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Hilft Bitcoin-Mining dem Stromnetz? 2021 versprachen Square und ARK den flexiblen Stromkunden, heute vermieten Miner ihre Anschlüsse an KI

2021 schrieben Square und ARK, Bitcoin-Miner würden der flexibelste Kunde des Stromnetzes und beschleunigten den Ausbau von Solar und Wind. Fünf Jahre später ist die Warteschlange fürs Netz doppelt so lang, das Netzwerk braucht etwa so viel Strom wie damals, und börsennotierte Miner haben über 70 Mrd. Dollar an KI-Verträgen unterschrieben. Was kaufst du mit einer Mining-Aktie?

Backtesting Arena·29. Oktober 2026·10 Min. Lesezeit·3 Aufrufe
Hilft Bitcoin-Mining dem Stromnetz? 2021 versprachen Square und ARK den flexiblen Stromkunden, heute vermieten Miner ihre Anschlüsse an KI

Im April 2021 veröffentlichte Square, die Zahlungsfirma von Jack Dorsey (heute Block), zusammen mit Cathie Woods Fondshaus ARK Invest ein Memo mit großem Titel: „Bitcoin is Key to an Abundant, Clean Energy Future.“ Die Idee: Bitcoin-Miner sind der ideale Stromkunde. Sie können jederzeit abschalten, stehen überall und kaufen den Strom, den sonst niemand will. Damit würden sich mehr Solar- und Windparks rechnen.

Wer heute eine Mining-Aktie kauft, um auf Bitcoin zu setzen, kauft diese Geschichte mit: einen Hebel auf den Kurs, mit eingebautem Klimaargument.

Fünf Jahre später lässt sich nachsehen, was davon eingetreten ist. Ein Teil stimmt. Den größten Teil hat das Memo aber nicht kommen sehen: Die Miner vermieten ihre Netzanschlüsse inzwischen an KI-Rechenzentren.

Die Flexibilität gibt es wirklich, nur bezahlt das Netz kaum dafür

Zuerst das, was das Memo richtig gesehen hat. Miner schalten tatsächlich ab, wenn Strom teuer wird, und sie verdienen daran.

Riot Platforms, einer der größten Miner in Texas, verbuchte 2025 laut Jahresbericht 56,7 Mio. Dollar an Gutschriften fürs Abschalten, nach 33,7 Mio. im Jahr davor. Riot schürfte im selben Jahr 5.686 Bitcoin.

Interessant ist, woher das Geld kommt. Nur 2,4 Mio. Dollar kamen aus Bereitschaftsprogrammen der Netzbetreiber, also dafür, dass ERCOT in Texas oder MISO im Mittleren Westen Riot im Notfall abschalten dürfen. 2024 waren es noch 7,7 Mio. Der Rest stammt aus dem Weiterverkauf von Strom, den Riot vorher zum Festpreis eingekauft hatte, verkauft in den Stunden, in denen der Marktpreis hochschnellt.

Das ist ein gutes Geschäft. Ein Dienst am Netz ist es nur am Rand.

Und seit Juni 2025 ist Flexibilität in Texas keine Tugend mehr, sondern Pflicht. Das Gesetz SB 6 schreibt vor, dass sich jeder neue Großverbraucher ab 75 Megawatt im Notfall vom Netzbetreiber abschalten lassen muss, Rechenzentren eingeschlossen.

Miner schalten ab, wenn der Strom teurer ist als ihr Bitcoin, nicht wenn das Netz sie braucht.

Ob dieser flexible Kunde dem Netz geholfen hat, mehr Solar und Wind aufzunehmen, ist die eigentliche Frage des Memos.

Die Warteschlange fürs Netz ist doppelt so lang

Das Memo zählte über 200 Gigawatt Solar- und Windprojekte, die allein in drei US-Netzgebieten auf einen Anschluss warteten. Miner sollten diesen Strom abnehmen, bis das Netz so weit ist.

Die Warteschlange ist seitdem nicht kürzer geworden. Das Lawrence Berkeley National Laboratory zählt sie jedes Jahr für die ganzen USA:

StandErzeugung in der Warteschlangedavon SolarSpeicher
Ende 2020über 750 GW462 GWrund 200 GW
Ende 2024rund 1.400 GW956 GWrund 890 GW

2024 ist sie zum ersten Mal geschrumpft, um 12 %, vor allem weil viele Projekte aufgegeben wurden.

