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Hat der Crash vom 10. Oktober Bitcoin in den Bärenmarkt gestürzt?

Trump kündigte Zölle an, 19 Milliarden Dollar wurden zwangsverkauft — und drei Tage später sah der Markt wieder normal aus. Anlass, Ursache und Nährboden auseinandersortiert.

Backtesting Arena·18. August 2026·10 Min. Lesezeit·0 Aufrufe
Hat der Crash vom 10. Oktober Bitcoin in den Bärenmarkt gestürzt?

Am Abend des 10. Oktober 2025 kündigte Donald Trump Zölle von hundert Prozent auf alle chinesischen Importe an. Aktien und Rohstoffe fielen — und machten Feierabend. Der Kryptomarkt macht keinen Feierabend.

In den Stunden danach liquidierten die Börsen Positionen im Wert von rund 19 Milliarden Dollar — sie verkauften sie automatisch, weil die hinterlegten Sicherheiten nicht mehr reichten. Es ist der größte Liquidationstag, den dieser Markt kennt. Vier Tage vorher hatte Bitcoin sein Allzeithoch erreicht.

Hat diese Nacht den Bärenmarkt gemacht? Nein. Sie war der Anlass. Trumps Ankündigung bestimmte den Tag, sonst nichts. Die Ursache des Absturzes war der Hebel im Markt — er bestimmte, wie tief es an diesem Abend ging. Und der Nährboden lag noch früher: Bitcoin hatte sein Hoch vier Tage zuvor erreicht, genau dort, wo es nach jedem Halving lag. Dem Markt gingen die Käufer aus.

Eine Zahl passt schlecht zu dieser Geschichte. Bitcoin verlor an diesem Tag 7,2 Prozent. Der schlimmste Tag des Abschwungs kam vier Monate später und kostete fast 14 Prozent — ohne Zölle, ohne Kaskade, ohne Schlagzeile.

Der Hebel machte aus dem Rücksetzer eine Kaskade

Wer auf Kredit kauft, hinterlegt nur einen Bruchteil des Kaufwerts als Sicherheit. Im Handel heißt dieser Betrag Margin. Fällt der Kurs weit genug, liquidiert die Börse die Position von selbst: Sie fragt niemanden, und es muss auch niemand am Bildschirm sitzen.

Jede dieser Liquidationen drückt den Kurs. Beim nächsten Konto reicht dann die Margin nicht mehr, und die Börse verkauft wieder. So lief es in dieser Nacht, tausendfach hintereinander — eine Liquidationskaskade.

Die 19 Milliarden sind nicht das Geld, das verloren ging. Sie sind der Wert der Positionen, die geschlossen wurden. Wer ein Zehntel des Kaufwerts als Margin hinterlegt hatte, verlor bei der Liquidation dieses Zehntel — in der Statistik steht der volle Betrag. CryptoQuant beziffert die tatsächlichen Verluste bei Bitcoin und Ethereum auf rund 2,3 Milliarden.

Die Zahl ist auch nach unten unsicher. Die großen Börsen begrenzen, wie viele Liquidationen sie öffentlich melden. Sie melden also ausgerechnet dann zu wenig, wenn besonders viele auf einmal anfallen.

Hebel wirkt nicht nur im Crash. Er verschiebt auch im ruhigen Markt, was von einer Strategie übrig bleibt.

Auf Binance fiel die Sicherheit auf 65 Cent

Der Stablecoin USDe soll immer einen Dollar wert sein. Auf Binance fiel er auf 65 Cent — ein Depeg, wie der Markt das nennt, wenn ein Stablecoin seine Bindung verliert. Und zwar nur dort: An den übrigen Börsen blieb er deutlich darüber.

Wer ihn dort als Sicherheit hinterlegt hatte, verlor ein Drittel seiner Margin, obwohl dieselbe Münze überall sonst fast einen Dollar wert war. Diese Leute wurden nicht liquidiert, weil sie falsch lagen. Sie wurden liquidiert, weil ihre Sicherheit für ein paar Minuten an einer Börse falsch bepreist war. Denselben Mechanismus nutzen Angreifer in dezentralen Märkten seit Jahren aus: Wer die Preisquelle bewegt, bewegt fremde Positionen.

