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Gap-Fill-Mythos: Werden Kurslücken wirklich gefüllt? (Und das Ende des CME-Gaps)

„Kurslücken werden immer gefüllt" ist ein Mythos. Was die Empirie wirklich zeigt — bei Aktien-Gaps und beim CME-Gap, der seit Mai 2026 Geschichte ist.

Backtesting Arena·19. Juni 2026·8 Min. Lesezeit·0 Aufrufe
Gap-Fill-Mythos: Werden Kurslücken wirklich gefüllt? (Und das Ende des CME-Gaps)

Es gibt kaum eine Regel, die im Trading so oft wiederholt wird wie diese: „Kurslücken werden immer gefüllt." Im englischen Jargon heißt die Kurslücke Gap, und kaum ein Chart-Tutorial kommt ohne den Satz aus, der Kurs kehre früher oder später zum Niveau vor der Lücke zurück. Das klingt nach einer verlässlichen Gesetzmäßigkeit. Auf der nüchternen, datengestützten Ebene ist es vor allem eines: ein Mythos mit wahrem Kern.

Der Anlass, das gerade jetzt sauber zu sortieren, ist konkret. Ende Mai 2026 hat die Terminbörse CME den Wochenend-Handel für Bitcoin-Futures eingeführt — und damit die berühmteste Kurslücke der Kryptowelt, den CME-Gap, faktisch abgeschafft. Ein guter Moment, zwei Dinge auseinanderzuhalten, die oft in einen Topf geworfen werden: Aktien-Kurslücken, die es weiterhin gibt, und den CME-Gap, der gerade Geschichte geworden ist.

Stand der Markt- und Strukturdaten: Juni 2026. Einzelne Kurs- und Statistikangaben sind quellen- und zeitabhängig.

Wie Kurslücken entstehen

Eine Kurslücke entsteht, wenn der Handel pausiert, die Information aber nicht. Bei Aktien ist die Börse nur zu festen Zeiten geöffnet. In der Pause laufen Quartalszahlen ein, es kommen Nachrichten, ausländische Märkte und der Terminhandel bewegen sich weiter. Beim nächsten Öffnen verarbeiten die Orders, die vorher platziert wurden, all das in einem neuen Eröffnungskurs. Liegt der über oder unter dem letzten Schlusskurs, klafft im Chart eine Lücke. Solange Börsen schließen, wird es solche Übernacht-Lücken geben — daran ändert sich nichts.

Der CME-Gap bei Bitcoin funktionierte ähnlich, hatte aber einen entscheidenden Unterschied. Bitcoin selbst wird rund um die Uhr gehandelt. Die Bitcoin-Futures der CME dagegen ruhten über das Wochenende. Bewegte sich der Bitcoin-Preis am Spotmarkt von Freitagabend bis Sonntagabend, zeigte der CME-Chart eine Lücke zwischen dem Freitags-Schluss und der Sonntags-Eröffnung. Wichtig ist die Pointe dahinter: Der eigentliche Bitcoin-Preis ist nie gesprungen — er lief durch. Die Lücke entstand allein im Chart eines einzelnen Handelsplatzes, der geschlossen hatte. Das „Füllen" eines CME-Gaps war deshalb weniger eine geheimnisvolle Anziehungskraft als ein Nachholen des CME-Charts auf das, was am Spotmarkt längst geschehen war.

Werden Kurslücken gefüllt? Was die Empirie zeigt

Hier trennt sich Folklore von Empirie — und das Bild ist unbequemer, als die Regel verspricht.

Auf der Praktiker-Seite hängt die Antwort stark von Größe und Richtung der Lücke ab. Kleine Lücken in breiten Indizes oder Index-ETFs füllen sich häufig, manchmal schon innerhalb desselben Handelstags. Beim S&P-500-ETF füllten sich Lücken über ein jüngeres Halbjahresfenster in rund 60 Prozent der Fälle — ein leichter Vorteil, aber keine Naturkonstante. Winzige Lücken von einem Bruchteil eines Prozents schließen sogar mit über 90 Prozent noch am selben Tag. Auswertungen über 25 Jahre S&P-500-Futures zeigen dasselbe Muster: Je kleiner die Lücke, desto eher schließt sie am selben Tag; und Abwärtslücken füllen häufiger als Aufwärtslücken, was zum grundsätzlichen Aufwärtsdrall des Aktienmarkts passt.

Bei großen Lücken kippt das Bild. Sehr große Sprünge — jenseits von zwei Standardabweichungen — füllen sich nur selten am selben Tag, in Auswertungen in der Größenordnung von fünf Prozent der Fälle. Über längere Fenster steigt die Wahrscheinlichkeit zwar, bei einer Studie auf über die Hälfte nach rund 45 Handelstagen — aber das ist Wochen später, nicht der schnelle Rückkehr-Reflex, den die Regel suggeriert. Und nachrichtengetriebene Lücken in Einzelaktien — eine Übernahme, eine Gewinnwarnung — füllen sich oft schlicht nie, weil sich der faire Wert dauerhaft verschoben hat.