Schuld daran sind nicht die Miner. Aber das Memo hatte versprochen, dass sie den Stau lindern. Sichtbar ist davon nichts.

Der Engpass im Netz hat sich verdoppelt, und Mining hat ihn nicht aufgelöst.

Dann bleibt die Frage, ob wenigstens das Mining selbst so gewachsen ist, wie das Memo es erwartete.

Mehr Rechenleistung, kaum mehr Strom

Das Memo schätzte die weltweite Mining-Leistung 2021 auf 10 bis 20 Gigawatt. Schon ein Fünftel der wartenden Solar- und Windprojekte könne 40 Gigawatt neues Mining allein in den USA tragen.

So ist es nicht gekommen. Die Universität Cambridge schätzte den Strombedarf des Bitcoin-Minings im April 2025 auf 138 Terawattstunden im Jahr. Über das Jahr gerechnet sind das knapp 16 Gigawatt Dauerlast, weltweit. Das liegt mitten in der Spanne von 2021.

Gewachsen ist etwas anderes, die Rechenleistung. Im Monat vor dem Memo lag die Hashrate, also die gesamte Rechenleistung des Netzwerks, im Mittel bei 159 Exahash pro Sekunde. Im Monat bis zum 27. Oktober 2026 waren es 1.027, das 6,5-Fache. Die Maschinen sind effizienter geworden. Neue Kraftwerke brauchte es dafür kaum.

Grüner ist das Mining dabei geworden, aber anders als gedacht. Laut Cambridge stammten 2025 52,4 % des Stroms aus nachhaltigen Quellen (42,6 % erneuerbar, 9,8 % Kernkraft), 2022 waren es 37,6 %. Die größte einzelne Quelle ist Erdgas mit 38,2 %. Kohle fiel von 36,6 % auf 8,9 %.

Das Netzwerk rechnet sechsmal so viel wie 2021, mit ungefähr dem Strom von damals.

Wenn das Mining nicht um 40 Gigawatt gewachsen ist, wohin gehen dann die Anschlüsse, die sich die Miner in den letzten Jahren gesichert haben?

Der Netzanschluss ist das Geschäft geworden

Ein Netzanschluss für Hunderte Megawatt ist in den USA knapp. Genau das haben die Miner: Grundstücke, Umspannwerke, genehmigte Leitungen. Und genau das suchen KI-Firmen.

Die Verträge, die daraus entstanden sind:

MinerKundeKapazitätLaufzeitVertragswert
Core ScientificCoreWeaverund 590 MW vermietete Leistung12 Jahre10,2 Mrd. $
Hut 8Fluidstack (Google bürgt) und weitere949 MW IT-Leistung15 Jahre (River Bend)rund 26,6 Mrd. $
TeraWulfFluidstack (Google bürgt für 1,8 Mrd. $)über 200 MW10 Jahre3,7 Mrd. $
Cipher MiningAmazon Web Services300 MW15 Jahre5,5 Mrd. $
IRENMicrosoft (Cloud-Vertrag, IREN kauft die Chips selbst)200 MW5 Jahre9,7 Mrd. $
Riot PlatformsAMD25 MW, Option auf mehr––

Über alle börsennotierten Miner zählt der Vermögensverwalter CoinShares mehr als 70 Mrd. Dollar an angekündigten KI-Verträgen. Rund 30 % ihrer Umsätze kommen laut CoinShares schon aus KI, bis Ende 2026 könnten es bis zu 70 % sein.

Core Scientific schreibt es in seinem Jahresbericht 2025 ohne Umweg: Man wolle „every megawatt“ des eigenen Portfolios in den nächsten drei Jahren auf Rechenzentren umstellen.

Damit dreht sich das Memo um. Ein Mieter mit 15-Jahres-Vertrag und Grafikchips für Milliarden schaltet nicht ab, weil der Strompreis um 18 Uhr steigt. Der Anschluss, der als flexibelster Stromkunde des Netzes gedacht war, geht an den unflexibelsten.

Den Wert hat am Ende nicht das Mining geschaffen, sondern der Anschluss, den es gesichert hat.

„Das ist doch nur ein Nebengeschäft, gemined wird weiter“

Ganz falsch ist das nicht. Riot hatte Ende 2025 Maschinen mit 38,5 Exahash pro Sekunde im Einsatz, mehr als ein Jahr zuvor (31,5). Nicht jeder Miner wird zum Vermieter.

