Von 20,022 Mio. geschürften Bitcoin sind real nur noch rund 2 Mio. frei handelbar. Der Long-Term-Holder-Bestand wächst von Zyklus zu Zyklus, die Menge der frei verfügbaren Coins sinkt mit jedem Zyklus weiter. Gleichzeitig ist die Käuferseite seit dem ETF-Launch im Januar 2024 strukturell anders geworden: weniger preissensitiv, langfristiger orientiert, größer dimensioniert. Was passiert, wenn dieses neue Nachfrageprofil auf ein historisch enges Angebot trifft?
Executive Summary
Stand Ende April 2026 sind 20,022 Mio. der maximal 21 Mio. Bitcoin geschürft. Davon halten Long-Term Holders (LTHs, definiert als Wallets, die ihre Coins länger als 155 Tage nicht bewegt haben) rund 16 Mio. BTC — knapp 80 Prozent des gesamten umlaufenden Angebots, darunter geschätzt 3 bis 4 Mio. dauerhaft verlorene Coins, 1,32 Mio. BTC in US Spot Bitcoin ETFs und rund 818.000 BTC allein in der Treasury von Strategy (ehemals MicroStrategy). Der Tiefstand der LTH-Bestände nahe des Peaks vom Oktober 2025 war bei rund 14,2 Mio. Coins, das sind 2 Mio. Bitcoin mehr als im Top 2021 und >5 Mio. Coins mehr als noch 2017.
Daraus ergibt sich ein frei handelbarer Float in der Größenordnung von 4 bis 6 Mio. BTC. Bei einem Spotpreis um 78.000 USD entspricht das einem liquiden Marktwert von rund 300-450 Mrd. USD — ein Bruchteil dessen, was klassische Anleihemärkte allein an einem durchschnittlichen Handelstag umsetzen.
Die These dieses Beitrags: Der Markt nähert sich einem strukturellen Punkt, an dem klassische Demand-Supply-Modelle nicht mehr proportional funktionieren. Wenn institutionelle Nachfrage über regulierte Vehikel auf ein Angebot trifft, das zu über 70 Prozent in passiven Händen liegt, sind nicht-lineare Preisreaktionen das wahrscheinliche Ergebnis. Der Beitrag zerlegt die Datenlage, prüft historische Parallelen, formuliert drei Szenarien und benennt die Gegenargumente.
1. Der Chart: Was die LTH/STH-Aufteilung zeigt
Der Ausgangspunkt ist ein Glassnode-Klassiker, hier in der Aufbereitung von Checkonchain: Bitcoin Supply nach Long-Term und Short-Term Holders, überlagert mit dem Spotpreis seit 2010.
Die zentrale visuelle Beobachtung: Der blaue Bereich (LTH-Bestand) wächst nicht linear, sondern in Stufen. Jeder Bullenmarkt verteilt Coins von Long-Term Holders an Short-Term Holders um — sichtbar als Kompression des blauen Bereichs während Preis-Peaks 2013, 2017, 2021 und 2024/25. In jedem darauffolgenden Bärenmarkt akkumulieren die LTHs erneut, und zwar jedes Mal auf ein höheres absolutes Niveau als zuvor.
Die zyklische LTH/STH-Oszillation
Die Bitcoin-LTH-Kohorte folgt einem klaren Muster:
- Bear-Markt + Erholung: Käufer halten lange → STH-Coins reifen zu LTH → LTH-Bestand steigt auf neuen Höchststand ("Peak HODL")
- Bull-Run zum All-Time-High: LTH verteilen in die Stärke → LTH-Bestand fällt → STH-Bestand steigt
- Nach dem Bull-Peak: Neuer Akkumulations-Zyklus beginnt auf höherem Boden als zuvor
| Zyklusphase | Datum (ca.) | LTH Supply (BTC) | STH Supply (BTC) | LTH-Anteil |
|---|---|---|---|---|
| Peak HODL vor Bull 2017 | Frühjahr 2017 | ~12 Mio. | ~4 Mio. | ~75 % |
| Trough am Bull-Peak Dez 2017 | Dez 2017 | ~9 Mio. | ~7,4 Mio. | ~55 % |
| Peak HODL vor Bull 2021 | Okt 2020 | ~14,3 Mio. | ~4,2 Mio. | ~77 % |
| Trough am Bull-Peak Mai 2021 | Mai 2021 | ~12,2 Mio. | ~6,52 Mio. | ~65 % |
| Peak HODL vor Bull 2024/25 | Dez 2023 | ~16,4 Mio. | ~3,5 Mio. | ~83 % |
| Trough am Bull-Peak | Oct 2025 (geschätzt) | ~14,1 Mio. | ~5,8 Mio. | ~71 % |
| Aktuell (Apr 2026) | Q2 2026 | ~16,1 Mio. | ~3,9 Mio. | ~81 % |
Werte gerundet, basierend auf Glassnode-/Checkonchain-Daten. Die LTH-Höchststände vor jedem Bull-Run liegen jeweils höher als beim vorherigen Zyklus — eine konsistente strukturelle Beobachtung über vier Zyklen.
