Irgendwo im Netz läuft gerade ein Chart. Bitcoin, geteilt durch den Dollar-Index, auf Zwei-Wochen-Kerzen. Darüber ein Trendfolge-System mit ATR-Bändern. Unten rechts das Ergebnisfeld (Stand Juli 2026):
10 Käufe. 10 Verkäufe. Trefferquote 100,00 Prozent. Rendite: 34.130.419 Prozent.
Das ist ein Lehrbuchfall von Backtest-Überanpassung — oder es ist keiner. Genau das ist die Frage, und sie lässt sich beantworten. Wir bauen das System nach und prüfen es.
Wir werden nicht sagen, wer das gepostet hat. Es spielt keine Rolle — dieses Muster gibt es tausendfach, und die Person ist austauschbar. Das Muster ist es nicht.
Wir könnten jetzt schreiben, dass eine Trefferquote von exakt 100 Prozent verdächtig ist, und damit hätten wir recht. Aber Rechthaben ist billig.
Deshalb machen wir es andersherum als üblich: Die Prüfregeln stehen in diesem Text. Gerechnet wird danach.
Was Überanpassung wirklich ist
Überanpassung (englisch: Overfitting) heißt nicht, dass jemand geschummelt hat. Sie entsteht meistens ohne Absicht.
Man probiert Parameter durch. Man behält die Kombination, die am besten aussieht. Und man zeigt sie. Das Ergebnis misst dann nicht mehr den Markt — es misst die Suche.
Der zweite große Fehler ist der Look-ahead-Bias: Das Signal kennt Daten, die es zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht kennen konnte. Auch das passiert meist versehentlich, und es produziert Trefferquoten, die sonst niemand erreicht.
Beide Fehler sehen im Ergebnisfeld gleich aus. Man unterscheidet sie nicht durch Hinsehen, sondern durch Rechnen.
Warum die Reihenfolge alles entscheidet
Wenn man erst rechnet und dann die Bewertungsmaßstäbe festlegt, findet man immer, was man sucht. Nicht aus Böswilligkeit — sondern weil ein Maßstab, den man nach Sichtung der Ergebnisse wählt, kein Maßstab mehr ist, sondern eine Erzählung.
In der Forschung heißt die Gegenmaßnahme Präregistrierung: Man legt öffentlich fest, was als bestanden gilt, bevor man die Daten sieht. Man bindet sich.
In der Trading-Szene kommt das praktisch nicht vor. Jeder Screenshot zeigt eine Konfiguration, die funktioniert hat. Keiner zeigt die dreißig, die es nicht taten.
Also: hier sind die Regeln. Sie werden nachher nicht angefasst.
Was wir nachbauen — und was wir nicht können
Wir wissen nicht, welcher Indikator im Original läuft. Ein Screenshot verrät es nicht. Wir bauen ein ATR-Bandsystem, wie es auf dem Chart plausibel erscheint, und nennen es, was es ist: eine Rekonstruktion, nicht die Strategie.
Das ist keine Schwäche unserer Prüfung. Das ist der erste Befund. Ein Ergebnis, dessen Parameter niemand kennt, kann niemand nachprüfen — auch nicht der, der es zeigt.
Zweite Einschränkung: Wir rechnen nicht mit dem DXY, sondern mit dem breiten Dollar-Index der US-Notenbank. Der ist frei verfügbar und vollständig — Voraussetzung dafür, dass jemand unser Ergebnis nachrechnen kann. Er ist nicht dasselbe. Wir nennen ihn deshalb auch nicht so.
Die vier Prüfungen
| Prüfung | Frage | Bestanden, wenn |
|---|---|---|
| 1 — Stichprobe | Reichen zehn Trades? | Mindestens eine Konfiguration erreicht 30+ Trades und die Aussage hält dort |
| 2 — Nenner | Trägt „geteilt durch Dollar" Information? | Signal-Überlappung mit reinem Bitcoin unter 75 % |
| 3 — Kerzen-Anker | Hängt alles am Startpunkt des Rasters? | Trade-Zahl-Abweichung ≤ 20 %, Vorzeichen stabil |
| 4 — Look-ahead | Sieht das Signal in die eigene Zukunft? | Trefferquoten-Einbruch ≤ 15 Prozentpunkte |
Erstens: reicht die Stichprobe?
Zehn Trades. Bei uns gilt: unter 30 Trades ist ein Backtest eine Anekdote, keine Evidenz. Auf sehr groben Zeitrastern senken wir die Schwelle, weil dort strukturell weniger Signale entstehen — aber wir senken sie nicht auf zehn.
Zehn Trades über acht Jahre sind ein Erlebnisbericht.
Die härtere Frage liegt darunter: Kann ein Zwei-Wochen-Chart überhaupt genug Trades erzeugen, um irgendetwas zu belegen? Wir zählen nach.
Zweitens: trägt der Nenner Information?
Bitcoin geteilt durch Dollar klingt nach Makro-Analyse. Aber der Dollar bewegt sich in Prozenten, Bitcoin in Vielfachen. Ein Divisor, der kaum schwankt, unter einem Zähler, der explodiert, ist Kosmetik.
Wir rechnen dieselbe Strategie auf Bitcoin pur und auf Bitcoin durch Dollar — und vergleichen nicht die Renditen, sondern die Signalzeitpunkte. Sind über 90 Prozent der Signale identisch, ist der Nenner Dekoration und die makroökonomische Rahmung unbegründet.