Die Zahlen des Netzwerks zeigen trotzdem eine Wende. Seit Juli 2026 liegt die Hashrate unter dem Vorjahr, zum ersten Mal seit dem chinesischen Mining-Verbot im Sommer 2021. Im September waren es im 30-Tage-Mittel 8 % weniger, Ende Oktober noch 5 % (1.027 gegen 1.083 Exahash pro Sekunde).

Dahinter steckt auch der Ertrag. Der Hashprice, also der Erlös pro Rechenleistung und Tag, fiel im ersten Quartal 2026 laut CoinShares auf 29 Dollar je Petahash, ein Fünfjahrestief. 15 bis 20 % der Flotte arbeiteten mit Verlust. Wer in dieser Lage einen 15-Jahres-Mieter findet, nimmt ihn.

Mining bleibt, aber der Strom fließt zunehmend dorthin, wo der feste Mietvertrag mehr bringt.

Das gilt für die USA. Knapp zwei Drittel der Rechenleistung stehen aber woanders.

Außerhalb der USA gehört der Anschluss oft dem Staat

Hashrate Index, die Datensparte des Mining-Dienstleisters Luxor, schätzt jedes Quartal, wo die Rechenleistung steht. Grundlage sind Daten der Mining-Pools. Das ist eine Näherung, keine Zählung, vor allem für China, wo Mining verboten ist.

LandAnteil (Q4 2026)Exahash pro Sekundeein Jahr zuvor
USA35,6 %rund 335rund 389
Russland18,1 %rund 170–
China11,7 %rund 110rund 145
Paraguay4,8 %rund 45rund 40
Oman3,0 %rund 28–
Vereinigte Arabische Emirate2,8 %rund 26rund 33
Kanada2,3 %rund 22rund 30
Äthiopien1,6 %rund 15rund 20

In den USA, Kanada und den Emiraten schrumpft das Mining, laut Hashrate Index, weil Kapazität an KI geht. Das ist das Muster von oben. In anderen Ländern entscheidet nicht der Miner, wohin sein Strom geht, sondern der staatliche Versorger.

In Äthiopien liefert Ethiopian Electric Power (EEP) an 39 Mining-Firmen. Sie brachten dem Versorger im letzten Geschäftsjahr über 300 Mio. Dollar, rund 35 % seines Umsatzes, so die Wochenzeitung Capital am 20. September. Strom kommt dort zu über 90 % aus Wasserkraft. Als die Dürre die Zuflüsse der Stauseen um fast 20 % drückte, kürzte EEP die Lieferung an die Miner ab Mitte September in drei Stufen auf 23 % der vereinbarten Leistung. Eine Liefergarantie oder Vertragsstrafe gibt es in den Verträgen nicht. Die Hashrate in Äthiopien fiel binnen eines Quartals von rund 23 auf 15 Exahash pro Sekunde.

Das ist die Flexibilität, die das Memo versprochen hat. Nur schaltet hier nicht der Miner ab, wenn es sich für ihn lohnt, sondern der Versorger, wenn das Wasser fehlt, und bezahlt wird dafür niemand.

In Paraguay verkauft der Staatsversorger ANDE den Strom aus dem Wasserkraftwerk Itaipú. 41 Miner haben dort 943,8 Megawatt reserviert, 13,5 % von Paraguays Itaipú-Anteil. ANDE erwartet daraus 2026 rund 350 Mio. Dollar, nach 100 Mio. 2024. Trotzdem laufen alle Mining-Verträge am 31. Dezember 2027 aus, und ANDE nennt das Datum nicht verhandelbar. Der Strom soll an Industrie und KI-Rechenzentren gehen. Gustavo Villate, der oberste Telekom-Beamte des Landes, fasst es so zusammen: „Unplug crypto and plug in AI.“

Die Folgen sind schon sichtbar. Bitfarms hat seine letzte Anlage in Paraguay im April 2026 verkauft. Der Betreiber Penguin baut sein Werk in Hernandarias zum KI-Rechenzentrum um. Noch wächst die Hashrate im Land, aber die Uhr läuft.

In Norwegen zeigt Bitdeer die US-Variante. Der Miner baut sein 180-Megawatt-Werk in Tydal um und hat 121 Megawatt IT-Leistung für 16 Jahre an den KI-Infrastrukturanbieter Volta vermietet, Vertragswert 4,7 Mrd. Dollar (Pflichtmitteilung vom 5. August 2026). Hier gehört der Anschluss dem Miner, also kassiert er auch die Miete.