Die wichtige Implikation: Der STH-Pool, also der pool jüngerer, häufiger bewegter Coins, ist seit fast einem Jahrzehnt strukturell um 3,5 bis 6 Mio. BTC herum relativ konstant geblieben — obwohl der Gesamtbestand in dieser Zeit um über 40 Prozent gewachsen ist. Jeder neu geschürfte Bitcoin landet statistisch fast vollständig im LTH-Bestand. Anders formuliert: Die Issuance fließt direkt in passive Hände ab.
2. Die Mathematik des Floats
Wenn man "Float" als das tatsächlich kurzfristig handelbare Angebot definiert — also Coins, die innerhalb von Wochen, nicht Jahren, an Börsen oder in Custody-Strukturen verfügbar wären — sieht die Aufschlüsselung Stand April 2026 wie folgt aus:
| Kategorie | Menge (BTC) | Anteil am Total Supply |
|---|---|---|
| Total gemined | 20.022.000 | 100,0 % |
| Geschätzt verloren (Lost Coins) | −3.500.000 | −17,5 % |
| Effektiv existent | 16.522.000 | 82,5 % |
| Long-Term Holder abzgl. Lost Coins (>155d) | −12.700.000 | −63,43 % |
| Short-Term Holder (Rest) | 3.822.000 | 11,6 % |
Aber selbst innerhalb der LTH-Kategorie ist der institutionelle Anteil seit 2024 stark gewachsen — und genau dieser Anteil ist strukturell nicht zurückflussfähig in den freien Markt:
| Sub-Kategorie innerhalb LTH | Menge (BTC) | % vom LTH-Bestand |
|---|---|---|
| Geschätzt dauerhaft verlorene Coins | ~3.500.000 | 21,7 % |
| US Spot Bitcoin ETFs (regulierte Custody) | 1.322.000 | 8,2 % |
| Strategy Treasury (MSTR) | 818.000 | 5,1 % |
| Andere Public-Treasury-Companies (MARA, Riot, Tesla, Block, Metaplanet, BSTR, 21 etc.) | ca. 350.000 | 2,2 % |
| Davon institutionell aktiv (ETF + Treasuries) | ~2.490.000 | 15,5 % |
| Restliche LTH (private Wallets, OG-Cohort) | ~10.010.000 | 62,1 % |
Die institutionelle Komponente innerhalb der LTH-Cohorte ist seit dem ETF-Launch im Januar 2024 strukturell von praktisch null auf rund 2,5 Mio. BTC gewachsen — ein Anstieg auf 15,5 % des LTH-Bestands in nur 28 Monaten. Diese Coins werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zurück in den STH-Pool fließen, weil ETF-Investoren strategisch allokieren und Treasury-Companies ihre Equity-Story auf "wir verkaufen nie" aufgebaut haben.
Der reale, kurzfristig liquide Float liegt damit bei rund 2 Mio. BTC — den Teil des STH-Pools, der tatsächlich auf Spot-Börsen aktiv handelbar ist (der Rest sitzt in privaten Wallets neuer Halter, die die 155-Tage-Schwelle bald überschreiten und damit selbst zu LTH werden).
Das ist die Größenordnung, die allein die ETF´s und Strategy in den letzten Jahren akkumuliert haben.