Binance hat den Ablauf danach mit eigenen Zeitstempeln veröffentlicht. Das tun die wenigsten Börsen. Und Binance bestreitet, dass diese Preisabweichungen den Crash ausgelöst haben: Der breite Markt habe sein Tief bereits erreicht gehabt, bevor sie einsetzten.

Das ist die Darstellung der betroffenen Börse. Sie ändert nichts daran, dass Binance anschließend 283 Millionen Dollar an die betroffenen Halter zahlte. Wer zahlt, räumt einen Schaden ein.

Die kleinen Coins fielen, Bitcoin hielt sich

An diesem einen Tag verschob sich das Gewicht im Markt deutlich zu Bitcoin.

DatumBitcoin (USD)BTC-DominanzAltcoin-Dominanz
6. Okt 2025124.72058,91 %7,73 %
9. Okt 2025121.71559,35 %7,55 %
10. Okt 2025112.98060,73 %6,74 %
11. Okt 2025110.76960,49 %6,83 %
12. Okt 2025115.06859,49 %6,99 %

Die Altcoin-Dominanz — der Anteil aller Altcoins an der Marktkapitalisierung — schrumpfte um mehr als ein Zehntel, an einem einzigen Tag. Auf manchen Börsen entstanden Kurse, die es sonst nirgends gab: CoinShares dokumentiert für ATOM auf Binance einen Ausschlag bis fast auf null. Wer dort einen engen Stop-Loss liegen hatte, wurde zu einem Preis ausgeführt, den der Markt nie hatte.

Drei Tage später stand alles wieder wie vorher

Dieser Teil fehlt in den Rückblicken.

Der Arena Pulse fasst zehn Marktindikatoren zu einem Tageswert zwischen 0 und 100 zusammen. Am 10. Oktober stand er bei 68 — im selben Bereich wie die ganze Woche davor. Am Tag danach fiel er auf 58. Am 13. Oktober stand er wieder bei 64.

Drei Tage nach dem größten Liquidationstag der Marktgeschichte zeigte der Tageswert also dasselbe wie davor. Auch die Ampel für die Altcoin-Rotation blieb am Crash-Tag und zwei Tage danach grün.

Das liegt nicht an der Messung, sondern an Tagesdaten überhaupt. Ein Wert aus Schlusskursen kann ein Ereignis, das um Viertel nach neun abends beginnt, nicht vorher melden. Und er mittelt weg, was am nächsten Morgen schon halb zurückgekauft ist. Fünf Wochen dauerte es, bis der Pulse zum ersten Mal in den Risk-off-Bereich fiel.

Auch die Spekulanten drehten erst hinterher. Wer eine gehebelte Long-Position hält, zahlt die Funding Rate an die Gegenseite, solange die Käufer überwiegen. Sie blieb bis zum 11. Oktober positiv — die Long-Seite zahlte also weiter. Erst am 12. Oktober drehte sie ins Minus. (Damals speiste sie sich aus zwei Börsen, Binance und Bybit.)

Am längsten brauchten die Institutionellen:

DatumZuflüsse in Bitcoin-Spot-ETFs, insgesamt
3. Okt 202560,06 Mrd USD
9. Okt 202562,77 Mrd USD — Höchststand der Reihe
15. Okt 202562,44 Mrd USD
18. Nov 202558,22 Mrd USD
14. Aug 202651,79 Mrd USD

Der Höchststand liegt auf dem Abend vor der Kaskade, und seither wurde er nicht mehr erreicht. Noch während des Crashs floss institutionelles Geld zu. Die dauerhaften Abflüsse begannen erst danach.

In Euro war das Allzeithoch kaum eines

Der Chart, den alle gesehen haben, ist in Dollar gezeichnet. Und der Dollar war selbst in Bewegung: Gegen den Euro verlor er zwischen Februar 2025 und Januar 2026 15,0 Prozent. Wer in Euro rechnet, sieht deshalb einen anderen Markt.

Tagesschluss, BinanceHoch am 21. Jan 2025Hoch am 6. Okt 2025Abstand
in Dollar106.144124.659+17,4 %
in Euro101.927106.222+4,2 %

Beide Zeilen stammen von derselben Börse, damit der Vergleich die Währung misst und nicht die Datenquelle.