Russland läuft in die Gegenrichtung. Die Regierung verbietet Mining seit dem 15. August 2026 in Moskau, im Moskauer Gebiet und in Teilen der Region Kursk, bis Ende 2032 (Regierungsverordnung Nr. 936 vom 25. Juli). In Irkutsk gilt ein Verbot bis 2031. Trotzdem hält Russland mit 18,1 % den größten Anteil, den Hashrate Index für das Land je gemessen hat. Das Mining zieht innerhalb des Landes in Regionen mit Stromüberschuss, und außerhalb nach Oman, Indonesien oder Pakistan.

In den USA gehört der Anschluss dem Miner, in Äthiopien und Paraguay dem Staat. Wer ihn besitzt, kassiert den KI-Aufschlag.

Was du mit einer Mining-Aktie wirklich kaufst

Eine Mining-Aktie war lange ein Hebel auf Bitcoin: Steigt der Kurs, steigen die Erträge stärker, weil die Kosten fix sind. Bei einem Miner, der den Großteil seines Stroms an Microsoft oder Amazon vermietet, hängt der Ertrag an Mietverträgen, Bauterminen und am Erfolg der KI-Mieter.

Bevor du eine Mining-Aktie als Bitcoin-Wette kaufst, lohnen vier Blicke in den letzten Quartalsbericht:

  • Welcher Anteil des Umsatzes stammt aus Mining, welcher aus Hosting oder Vermietung?
  • Wie viele Megawatt sind an Mieter vergeben, und wie viel Rechenleistung läuft noch für das eigene Mining?
  • Wann gehen die Mietverträge in Betrieb? Viele der Verträge oben starten erst 2026, manche hängen an Lieferterminen.
  • Wo stehen die Anlagen, und wem gehört der Stromvertrag? Ein Werk in Paraguay hat ein festes Ablaufdatum, eines in Äthiopien keine Liefergarantie.

Ob Mining-Aktien deshalb schlechter laufen als Bitcoin, ist hier nicht gemessen. Gemessen ist, dass sich das Geschäft dahinter verschiebt.

Die nächste Messung sind die Quartalsberichte für das dritte Quartal 2026 in den kommenden Wochen: Steigt der KI-Anteil am Umsatz so schnell, wie CoinShares es erwartet, und fällt die Hashrate weiter unter das Vorjahr?

Jede Zahl stammt aus einer benannten Quelle

Die Versprechen stammen aus dem Memo der Bitcoin Clean Energy Initiative (Square/ARK, April 2021). Geprüft ist jedes gegen eine benannte Quelle: Berkeley Lab für die Warteschlange, Cambridge für Strom und Energiemix, die Jahresberichte und Pflichtmitteilungen der Miner bei der US-Börsenaufsicht für Gutschriften und Verträge, CoinShares für Branchensummen und Hashprice, Hashrate Index für die Länderanteile, für Äthiopien und Paraguay die Berichte von Capital und The Weekly Post, für Russland die Berichte von The Block und ppt.ru über die Regierungsverordnung. Die Hashrate ist das 30-Tage-Mittel aus Coin-Metrics-Tagesdaten. Die Modellrechnung von ARK im Memo (99 % Solarstrom mit Mining und Batterie) ist hier nicht geprüft, weil sie ein Modell ist und das veröffentlichte Rechenmodell nicht mehr auffindbar war.

FAQ

Ist Bitcoin-Mining heute grün? Zur Hälfte. Cambridge zählte 2025 52,4 % nachhaltigen Strom, darunter 9,8 % Kernkraft. Erdgas ist mit 38,2 % die größte Einzelquelle. Grundlage ist eine Umfrage unter 49 Firmen, die knapp die Hälfte des Minings abdecken.

Hat das Abschalten der Miner dem Netz in Texas geholfen? Es entlastet das Netz in Preisspitzen. Bezahlt wird es aber vor allem über den Weiterverkauf von Festpreisstrom. Bei Riot kamen 2025 nur 2,4 von 56,7 Mio. Dollar aus Bereitschaftsprogrammen des Netzbetreibers.

Sind die KI-Verträge sicher? Nein, es sind Verträge mit Bedingungen. Viele beginnen erst 2026 und hängen an Bau- und Lieferterminen. Der Wert in der Tabelle ist der vereinbarte Wert über die Grundlaufzeit, kein gebuchter Umsatz.

Keine Anlageberatung, keine Empfehlung, keine Prognose. Historische Muster sind keine Zusage.

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