3. Die strukturelle Verschiebung der Käuferseite
Die historische Bitcoin-Nachfrage war retail-getrieben. In den Bullenmärkten 2013, 2017 und 2021 waren es überwiegend Privatanleger, die spät einstiegen, in den Drawdowns panisch verkauften und damit die typischen 75-bis-85-Prozent-Bear-Märkte verursachten. Retail-Verhalten ist hochgradig preissensitiv und reflexiv: Steigt der Preis, steigt die Nachfrage; fällt er, kollabiert sie.
Seit dem ETF-Launch im Januar 2024 ist diese Dynamik nicht verschwunden, aber sie konkurriert mit zwei neuen Käuferkategorien, deren Verhalten fundamental anders ist.
3.1 ETF-Investoren
US Spot Bitcoin ETFs halten kumuliert 1,32 Mio. BTC. Die zugrunde liegende Käuferschaft sind primär Wealth Manager, RIAs (Registered Investment Advisors) und institutionelle Allokatoren, die Bitcoin als 1-bis-3-Prozent-Position in diversifizierten Portfolios führen. Der entscheidende Punkt: Diese Allokationen werden meist nach Risk-Parity- oder strategischen Asset-Allocation-Modellen kalibriert, nicht nach Preisniveau.
Konkret bedeutet das: Wenn ein Wealth Advisor entscheidet, dass 2 Prozent der Kunden-AUM in Bitcoin gehen sollen, dann wird gekauft — ob BTC bei 60.000 oder 100.000 USD steht. Das ist preisinelastische Nachfrage. Sie reagiert nicht auf den Preis, sie reagiert auf die Allokationsentscheidung. Das ist der gleiche strukturelle Effekt, der Gold nach dem GLD-Launch 2004 fundamental verändert hat.
3.2 Treasury Companies
Die zweite Kategorie ist noch radikaler. Treasury-Companies wie Strategy (MSTR), Metaplanet, Bitcoin Standard Treasury Company (BSTR) und Twenty One (XXI) haben Bitcoin nicht als Investment-Position, sondern als Bilanz-Strategie etabliert. Strategy unter Michael Saylor ist das Paradebeispiel: 818.000 BTC, akkumuliert ohne Verkauf seit 2020, finanziert über Convertibles und Aktienemissionen. Der durchschnittliche Einstiegskurs liegt bei ca. 75.000 USD — bei aktuellen 78.000 USD steht die Position im Plus und Saylor kauft weiter.
Diese Käuferkategorie hat zwei Eigenschaften, die sie noch unelastischer machen als ETF-Investoren:
Erstens: Die Logik des "Bitcoin-Standards" als Treasury-Strategie ist anti-zyklisch. Treasury-Companies kaufen während Drawdowns aggressiver, weil ihre Marketing-Story darauf basiert, "smart money" zu sein. Strategy hat seinen größten Kauf seit Ende 2024 ausgerechnet am 20. April 2026 getätigt — als BTC sich vom Januar-Tief bei 60.000 USD erholte und retail-Sentiment noch im Bear-Modus war.
Zweitens: Der Verkaufsdruck ist asymmetrisch. Eine Treasury-Company kann in der Theorie verkaufen, aber das würde die gesamte Equity-Story zerstören. Strategy hat ein Equity-Premium auf seinen NAV (mNAV von zeitweise über 2x, derzeit ca. 1,25), der sich auf das Versprechen "wir verkaufen nie" stützt. Ein Verkauf würde nicht nur Bitcoin-Positionen reduzieren, sondern den Aktienkurs kollabieren lassen — ein klassisches Bank-Run-Szenario.
3.3 Vergleich der Käufertypen
| Eigenschaft | Retail | ETF-Investor | Treasury Company |
|---|---|---|---|
| Preissensitivität | Sehr hoch | Niedrig | Anti-zyklisch (negativ) |
| Durchschnittliche Halteperiode | Wochen bis Monate | Jahre | "Forever" |
| Verkaufstrigger | Sentiment, FUD, Panik | Allokationsanpassung | Bilanzkrise, Liquidation |
| Handelsvolumen-Anteil | Hoch (>60 % vor 2024) | Mittel | Minimal |
| Akkumulation in Drawdowns | Niedrig | Mittel | Hoch |
4. Was passiert bei Demand-Schock auf illiquides Angebot?
Der theoretische Rahmen für die Antwort kommt aus der klassischen Mikroökonomie: Bei vollkommen unelastischem Angebot ist jede zusätzliche Nachfrage-Einheit preistreibend, und zwar zu marginalen Kosten, die gegen unendlich gehen. Bei vollkommen unelastischer Nachfrage funktioniert es umgekehrt.
