Oktober 2026, 2.289 Tage. VWAP aus dem Mittel von Hoch, Tief und Schluss, gewichtet mit dem Tagesvolumen. Regel: long, wenn der Schlusskurs über der Linie liegt, sonst Cash; Rendite ab diesem Schluss, 0,1 % Gebühr je Seite. Wendepunkte gelten erst als bekannt, wenn die Bestätigungstage vorbei sind, also 10, 20 oder 40 Tage später. Wer sie sofort nutzt, sieht in die Zukunft.

Zufallsanker: 1.000 je Regel, neu gesetzt zu denselben Zeitpunkten wie die Originalregel, gleichverteilt in den 252 Tagen davor. Gegenproben mit 200 Ankern, anderem Zufallsstartwert und Schlusskurs statt Mittelpreis ändern keine Aussage. Die Regeln lagen fest, bevor die Zufallskopien liefen.

Die Renditen in den Tabellen sind mit Ausführung zum Schlusskurs gerechnet. Die 44,8 % der 40-Tage-Regel stammen aus dem Validierungswerkzeug der Plattform mit Ausführung zum Schlusskurs des Folgetags (46 abgeschlossene Trades, Aufteilung 70/30). Der größte Rückgang von −61,0 % ist mit derselben Ausführung Tag für Tag bewertet, wie beim Halten. Halten startet in allen Vergleichen am selben Tag wie die Regel, am 1. Juli 2020, nicht am jeweiligen Anker.

FAQ

Was heißt „bestätigter Wendepunkt“? Ein Tief, das tiefer ist als die 40 Tage davor und die 40 Tage danach (bei Hochs entsprechend). Du kennst es also erst 40 Tage nach dem Tief. Wer im Backtest am Tief selbst verankert, rechnet mit Wissen, das es damals nicht gab.

Warum sind manche Zufallsanker besser als Halten? Weil die Regel in steilen Abstürzen oft draußen ist. Das ist eine Eigenschaft der Regel „long über einer Linie“, nicht des Ankers. Dieselbe Eigenschaft hat die 200-Tage-Linie, ohne dass du einen Startpunkt wählen musst.

Gilt das auch für Intraday-VWAP? Der klassische VWAP startet jeden Tag zur Börseneröffnung neu. Da gibt es keinen frei gewählten Anker. Getestet ist hier nur die verankerte Variante auf Tageskerzen.

Keine Anlageberatung, keine Empfehlung, keine Prognose — historische Muster sind keine Zusage.

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