Art der KurslückeTendenz (nach Praktiker-Daten)
Kleine Lücke in Index / ETFfüllt häufig, teils noch am selben Tag
Sehr große Lücke (> 2 Std.abw.)selten am selben Tag (~5 %), erst über Wochen steigend
Nachrichtenlücke in Einzelaktiefüllt oft nie (dauerhafte Neubewertung)

Noch deutlicher wird es in der Wissenschaft. Eine vielzitierte akademische Arbeit (Plastun und Kollegen) zum US-Aktienmarkt findet sogar das Gegenteil der Regel: An einem Lücken-Tag tendiert der Kurs dazu, sich in Richtung der Lücke weiterzubewegen — es gibt also eher einen Momentum-Effekt als eine zuverlässige Rückkehr. Eine darauf aufbauende Handelsstrategie war zwar nicht zufällig, lieferte also einen Hinweis auf Marktineffizienz; nach Abzug der Transaktionskosten schlug sie die Marktrendite aber nicht. Eine neuere Untersuchung von Wochenend-Lücken in Dow Jones, Nasdaq und DAX bestätigt die Richtung: Sofortiges Füllen im kurzen Fenster ist eher die Ausnahme, der Momentum-Effekt klingt zudem rasch ab und fällt je nach Index unterschiedlich aus.

Die berühmten Lehrbuchzahlen — Common Gaps füllten zu 90 Prozent, Breakaway-Lücken zu 35, Continuation zu 45, Exhaustion zu 75 — kursieren überall, sind aber Praktiker-Heuristik ohne saubere, nachvollziehbare Quelle. Man sollte sie nicht als Empirie verkaufen.

Der CME-Gap — ein gerade geschlossenes Kapitel

Beim CME-Gap ist die eigentliche Nachricht nicht die Füllrate, sondern das Ende des Phänomens.

Schon die Füllraten waren ein Lehrstück in Uneinigkeit. Je nach Quelle und Methode reichten die Angaben weit auseinander.

Quelle / MethodeGenannte CME-Gap-Füllrate
Diverse Praktiker-Artikel65–80 %
Meistzitierte Zahl (2018–2026)rund 77 %
BitMEX-Intraday-Auswertungüber 95 % „irgendwann", 77 % in der Folgewoche
Einzelne Berichtebis ~98 %

Diese Spannweite ist selbst die Warnung. Und bei der meistzitierten Zahl steckt der Haken im Wort: Rund 77 Prozent füllen sich „irgendwann" — wobei „irgendwann" sehr viel Schwerarbeit leistet. Kleine Lücken schlossen schnell; in einer Auswertung füllten sich Lücken unter 700 Dollar zu gut 90 Prozent innerhalb von 30 Handelstagen, während große Lücken in starken Trends lange offen blieben.

Seit dem 29. Mai 2026 ist das Kapitel geschlossen. Die CME hat den Handel mit Krypto-Futures und -Optionen auf rund um die Uhr umgestellt; am ersten Wochenende wurden bereits über 7.200 Kontrakte gehandelt. Es bleibt nur ein kurzes Wartungsfenster — die Angaben dazu schwanken zwischen einer zweistündigen Pause am Samstag und einem einstündigen Fenster am Sonntag —, in dem theoretisch noch eine Mini-Lücke entstehen könnte. Im Kern aber gilt: Neue CME-Wochenend-Gaps können nicht mehr entstehen. Die drei noch offenen Lücken aus dem früheren Jahr 2026 bleiben als historische Markierungen auf dem Chart sichtbar, aber es kommen keine neuen hinzu.

Ganz verschwunden ist das Wochenend-Risiko damit nicht — es handelt jetzt nur auf der CME-Uhr. Die Ausführung läuft rund um die Uhr, die Abwicklung im Hintergrund bleibt an Geschäftstage gebunden, und ausgerechnet zum Start fiel Bitcoin unter 70.000 Dollar und löste über eine Woche fast zehn Milliarden Dollar an Long-Liquidationen aus.

Die Strukturbruch-Lehre

Genau hier liegt die wichtigste Lehre — und sie hat mit Bitcoin nur am Rande zu tun.

Eine Strategie, die auf das Füllen des CME-Gaps setzt, ließe sich über die Jahre 2018 bis 2025 hervorragend backtesten. Die Füllraten waren hoch, die Logik schien zu funktionieren. Ihre Vorhersagekraft für die Zukunft ist nun aber exakt null — weil die Ursache des Musters, die geschlossenen CME-Wochenenden, abgeschafft wurde. Ein sauber aussehender Backtest über ein Regime, das es nicht mehr gibt, ist wertlos, so überzeugend die Kurve auch aussieht.