In Dollar lag das Oktober-Hoch 17,4 Prozent über dem Januar-Hoch. In Euro waren es 4,2. Vergleicht man die Tageshöchstkurse statt der Schlusskurse, bleiben in Euro 1,3 Prozent — in Dollar 15,2.

Das Oktober-Hoch war auch in Euro das Hoch, aber eben nur knapp. Damit erklärt sich, warum der 6. Oktober nicht nach Höhepunkt aussah: Ein europäischer Halter stand nach neun Monaten kaum über seinem alten Rekord.

Ruhig war der Markt trotzdem nicht. Zwischen Januar und Oktober lagen in Euro 52,9 Prozent; im April fiel der Kurs auf 69.489 Euro und lief den ganzen Weg zurück. Bewegung gab es reichlich. Klein war nur, was am Ende übrig blieb — und ein Teil davon kam vom Wechselkurs, nicht von Bitcoin.

Für den Absturz danach spielt die Währung keine Rolle. Seit dem Oktober-Hoch stehen in Dollar 48,6 Prozent Minus und in Euro 48,0. Der Wechselkurs erklärt die Höhe des Hochs, nicht den Fall.

Das Hoch kam zum üblichen Zeitpunkt nach dem Halving

Alle vier Jahre halbiert sich die Menge neuer Bitcoin je Block. Danach lief es bisher jedes Mal gleich: gut anderthalb Jahre aufwärts, ein Hoch, ein tiefer Fall.

HalvingSpäteres HochAbstand
Juli 2016Dezember 2017526 Tage
Mai 2020November 2021548 Tage
April 20246. Oktober 2025534 Tage

Das ist kein Beweis. Ein Datum, das ins Muster passt, erklärt nicht, warum ausgerechnet an diesem Abend verkauft wurde — dafür brauchte es Trump. Es erklärt aber, warum der Markt sich danach nicht mehr erholte: Die Käufer, die ein solches Hoch tragen, waren in jedem bisherigen Zyklus zu diesem Zeitpunkt aufgebraucht.

Das Muster erfüllt sich dabei zum Teil selbst. Wenn viele Halter ein Hoch im vierten Jahr erwarten, verkaufen sie vorsorglich und kaufen über dem alten Hoch zögerlicher. Trifft dann ein Schock von außen auf diese dünnere Nachfrage, kommt der erwartete Bruch tatsächlich. Der Zyklus ist damit kein Naturgesetz — aber auch kein Aberglaube. Er ist eine verbreitete Erwartung, und Erwartungen bewegen Kurse.

Der schlimmste Tag kam vier Monate später

DatumBitcoin (USD)Was passierte
13. Okt 2025115.274höchster Stand nach der Kaskade
10. Nov 2025105.979Rotationsampel springt auf Rot
13. Nov 202599.615erster Tagesschluss unter 100.000
22. Nov 202584.684Tief des Jahres 2025
14. Jan 202696.955Erholung, rund ein Siebtel über dem Tief
4. Feb 202672.998
5. Feb 202662.791stärkster Tagesverlust des Jahres
17. Aug 202663.025knapp die Hälfte unter dem Allzeithoch

Der 10. Oktober kostete 7,2 Prozent und bekam die Schlagzeilen. Der 5. Februar 2026 kostete fast 14 Prozent und ging beinahe unbemerkt vorbei. Im ganzen Jahr nach dem Hoch ist er der einzige Tag, der schlimmer ausfiel als die Rekordkaskade.

Davor lag eine Erholung. Mitte Januar stand Bitcoin deutlich über dem November-Tief, und wer nur auf den Kurs sah, sah eine Beruhigung. Aber dem Markt fehlten seit Oktober ein großer Teil des Hebels und ein großer Teil der Liquidität im Orderbuch. So ein Markt fällt härter, auch ohne neue Nachricht.

Woran dieser Text scheitern würde

Steigt Bitcoin wieder über das Hoch vom 6. Oktober 2025, ohne dass ein neues Halving dazwischenliegt, war der Oktober kein Zyklushoch, sondern eine tiefe Korrektur. Dann fällt der Nährboden weg, und übrig bleibt ein Makroschock mit langem Nachhall.

Der zweite Punkt liegt näher. Findet jemand ein Marktmaß, das vor dem 10. Oktober auf Tagesbasis gewarnt hat, ist der Befund zur Verzögerung falsch. Bisher spricht die Reihenfolge dagegen: Die Rotation aus Altcoins in Bitcoin sprang am selben Tag. Pulse, Ampel und Funding Rate sprangen später. Keines dieser Maße sprang vorher.

