Wenn die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, heißt das K-Ökonomie. Sind wir gerade in einer?
Der Buchstabe K steht seit Monaten in jeder zweiten Wirtschaftsdebatte. Meist ohne Erklärung, oft als Beweis dafür, dass die Lage schlimmer ist als die Zahlen sagen. Dabei ist der Begriff präziser, als seine Verwendung vermuten lässt — und die Fed hat ihn im Juli 2026 zum ersten Mal systematisch geprüft. Das Ergebnis ist interessanter als die Schlagzeile.
Der Buchstabe kommt aus einer alten Gewohnheit
Volkswirte beschreiben Erholungen seit Jahrzehnten mit Buchstaben. Ein V fällt steil und steigt genauso steil wieder. Ein U fällt, liegt eine Weile am Boden und kommt dann zurück. Ein L fällt und bleibt unten. Ein W fällt zweimal.
Jeder dieser Buchstaben zeichnet eine Linie. Das K zeichnet zwei.
Aufgetaucht ist es im April 2020 auf Twitter, bei einem anonymen Account namens Ivan the K. Der Verhaltensökonom Peter Atwater griff es auf und schrieb den Sommer über darüber, im August 2020 lief der Begriff durch die Medien. Atwater kam nicht über Vermögensdaten darauf, sondern über Stimmung: Wer ins Homeoffice wechseln konnte, fasste innerhalb weniger Wochen wieder Zuversicht. Wer im Krankenhaus, an der Supermarktkasse oder in der Fabrik stand, verlor sie weiter.
Es gibt keine verbindliche Definition
Genau hier fängt das Problem an. Die Richmond Fed schreibt es in ihrem Brief vom Juli 2026 gleich am Anfang: Eine allgemein akzeptierte Definition existiert nicht. Die vorliegenden Analysen unterscheiden sich darin, wie sie Haushalte einteilen und was sie überhaupt messen.
Die Autoren legen sich deshalb fest, und zwar streng. K-förmig heißt für sie: Bei hohen Einkommen verbessert sich die Lage, bei niedrigen verschlechtert sie sich. Nicht langsamer, sondern rückwärts. Eine Wirtschaft, in der niedrige Einkommen um 2 Prozent wachsen und hohe um 6, ist nach dieser Definition ausdrücklich nicht K-förmig.
Gruppiert wird nach Haushaltseinkommen in Fünftel: unterste 20 Prozent, oberste 20 Prozent, die mittleren 60 Prozent dazwischen. Gerechnet wird mit Einkommen nach Steuern und Transfers, weil das die Summe ist, die ein Haushalt tatsächlich ausgeben kann.
Wer die Definition lockerer fasst — etwa „der Abstand wächst" —, findet seit 1994 fast durchgehend ein K. Wer sie streng fasst, findet es selten. Der Streit über die Form ist zu großen Teilen ein Streit über die Definition.
Was dabei herauskommt
Das reale Einkommen nach Steuern über drei Jahrzehnte, 1994 bis 2024:
| Gruppe | Reales Einkommenswachstum 1994–2024 |
|---|---|
| Untere 20 Prozent | rund 13 Prozent |
| Mittlere 60 Prozent | rund 26 Prozent |
| Obere 20 Prozent | knapp 63 Prozent |
Alle drei Gruppen liegen im Plus. Nach der strengen Definition ist der Gesamtzeitraum damit nicht K-förmig. Der Abstand wächst trotzdem deutlich — das eine widerspricht dem anderen nicht.
Zwei Phasen sehen anders aus. Zwischen 2002 und 2006 und noch einmal zwischen 2010 und 2013 fiel das reale Einkommen der unteren Gruppe, während das der oberen stieg. Beides sind Erholungsphasen nach einer Rezession.
Nach der Corona-Rezession passierte das nicht. Die drei Gruppen bewegten sich zusammen, getragen von staatlichen Transfers. Wer die K-Form mit „seit Corona" begründet, begründet sie mit der einen Rezession, in der sie beim Einkommen ausblieb.
Woher das Geld kommt
Die Zerlegung nach Einkommensquellen erklärt, warum.
Bei hohen Einkommen sind Erwerbseinkommen die größte Quelle und zugleich der größte Wachstumstreiber. Steuern und Transfers zusammen ergeben für diese Gruppe einen negativen Posten — sie zahlt mehr, als sie bekommt. Das stärkste Wachstum verzeichnete daneben die Restkategorie: Zinsen und Dividenden auf Vermögen.
Bei niedrigen Einkommen kehrt sich das Bild um. Über den gesamten Zeitraum stammt mehr als die Hälfte ihres Einkommens aus Transfers abzüglich Steuern. Und das Wachstum zwischen 2014 und 2024 kam fast vollständig aus diesem Posten, nicht aus Löhnen.
Ein Detail aus derselben Rechnung sagt viel über die Phasen: Zwischen 1999 und 2004 wuchsen die realen Erwerbseinkommen der oberen Gruppe, während sie bei allen anderen schrumpften.
Einkommen und Konsum geben verschiedene Antworten
Was ein Haushalt verdient, ist nicht dasselbe wie das, was er ausgibt. Beim Konsum fallen die Unterschiede deutlich kleiner aus als beim Einkommen — Haushalte glätten, sie leihen oder sparen auf, und das Steuer- und Transfersystem verteilt um.
Eine Einschränkung nennen die Autoren selbst: Die zugrunde liegende Verbrauchserhebung erfasst die Ausgaben hoher Einkommen vermutlich zu niedrig, und zwar vor allem bei Luxusgütern. Korrigiert man das, wird die Spreizung erheblich größer.