Bitcoin ist heute eine Annäherung an beide Extreme gleichzeitig: Das Angebot ist algorithmisch gedeckelt (450 BTC neu pro Tag bei aktuellem Halving-Stand), und die Nachfrage über ETFs/Treasuries ist preisinelastisch.
4.1 Drei Szenarien
| Szenario | Auslöser | Effekt auf Float | Preis-Implikation |
|---|---|---|---|
| Mild (Base Case) | ETF-Inflows steady, Treasury-Käufe konstant | Reduktion 200-300k BTC/Jahr | Strukturell aufwärts, niedrige Vol |
| Base | Allokations-Shift (Pension Funds, SWFs) | Reduktion 500-800k BTC/Jahr | Sprung-Bewegungen, Squeeze-Phasen |
| Extreme | Sovereign Buying + Banking-Krise | Reduktion >1 Mio. BTC/Jahr | Reflexive Liquiditätskrise |
Im milden Szenario, das aktuell läuft, sehen wir das, was 2024 und 2025 stattgefunden hat: Phasenweise starke Aufwärtsbewegungen, gefolgt von Konsolidierungen, weil Retail-Verkäufer (STH-Pool) in jeden Anstieg liefern. Aber das absolute Niveau steigt strukturell, weil die Issuance dünn ist (165.000 BTC/Jahr) und ETF/Treasury-Nachfrage diese Issuance um ein Mehrfaches übersteigt.
Im Base-Case-Szenario würde ein größerer Allokations-Shift stattfinden — etwa wenn US-Pensionsfonds (TSP, CalPERS-Vergleichbare) systematisch 0,5 bis 1,0 Prozent in Bitcoin allokieren. Das alleine entspricht bei US-Pension-AUM von ca. 35 Bio. USD einer Nachfrage von 175 bis 350 Mrd. USD über mehrere Jahre verteilt. Bei einem Float von rund 300-450 Mrd. USD ist das mathematisch nicht ohne Preisrevaluierung darstellbar.
Im extremen Szenario würden Staaten zu strategischen Käufern. El Salvador hat den Anfang gemacht. Bhutan, die USA (Bitcoin Strategic Reserve unter Trump-Administration angekündigt) und vereinzelt Sovereign Wealth Funds könnten folgen. Wenn ein einzelner SWF in der Größe Norwegens entscheidet, 1 Prozent in Bitcoin zu halten, sind das 16 Mrd. USD — also rund 4 bis 5 Prozent des aktuellen Floats. In einem einzigen Käufer.
4.2 Die Reflexivität des Squeeze
Eine entscheidende Eigenschaft eines echten Liquiditäts-Squeezes ist die Reflexivität nach George Soros: Steigende Preise verursachen Verhaltensänderungen, die wiederum die Preise weiter treiben. Im Bitcoin-Kontext sieht die Kausalkette so aus:
Schritt eins: Preise steigen aufgrund struktureller Nachfrage.
Schritt zwei: LTHs sehen ihre Buy-and-Hold-These bestätigt, halten weiter (statt bei Allzeithochs zu verteilen).
Schritt drei: Der STH-Pool wird kleiner, weil keine LTHs in die STH-Kategorie zurückfallen.
Schritt vier: Marginale Käufe haben größeren Preiseffekt, weil weniger Float verfügbar ist.
Schritt fünf: Treasury-Companies und Sovereigns sehen die Wertentwicklung, beschleunigen ihre Allokationen.
Diese Sequenz ist nicht hypothetisch. Sie hat in 2024 bereits stattgefunden, als der ETF-Launch innerhalb von 12 Monaten zu einer Verdoppelung des BTC-Preises führte. Die Frage ist nicht, ob der Mechanismus funktioniert, sondern ob er in einer zweiten und dritten Welle wieder zündet.
5. Historische Parallelen: Gold 2004, Silber 2021
Die Geschichte liefert zwei brauchbare Vergleichspunkte für das ETF-Phänomen.