Anlass, Ursache, Nährboden

Anlass: Trumps Zollankündigung. Sie bestimmte den Tag, sonst nichts.

Ursache des Absturzes: der Hebel im Markt und die leeren Orderbücher. Sie machten aus einem Rücksetzer eine Kaskade — und aus dem Marktpreis für ein paar Minuten eine Frage, an welcher Börse man gerade war.

Nährboden: ein Zyklus, dem die Käufer ausgingen. Deshalb blieb es bei dem Bruch, statt dass der Markt zurückkam.

Den 10. Oktober kann man auf die Minute datieren. Das macht ihn zur besten Geschichte — nicht zur ganzen Erklärung.

Häufige Fragen

Was hat den Bitcoin-Crash am 10. Oktober 2025 ausgelöst? Trump kündigte am Freitagabend Zölle von hundert Prozent auf chinesische Importe an. Aktien und Rohstoffe schlossen kurz darauf, der Kryptomarkt handelte weiter — und traf den Schock mit so vielen Positionen auf Kredit wie nie zuvor.

Wie viel wurde am 10. Oktober 2025 liquidiert? Rund 19 Milliarden Dollar, gemessen am Nominalwert der liquidierten Positionen. Das tatsächlich verlorene Geld liegt deutlich darunter: CryptoQuant beziffert es für Bitcoin und Ethereum auf rund 2,3 Milliarden.

War der 10. Oktober 2025 das Zyklushoch? Nein. Das Allzeithoch lag vier Tage früher, am 6. Oktober 2025. Am 10. Oktober brach die Marktstruktur, das Hoch war da schon gelaufen.

Warum fielen Altcoins stärker als Bitcoin? Sie werden dünner gehandelt. Ziehen sich die Market Maker zurück, fehlen bei kleinen Coins zuerst die Bids, und Liquidationen treffen auf ein leeres Orderbuch. Die Altcoin-Dominanz schrumpfte an diesem einen Tag um mehr als ein Zehntel.

War das Allzeithoch vom Oktober 2025 auch in Euro ein Allzeithoch? Ja, aber knapp. In Dollar lag es 17,4 Prozent über dem Januar-Hoch desselben Jahres, in Euro nur 4,2 Prozent — bei den Tageshöchstkursen sogar nur 1,3. Der Rest des sichtbaren Abstands war die Abwertung des Dollars.

Hat der Vier-Jahres-Zyklus den Bärenmarkt verursacht? Er ist der Nährboden, nicht der Anlass. Das Hoch lag 534 Tage nach dem Halving und damit zwischen den 526 und 548 Tagen der beiden Vorzyklen. Das erklärt, warum die Erholung ausblieb — nicht, warum an diesem Abend verkauft wurde.


Dieser Text beschreibt Marktmechanismen und ihre Datenlage. Er ist keine Anlageberatung, keine Empfehlung und keine Prognose. Historische Muster sind keine Zusage für die Zukunft.

Quellen: Binance, Tageskerzen BTCUSDT und BTCEUR, Abruf 17. August 2026 (Währungsvergleich) · Eigene Tagesreihen zu Kurs, Marktanteilen und Rotationsampel (Datengrundlage CoinGecko), Abruf 17. August 2026 · Arena Pulse, Tageswerte, Abruf 17. August 2026 · Eigene Funding-Reihe (Binance, Bybit), Abruf 17. August 2026 · ETF-Zuflüsse: SoSoValue, Stand 14. August 2026 · Reuters: Bitcoin down 5.5%, 10. Oktober 2025 · Reuters: After record crypto crash, a rush to hedge against another freefall, 13. Oktober 2025 · CoinDesk Data: How CCIX performed during crypto's largest liquidation event · CryptoQuant, Auswertung der realisierten Liquidationsverluste, 17. Oktober 2025 · CoinShares: Billions in liquidations — what happened? · Binance, Stellungnahme zum Marktereignis vom 10. Oktober 2025 · Binance, Ankündigung zur Entschädigung für USDe, BNSOL und WBETH · Halving-Daten: Bitcoin-Blockchain (Block 840.000, 20. April 2024).

Stand: 17. August 2026.

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