Das ist ein Strukturbruch im Lehrbuchformat: Die Bedingung, die ein Muster erzeugt hat, fällt weg, und mit ihr das Muster. Wer Mitte oder Ende 2026 noch „handle den CME-Gap" als lebende Strategie verkauft, verkauft ein Setup auf einer Struktur, die keine neuen Fälle mehr produziert. Das ist kein Detail, sondern der Kern dessen, wovor methodisch ehrliches Backtesting warnt: Ein Backtest misst die Vergangenheit. Ob er etwas über die Zukunft sagt, hängt daran, ob die Welt, die das Muster erzeugt hat, noch existiert.

Warum sich der Mythos hält — vier Fallen

Warum hält sich die Regel „Lücken werden gefüllt" trotzdem so hartnäckig? Weil fast jede Statistik dazu an denselben Stellen krankt.

Die erste ist die „Irgendwann"-Tautologie. Ein Markt, der schwankt und nicht verschwindet, besucht über genug Zeit fast jedes Kursniveau wieder. „Füllt sich irgendwann" ist für einen Index oder einen 24/7-Markt beinahe trivial wahr — und sagt nichts über einen handelbaren Vorteil. Erst ein festes Zeitfenster macht die Aussage prüfbar.

Die zweite ist die Survivorship-Verzerrung. Einzelaktien, die auf eine dauerhafte Nachricht gesprungen und nie zurückgekehrt sind, oder Titel, die später vom Kurszettel verschwanden, fallen aus vielen Datensätzen heraus — und schönen die Füllquote nach oben.

Die dritte ist die Definitionsabhängigkeit. Größe der Lücke, Richtung, Instrument und Zeithorizont bestimmen das Ergebnis so stark, dass es ohne diese Angaben keine sinnvolle „Füllrate" gibt. Genau deshalb widersprechen sich die Quellen.

Die vierte ist die selbsterfüllende Prophezeiung, besonders beim CME-Gap. Weil alle dieselbe Lücke sehen und auf ihr Schließen wetten, schieben ihre Orders den Kurs teilweise selbst dorthin. Das ist real, aber kein fundamentaler Effekt — und er kann kippen, sobald zu viele darauf setzen.

Über allem steht eine letzte Wahrheit: Selbst wo ein Muster statistisch sauber ist, frisst es nach Transaktionskosten oft seinen eigenen Vorteil. Genau das fand die akademische Arbeit zu Aktien-Lücken.

Häufige Fragen

Werden Kurslücken am Ende immer gefüllt? Nein. Kleine Lücken in Indizes füllen sich oft, große und nachrichtengetriebene Lücken in Einzelaktien häufig nie. Über unendliche Zeit „irgendwann" gefüllt zu werden ist keine handelbare Aussage, sondern fast eine Selbstverständlichkeit.

Gibt es den CME-Gap noch? Für neue Lücken nicht mehr. Seit dem 29. Mai 2026 handelt die CME Bitcoin-Futures rund um die Uhr; neue Wochenend-Gaps können nicht entstehen. Die wenigen noch offenen alten Lücken bleiben als Markierung sichtbar.

Heißt das, Wochenend-Risiko bei Bitcoin ist vorbei? Nein, es hat nur den Ort gewechselt. Statt als Lücke beim Wiedereröffnen zeigt es sich jetzt im laufenden CME-Handel. Die Abwicklung im Hintergrund bleibt zudem an Geschäftstage gebunden.

Funktioniert eine Gap-Fill-Strategie auf Aktien? Die Empirie ist ernüchternd. Akademische Arbeiten finden eher Momentum als Rückkehr, und nach Kosten bleibt selten ein Vorteil. Prüfbar ist das nur mit festem Zeitfenster und realistischen Kosten.

Kann ich den alten CME-Gap-Backtest weiterverwenden? Als historische Beschreibung ja, als Zukunftsstrategie nein. Das erzeugende Regime ist weg — ein klassischer Strukturbruch.

Was Backtesting Arena dazu beiträgt

„Lücken werden gefüllt" ist eine eingängige Geschichte — und ein gutes Beispiel dafür, wie eine Behauptung erst durch saubere Methodik überprüfbar wird. Eine ehrliche Untersuchung fragt nicht „füllen sich Lücken?" (Antwort: irgendwann meistens, und das hilft niemandem), sondern „füllt sich eine Lücke der Größe X innerhalb von Y Tagen — und überlebt eine Strategie darauf die Transaktionskosten?".

Genau diese Denkweise steckt in der Plattform. Wer eine Lücken-Strategie auf Aktien oder Krypto prüft, sieht bei uns nicht nur eine Füllquote, sondern das feste Prüffenster, die Zahl der Fälle, den Rückgang vom Hoch und das Ergebnis nach Kosten. Und beim CME-Gap kommt die wichtigste Kennzeichnung dazu: Das zugrunde liegende Regime endete im Mai 2026 — der Backtest beschreibt die Vergangenheit und ist ausdrücklich nicht fortschreibbar.

Dies ist keine Anlageberatung. Wir sind keine Finanzberater — dieser Beitrag ordnet ein verbreitetes Trading-Thema mit belegten Zahlen und sauberer Methodik ein.

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