Der Bitcoin-Liquidität-Fair-Value-Chart ist eine der beliebtesten Grafiken im Krypto-Makro-Raum. Man legt den Bitcoin-Kurs über die weltweite Geldmenge (Global M2) oder die Bilanzen der Zentralbanken, zieht eine Regressionslinie hindurch und liest ab, ob Bitcoin gerade „über" oder „unter" dem Wert handelt, den die Liquidität nahelegt. Das R² liegt dabei oft bei 0,85 oder höher — das sieht überzeugend aus. Nur: Wenn zwei Kurven über Jahre gemeinsam nach oben laufen, sagt ein hohes R² fast nichts über einen echten Zusammenhang. Wir haben das Modell nachgebaut und durch den statistischen Standard-Test geschickt — und es fällt durch. Dieser Beitrag zeigt, woran das liegt und was am Ende übrig bleibt.
Das beliebte Modell in einem Satz
Man schätzt log(BTC) = α + β · log(Liquidität), nennt das Ergebnis den fairen Wert und die prozentuale Abweichung des Kurses davon die „Über-" oder „Unterbewertung". Klingt sauber. Der Haken sitzt nicht in der Formel, sondern an vier Stellen, die in der hübschen Grafik untergehen.
Falle 1: Das hohe R² ist meist nur Scheinkorrelation
Zwei Kurven, die beide über Jahre steil nach oben laufen — der Bitcoin-Kurs und die Liquidität, jeweils logarithmiert — hängen fast zwangsläufig eng zusammen, ob da nun ein echter Grund dahintersteckt oder nicht. Ein R² von 0,85 auf den absoluten Werten ist bei so gemeinsam steigenden Daten der Normalfall, kein Beweis für ein Gleichgewicht.
Der Test, der das entscheidet, heißt Kointegration. Vereinfacht: Nur wenn der Abstand zwischen beiden Kurven immer wieder zu einem Mittelwert zurückkehrt, statt frei davonzudriften, teilen sie ein echtes langfristiges Gleichgewicht — und erst dann bedeutet ein „fairer Wert" überhaupt etwas. Der übliche Weg ist der Engle-Granger-Test: erst die Regression rechnen, dann prüfen, ob der Rest — die Abweichung der Kurve von der Linie — wieder zum Mittel zurückfindet oder wegläuft (mit dem Augmented-Dickey-Fuller-Test).
Unser Ergebnis (Stichtag Juli 2026, 193 Monate ab 2010, gegen die Liquidität der drei großen Zentralbanken Fed, EZB und Bank of Japan):
| Kennzahl | Wert | Was es heißt |
|---|---|---|
| R² auf den absoluten Werten | 0,854 | hoch — sieht überzeugend aus |
| R² auf den Veränderungen (Monat zu Monat) | 0,011 | fast null — in den Bewegungen kein Zusammenhang |
| ADF-Wert (Abweichungen) | −1,84 | über dem kritischen Wert von −3,05 (bei 10 %) |
| ADF-p-Wert (grob) | ≈ 0,999 | die Abweichung läuft weg, statt zurückzukehren |
| Durbin-Watson (Abweichungen) | 0,06 | extrem — die Abweichung driftet wie eine reine Zufallsbewegung |
| Kointegriert? | nein | kein statistisch haltbarer fairer Wert |
Genau dieser Gegensatz ist das Urteil: Auf den absoluten Werten scheinbar 85 % „erklärt", in den tatsächlichen Bewegungen praktisch null. Der Durbin-Watson nahe null bestätigt es — die Abweichung findet nie zu einem Mittel zurück, das „Fair-Value-Band" hat also keinen Boden, auf dem es stehen könnte.
Falle 2: Das Modell schaut heimlich in die Zukunft
Wer die Steigung β und die Werte für den Z-Wert — den Mittelwert und die Schwankungsbreite — über die ganze Historie berechnet, benutzt Daten, die es damals noch gar nicht gab. Ein Modell von 2015 kannte weder die Steigung noch die Schwankungsbreite von 2025. Sauber wird es nur, wenn man Schritt für Schritt vorgeht und an jedem Punkt nur mit dem rechnet, was bis dahin bekannt war. Genau so rechnen wir — und selbst dann bleibt das Ergebnis negativ.
Falle 3: Die Zukunftsfenster überlappen sich
Viele dieser Charts hinterlegen die Zonen mit Statistiken über die spätere Kursentwicklung — etwa „in dieser Zone stieg Bitcoin in den folgenden sechs Monaten um X Prozent". Auf Tagesbasis überlappen sich solche Sechs-Monats-Fenster aber rund 125-fach. Die vermeintlich hundert Beobachtungen sind in Wahrheit oft nur drei bis fünf voneinander unabhängige Episoden. Wir zählen die unabhängigen Episoden je Zone — und bleiben überall unter 30. Damit greift unsere harte Regel: Unter 30 unabhängigen Beobachtungen ist etwas eine Anekdote, kein Beleg. Wir zeigen die Zahlen, verkaufen sie aber nicht als Kaufsignal.
Falle 4: „Global M2" ist selbst eine Wundertüte
Und hier wurde es beim Nachbauen unbequem. Die naheliegenden Geldmengen-Reihen der Fed-Datenbank (FRED) für den Euroraum, Japan, China und Großbritannien sind eingestellt — die letzten Werte stammen aus den Jahren 2013 bis 2019. Ein aktuelles „Global M2" lässt sich daraus schlicht nicht bauen. Wer trotzdem eine glatte, bis heute durchlaufende „Global-M2"-Linie zeigt, mischt Quellen, füllt Lücken mit Schätzungen oder verschweigt, dass da eine Lücke klafft.