Gold 2004: Der State Street GLD ETF launchte im November 2004, als Gold bei rund 444 USD/oz stand. Bis zum Hoch im September 2011 stieg Gold auf 1.920 USD/oz — ein 4,3-x-Move über 7 Jahre. Der Treiber war derselbe Mechanismus: Wealth Manager und institutionelle Allokatoren bekamen erstmals einen regulierten, einfachen Zugang. Vor 2004 musste man physisches Gold kaufen oder Mining-Aktien — beides hatte Hürden, die Bitcoin-Custody-Probleme heute spiegeln. GLD räumte diese Hürden ab und öffnete eine neue Käuferkategorie.
Der wichtige Unterschied: Gold hat im Gegensatz zu Bitcoin keinen festen Supply-Cap. Bei steigenden Preisen kann mehr Gold gemined werden, was die Issuance elastisch macht. Bitcoin kann das nicht. Das macht den Mechanismus für Bitcoin theoretisch stärker, nicht schwächer.
Silber 2021 (Reddit-Squeeze): Im Januar 2021 versuchten Retail-Investoren von WallStreetBets, einen Short-Squeeze in Silber zu starten. Der Versuch scheiterte, weil der Silber-Markt — anders als GameStop — extrem tief und liquide ist (über 1 Bio. USD physische Bestände). Der Vergleich zeigt, was nicht passiert, wenn der Float zu groß ist. Bitcoin ist das Gegenteil: 300-450 Mrd. USD Float, davon vielleicht 50 bis 80 Mrd. USD wirklich an Spot-Börsen kurzfristig handelbar.
6. Die Gegenargumente
Eine ehrliche Analyse muss auch die Gegenseite prüfen. Drei Argumente sind ernst zu nehmen.
Erstens: LTH-Verhalten kann kippen. Die Annahme, dass LTHs nicht verkaufen, gilt empirisch — bis zu einem Preisniveau, das ihre Lebensplanung verändert. Wenn BTC auf 250.000 oder 500.000 USD läuft, werden LTHs verteilen. Das ist in jedem bisherigen Zyklus passiert. Der Unterschied ist, dass die neuen LTHs (post-2020-Einsteiger) historisch noch nie in einem solchen Preisbereich verkauft haben — wir wissen nicht, ob sie sich anders verhalten als die OG-Cohort.
Zweitens: Treasury-Companies können gezwungen sein zu verkaufen. Strategy ist über Convertibles refinanziert. Wenn die Aktienkurs unter bestimmte Schwellen fällt und gleichzeitig die Wandelanleihen reif werden, könnte ein Cash-Crunch entstehen. Bei BSTR und 21 ist die Situation noch fragiler, weil sie mit Leverage starten, ohne den gleichen Equity-Premium-Puffer. Ein erzwungener Treasury-Verkauf in einer Bärenmarktphase könnte 100.000 bis 300.000 BTC in den freien Markt drücken — genug, um den Float kurzfristig spürbar aufzubrechen.
Drittens: Regulatorische Schocks. Die ETF-Struktur basiert auf SEC-Genehmigung. Eine Trump-Administration ist Bitcoin-freundlich, aber eine zukünftige Regierung könnte das ändern. Steuerliche Behandlung, Wash-Trading-Regeln, Custody-Anforderungen — alle drei könnten die Inflow-Dynamik bremsen oder umkehren. Das Argument ist nicht, dass es passieren wird, sondern dass die These auf institutionellen Frameworks beruht, die politisch nicht garantiert sind.
7. Was das für die Praxis bedeutet
Die Analyse führt zu drei Frameworks, mit denen man die kommenden Quartale beobachten kann. Sie sind keine Trading-Empfehlungen — die Backtesting Arena ist explizit kein Anlageberater. Aber sie sind testbare Hypothesen.
Framework 1 — Float-Tracking als Lead-Indikator: Wenn Glassnode-Daten zeigen, dass STH-Supply unter 4 Mio. BTC fällt (historisches Tief seit 2018, aktuell bereits bei rund 3,9 Mio.), ist das ein quantifizierbares Squeeze-Signal. Diese Metrik ist in der Backtesting Arena als Datenfeed integrierbar und kann als Filter für Long-Strategien dienen.