Das ist unsere Erwartung. Die Schwelle für „der Nenner trägt doch etwas bei" liegt bei unter 75 Prozent Überlappung. Fällt der Test anders aus, schreiben wir das.
Drittens: wo beginnt die erste Kerze?
Zwei-Wochen-Kerzen gibt es an keiner Börse. Sie müssen aus Tagesdaten gebaut werden — und dabei muss man entscheiden, wo die erste beginnt. Es gibt zwei Möglichkeiten.
Verschiebt man um eine Woche, ändert sich jede Kerze im Chart. Andere Hochs, andere Tiefs, andere Bänder, andere Signale. Bei zehn Trades kann ein einziger verschobener Anfang die Bilanz kippen.
Dieser Parameter steht in keinem der Charts, die man online findet. Er ist ein freier Wert, den niemand deklariert.
Wir rechnen beide Varianten. Weichen die Trade-Zahlen um mehr als 20 Prozent voneinander ab oder dreht das Vorzeichen der Rendite, dann misst das Ergebnis nicht den Markt, sondern die Wahl des Rasters.
Viertens: darf das Signal in die Zukunft sehen?
Das ist die entscheidende Prüfung, und sie erklärt die 100 Prozent möglicherweise vollständig.
Eine Zwei-Wochen-Kerze ist vierzehn Tage lang unfertig. Wenn die Bandberechnung die laufende Kerze einschließt, das Signal am Kerzenschluss entsteht und zum selben Kurs gehandelt wird, dann kennt das Signal das Hoch und das Tief seiner eigenen Kerze.
Ein solches Signal kann nicht verlieren.
Wir behaupten nicht, dass es so ist. Wir sagen, dass es prüfbar ist — und dass ein Screenshot es nicht beantworten kann.
Wir rechnen beide Ausführungen: einmal zum Schlusskurs derselben Kerze, einmal zur Eröffnung der nächsten. Bricht die Trefferquote dabei um mehr als 15 Prozentpunkte ein, ist die erste Variante kontaminiert. Dann ist die Trefferquote von 100 Prozent keine Eigenschaft der Strategie, sondern der Buchführung.
Wer sich fragt, wie wir das mechanisch prüfen: Unser Prüfverfahren für Look-ahead-Bias verlangt, dass ein Detektor über die Daten bis zum Tag t dieselben Signale liefert wie über die volle Historie. Tut er das nicht, sieht er in die Zukunft.
Der eigentliche Test: 160 Konfigurationen
Vier ATR-Längen. Fünf Multiplikatoren. Zwei Kerzen-Anfänge. Zwei Nenner. Zwei Ausführungsarten. Das sind 160 Kombinationen.
Wir rechnen alle. Und wir zeigen alle.
Denn darum geht es am Ende: Jeder Screenshot im Netz zeigt eine Zelle. Keiner zeigt das Raster.
Wenn 160 Konfigurationen desselben Systems über mehrere Größenordnungen streuen, dann ist die eine Zelle mit 34 Millionen Prozent keine Entdeckung. Sie ist eine Ziehung.
Das lässt sich nicht wegdiskutieren, und es braucht keine Unterstellung. Es braucht nur die Streuung.
Genau dieses Prinzip steckt hinter dem, wie wir Strategien auf der Plattform bewerten: nicht die beste Zelle, sondern die Verteilung, aus der sie stammt.
Was bleibt
Wenn das System alle vier Prüfungen besteht, veröffentlichen wir das. Ohne Relativierung, ohne nachgeschobene Kritik, ohne den Ton, in dem man Ergebnisse berichtet, die einem nicht passen.
Wir halten das für unwahrscheinlich. Aber das ist eine Erwartung, kein Ergebnis — und Erwartungen sind genau das, wogegen eine Präregistrierung schützt. Deshalb steht sie hier, bevor wir rechnen.
Das Ergebnis kommt als eigener Text. Es wird die Zahlen enthalten, die heute noch fehlen — und die Schwellen daneben, gegen die sie zu lesen sind.
Häufige Fragen
Was ist Überanpassung bei einem Backtest? Überanpassung entsteht, wenn Parameter so lange durchprobiert werden, bis das Ergebnis gut aussieht. Die gefundene Kombination misst dann nicht mehr den Markt, sondern die Suche. Erkennbar wird sie daran, dass die Nachbarkonfigurationen deutlich schlechter abschneiden.
Was ist Look-ahead-Bias? Look-ahead-Bias liegt vor, wenn ein Signal Daten verwendet, die zum Entscheidungszeitpunkt noch nicht verfügbar waren — etwa den Schlusskurs der Kerze, in der gehandelt wird. Er erzeugt Trefferquoten, die in der Realität unerreichbar sind.
Wie viele Trades braucht ein aussagekräftiger Backtest? Wir setzen die Schwelle bei 30 Trades. Darunter ist ein Backtest eine Anekdote. Auf groben Zeitrastern senken wir die Schwelle, weil dort strukturell weniger Signale entstehen — aber nicht beliebig.
Warum sagt eine Trefferquote von 100 Prozent wenig aus? Weil sie bei zehn Trades auch durch Zufall, Überanpassung oder Look-ahead-Bias entstehen kann. Eine hohe Trefferquote ohne Angabe der Trade-Zahl und der Ausführungsregeln ist keine Kennzahl, sondern eine Behauptung.
Was bedeutet Präregistrierung? Man legt vor der Berechnung öffentlich fest, was als bestanden gilt. Damit lässt sich der Maßstab nachträglich nicht mehr an das Ergebnis anpassen.
Study the Past — Improve your Future. 🥋