Wir sind auf das umgestiegen, was aktuell und nachrechenbar ist: die Bilanzsummen der drei großen Zentralbanken (Fed, EZB, Bank of Japan), jeweils in Landeswährung, zum Tageskurs in US-Dollar umgerechnet und zusammengezählt — Stand Juni 2026 rund 17,7 Billionen Dollar. Das ist etwas anderes als M2 (Zentralbankgeld statt breite Geldmenge), aber die geläufige Definition von „globaler Liquidität". Eine Lücke nennen wir offen: China fehlt, weil die Bilanz der chinesischen Notenbank frei und aktuell nicht zu bekommen ist. Es sind also die drei großen, nicht wörtlich „die ganze Welt" — genau die Fußnote, die in der schönen Grafik fehlt.
Was das Modell über die Zeiträume hinweg sagt
Der Befund hängt nicht an einem günstig gewählten Ausschnitt:
| Zeitraum | Monate | R² (absolute Werte) | R² (Veränderungen) | Kointegriert? |
|---|---|---|---|---|
| ab 2010 | 193 | 0,854 | 0,011 | nein |
| ab 2013 | 163 | 0,828 | 0,003 | nein |
| ab 2015 | 139 | 0,750 | 0,005 | nein |
Über jeden Ausschnitt dieselbe Geschichte: hohes R² auf den Werten, fast null auf den Bewegungen, Kointegration verfehlt. Auch die Erklärung dafür ist handfest: Von 2022 bis 2024 fuhren die Zentralbanken ihre Bilanzen zurück und zogen Geld aus dem Markt, während Bitcoin sich erholte und neue Hochs machte. Genau in dieser Phase löste sich die Erzählung „Liquidität treibt den Kurs" von den Daten.
Nüchternes Fazit
Unser Schritt-für-Schritt-Modell weist zum Stichtag einen rechnerischen fairen Wert von rund 14.000 Dollar aus und Bitcoin damit als „+348 % darüber". Diese Zahl steht hier nur als Warnung: Sie ist nicht deutbar, weil die Voraussetzung — Kointegration — fehlt. Ein anders eingestelltes Modell nennt eine andere Zahl. Beide sind gleich wenig belastbar, solange der Test durchfällt.
Das heißt nicht, dass Liquidität für Bitcoin bedeutungslos wäre. Es heißt: Liquidität ist Umfeld, kein Preisanker. Sie hilft, das große Makro-Bild einzuordnen — sie taugt aber nicht als Rechner, der ausspuckt, ob Bitcoin „X Prozent zu teuer oder zu billig" ist. Zwischen einem schönen R² und einem belastbaren Modell liegt genau ein Test. Den sollte man laufen lassen, bevor man eine Zahl in den Chart schreibt.
Häufige Fragen
Was ist ein Fair Value über Liquidität für Bitcoin? Ein Regressionsmodell, das den Bitcoin-Kurs aus der weltweiten Liquidität (Global M2 oder Zentralbank-Bilanzen) „erklärt" und daraus einen Vergleichswert plus prozentuale Abweichung ableitet. Es ist ein Modell, keine Messung — und nur dann deutbar, wenn Kurs und Liquidität kointegriert sind.
Warum reicht ein R² von 0,85 nicht? Weil zwei Kurven, die beide über Jahre steigen, fast immer eng zusammenhängen, ohne einen echten Grund zu teilen — das nennt man Scheinkorrelation. Man erkennt es daran, dass das R² auf den Veränderungen gegen null fällt und der Kointegrations-Test durchfällt.
Was ist Kointegration, einfach gesagt? Zwei steigende Kurven sind kointegriert, wenn ihr Abstand zueinander immer wieder zu einem Mittel zurückkehrt, statt davonzulaufen. Nur dann gibt es ein langfristiges Gleichgewicht, um das ein „fairer Wert" überhaupt schwingen kann.
Ist Bitcoin also nicht überbewertet gegenüber der Liquidität? Die kurze Antwort: Diese Frage lässt sich mit dem Modell nicht beantworten. Weil Bitcoin und die Liquidität der drei großen Zentralbanken nicht kointegriert sind, ist jede „X Prozent über/unter fair value"-Zahl statistisch nicht haltbar.
Warum die Zentralbank-Bilanzen statt Global M2? Weil die frei verfügbaren Geldmengen-Reihen für den Euroraum, Japan, China und Großbritannien eingestellt wurden (letzte Werte 2013 bis 2019). Die Bilanzen von Fed, EZB und Bank of Japan sind dagegen aktuell und nachrechenbar. China fehlt, weil es keine frei verfügbare, aktuelle Quelle gibt — das Modell umfasst also die drei großen, nicht die ganze Welt.
Kann sich das Ergebnis mit mehr Daten ändern? Möglich, aber für diese Paarung unwahrscheinlich: Der Befund ist über die Zeiträume ab 2010, 2013 und 2015 stabil. Sollte sich künftig doch ein kointegrierter Zusammenhang zeigen, würde unser Modell ihn ausweisen — es ist so gebaut, dass es beide Ergebnisse meldet.
Was Backtesting Arena dazu beiträgt
Wir liefern das Modell als versioniertes, nachvollziehbares Wissensobjekt: die Schritt-für-Schritt-Regression, den Kointegrations-Test, die Kennzahlen (R² auf den Werten und auf den Bewegungen, Durbin-Watson) und die Herkunft der Daten — samt der offenen Punkte wie der China-Lücke. Wer die Makro-Einordnung sucht, findet sie im Macro-Regime-Dashboard; das Liquiditäts-Modell selbst steht als Wissensobjekt zum Bitcoin-Liquidität-Fair-Value mit allen Kennzahlen und Vorbehalten. Kein Kursziel, keine Empfehlung — ein Test, der ehrlich sagt, was er trägt und was nicht.