Framework 2 — ETF/Treasury-Flow-Korrelationen: Die Hypothese, dass kumulierte ETF-Inflows + Treasury-Akkumulation einen 90-Tage-Vorlauf für Preisbewegungen haben, lässt sich rückwirkend testen. Wenn die Korrelation belastbar ist (R² > 0,4 in Out-of-Sample-Daten), wird sie zu einem nutzbaren Signal.
Framework 3 — Negativ-Szenarien als Hedge: Die Gegenargumente in Abschnitt 6 sind keine theoretischen Sorgen, sondern Tail-Risks mit messbaren Triggern. Strategy-Aktienkurs unter 200 USD bei gleichzeitig fallendem BTC-Preis ist ein konkretes Warnsignal für erzwungene Treasury-Verkäufe. Solche Trigger lassen sich in Strategien als Risk-Off-Conditions hardcoden.
8. Fazit
Die Daten zeigen einen klaren strukturellen Trend: Bitcoin-Supply wird seit über einem Jahrzehnt von Short-Term in Long-Term Holders umverteilt. Der freie Float schrumpft relativ zum Gesamtbestand. Gleichzeitig hat sich die Nachfrageseite seit 2024 fundamental gewandelt — von preissensitivem Retail zu preisinelastischen Allokatoren und Bilanz-strategischen Käufern.
Diese beiden Trends — schrumpfender Float und unelastische Nachfrage — sind nicht voneinander unabhängig. Sie verstärken sich. Wenn ein Großteil der Issuance direkt in passive Hände fließt, steht für den Markt-Clearing-Mechanismus jedes Jahr weniger Material zur Verfügung. Die naive Annahme, dass dies einfach in einem höheren Preis mündet, unterschätzt die nicht-linearen Eigenschaften eines echten Liquiditäts-Squeezes.
Was die Analyse nicht leistet: Sie sagt keinen Preis voraus, nicht das Timing, und sie ist explizit nicht als Anlageempfehlung zu lesen. Was sie leistet: Sie identifiziert die strukturellen Vektoren, mit denen sich die kommenden Quartale rational beobachten lassen — und die testbar sind.
Genau dafür existiert die Backtesting Arena.
Backtesting Arena macht Bitcoin-Strategien systematisch testbar.
Disclaimer: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Er beschreibt Strukturanalysen auf Basis öffentlich verfügbarer On-Chain- und Marktdaten. Eigene Recherche und individuelle Risikoabschätzung sind unverzichtbar.
Datenquellen: Glassnode, Checkonchain, SIFMA Q1 2026 Fixed Income Quarterly.
FAQ DE:
Frage: Was bedeutet "Long-Term Holder" konkret?
Antwort: Glassnode definiert Long-Term Holders als Wallets, deren Coins seit mehr als 155 Tagen nicht bewegt wurden. Diese Schwelle hat sich empirisch als statistisch belastbarer Indikator für "Conviction Holders" erwiesen — also Halter, die nicht in normale Bewegungen verkaufen. Wichtig: Die LTH-Zahl enthält per Glassnode-Definition auch die geschätzten 3 bis 4 Mio. dauerhaft verlorenen Coins sowie die Bestände in Spot-ETFs und Treasury-Companies, da all diese Coins die 155-Tage-Schwelle längst überschritten haben.
Frage: Sind die genannten LTH-Zahlen historisch verifizierbar?
Antwort: Ja. Glassnode und Checkonchain liefern öffentlich zugängliche Daten zur LTH/STH-Aufteilung seit 2010. Die in diesem Beitrag verwendeten Peak-HODL- und Trough-Werte sind direkt aus diesen Datensätzen abgeleitet und reproduzierbar. Die zyklische Oszillation — LTH-Höchststand vor jedem Bull-Run, Tiefstand am Bull-Peak — ist ein konsistentes Muster über vier Zyklen.
Frage: Wie unterscheiden sich ETF-Käufer von früheren Bitcoin-Käufern?
Antwort: Vor 2024 waren Bitcoin-Käufer überwiegend retail und stark preissensitiv — sie kauften bei steigenden Preisen, verkauften in Drawdowns. ETF-Investoren operieren nach strategischer Asset-Allokation: Wenn ein Wealth Advisor 2 % Bitcoin-Allokation festlegt, wird gekauft — unabhängig vom Preis. Diese Entkopplung von Preis und Nachfrage ist der zentrale strukturelle Unterschied.