Beim Konsum finden sich schwache K-Muster in den Jahren 2002 bis 2004, 2011 bis 2013 und 2021 bis 2023. Der letzte Zeitraum ist der bemerkenswerte: Dort war der Konsum K-förmig, das Einkommen aber nicht.
Neuere Daten, die die New York Fed aus Handelsdaten der Firma Numerator aufbereitet, reichen von Anfang 2023 bis ins erste Quartal 2026. Sie zeigen 2023 ein K, ab 2024 dann einen gleichmäßigen Anstieg über alle Einkommensgruppen hinweg — und zuletzt einen Rückgang.
Warum kurze Phasen lange nachwirken
Hier liegt der Befund, der in der öffentlichen Verwendung des Buchstabens meist fehlt. Auf K-förmige Phasen folgen überwiegend keine steilen Erholungen. Was in so einer Phase verloren geht, kommt größtenteils nicht zurück.
Dazu kommt die Mobilität. Wäre der Auf- und Abstieg zufällig, wäre niemand dauerhaft auf einem Arm des K: Über ein Leben hinweg verbrächte jeder Haushalt ungefähr gleich viel Zeit oben wie unten, und der Durchschnitt läge in der Mitte. Tatsächlich ist die Einkommensmobilität in den USA niedrig. Wer auf einem Arm sitzt, bleibt dort mit hoher Wahrscheinlichkeit.
Beides zusammen ergibt die eigentliche Aussage: Es braucht keinen Dauerzustand, um dauerhafte Unterschiede zu erzeugen. Ein paar Jahre reichen, wenn danach niemand aufholt.
Warum ein Durchschnitt das nie zeigen kann
Eine K-Form lässt sich an keiner einzelnen Durchschnittszahl ablesen. Nicht am BIP, nicht am Medianeinkommen, nicht an der Inflationsrate. Das liegt nicht an der Datenqualität, sondern an der Konstruktion: Zwei Gruppen, die sich in entgegengesetzte Richtungen bewegen, ergeben einen Durchschnitt, der sich kaum bewegt. Die Spaltung verschwindet im Mittelwert, weil ein Mittelwert genau dafür gebaut ist.
Deshalb braucht es Verteilungsdaten — die Haushaltsbefragung nach Fünfteln, die Verbrauchserhebung, die Distributional Financial Accounts. Diese Datensätze existieren aus genau diesem Grund.
Dasselbe gilt für die Inflation. Eine Rate trifft verschiedene Warenkörbe verschieden. Die Zahl in der Meldung ist ein Durchschnitt über Ausgabenmuster, die sich zwischen den Gruppen deutlich unterscheiden.
Derselbe Mechanismus steckt in jedem Index
Ein Aktienindex ist auch ein Durchschnitt. Ein nach Marktkapitalisierung gewichteter Index ist sogar ein gewichteter Durchschnitt: Er sagt etwas über die größten Mitglieder, nicht über das typische.
Ein Beispiel aus diesem Jahr. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die sieben großen Techwerte zusammengenommen unverändert, während der S&P 500 im selben Zeitraum um 9,3 Prozent zulegte. 2023 und 2024 lief es umgekehrt: Eine schmale Gruppe trug fast die gesamte Bewegung, der Rest kam kaum mit.
Zwei völlig verschiedene Märkte. Am Indexstand allein lässt sich nicht unterscheiden, welcher gerade läuft. Dafür schaut man auf die Marktbreite — etwa auf denselben Index gleichgewichtet gegen kapitalisierungsgewichtet. Das ist nichts anderes als die Frage nach der Verteilung statt nach dem Mittelwert.
In einem Backtest stellt sich dieselbe Frage noch einmal. Eine Durchschnittsrendite über fünf Jahre sagt nicht, ob sie aus drei Trades kam oder aus dreißig. Sie sagt nicht, wie tief es zwischendurch ging und wie lange. Genau diese beiden Größen — Tiefe und Dauer des Drawdowns — sind Verteilungsgrößen, und sie entscheiden, ob eine Strategie durchhaltbar ist. Der Mittelwert entscheidet das nie.
Der Streit läuft weiter
Ob die US-Wirtschaft gerade K-förmig ist, ist offen. Das Bank of America Institute sieht den Abstand beim Kartenumsatz zwischen den Einkommensgruppen seit Mai 2026 schrumpfen und spricht von Annäherung statt Spaltung. Die Minneapolis Fed hat die Konsumdaten im selben Jahr eigens durchgesehen. Andere Buchstaben sind im Umlauf.
Das ist kein Grund, den Begriff wegzulegen. Er beschreibt ein reales Muster und benennt die richtige Frage. Es lohnt sich nur, bei jeder Verwendung drei Dinge nachzufragen: nach welcher Definition, mit welchen Daten, über welchen Zeitraum. Der Buchstabe ist eine Beschreibung, keine Messung.
Nicht Anlageberatung, keine Prognose.
Quellen: Federal Reserve Bank of Richmond, Economic Brief Nr. 26-23, Juli 2026, „Is the US Economy K-Shaped? Evidence From the Past Three Decades" (DeMaria, Jones, Mengedoth, Neelakantan) · Federal Reserve Bank of Richmond, Speaking of the Economy, 17. Juni 2026 · Federal Reserve Bank of New York, Liberty Street Economics, Mai 2026 · Federal Reserve Bank of Minneapolis, Jeff Horwich, 2026 · Peter Atwater, „The K-Shaped Recovery: A Narrative Economics Case Study", September 2020 · CNBC, 23. und 29. August 2026
Study the Past — Improve your Future 🥋