Wer einen Handelsalgorithmus abonniert, kauft eine Zahl. Meistens eine Rendite: X Prozent im Jahr, Y Prozent mehr als der Markt. Die Zahl ist in aller Regel korrekt gerechnet. Sie beantwortet nur nicht die Frage, die der Käufer eigentlich hat: Hätte ich den Weg dorthin ausgehalten?
Der Markt für solche Angebote hat im deutschsprachigen Raum drei Etagen. Ganz unten der Betrug: Die BaFin warnt seit Juni 2025 vor einer Reihe von mehr als 700 nahezu identischen Websites, die „automatisierten Handel von Finanzinstrumenten mittels künstlicher Intelligenz ab einer Einstiegsinvestition von 250 Euro" bewerben — ohne Impressum, ohne Erlaubnis; die Liste wurde zuletzt am 6. August 2026 erweitert, und 2026 kamen weitere Reihen mit 48 und 89 Domains dazu. Diese Etage lässt sich in dreißig Sekunden erkennen und ist deshalb nicht das Thema.
Interessanter ist die oberste Etage: Anbieter, die seriös arbeiten, ihre Methode offenlegen und trotzdem Kennzahlen weglassen, ohne die man eine Strategie nicht beurteilen kann. Die fünf Fragen unten sind an drei von ihnen entwickelt.
Frage 1: Wie tief ging es runter — und wie lange?
Das ausführlichste Factsheet unter den drei hier geprüften Anbietern gehört zu den boerse.de-Signalen Aktien Welt der TM Börsenverlag AG. Dahinter steht der BOTSI-Advisor, entwickelt von Prof. Dr. Hubert Dichtl und Thomas Müller. Das Ding ist methodisch ernstzunehmen: vier Trendfolge- und Momentum-Indikatoren, jeder mit Literaturangabe — Relative Stärke nach Levy (1967), Cross-Sectional Momentum nach Jegadeesh/Titman (1993), die 200-Tage-Linie und Time Series Momentum nach Moskowitz/Ooi/Pedersen (2012). Maximal zehn Positionen, wöchentliche Anpassung, tägliche Risikoüberwachung.
Das Factsheet nennt, Stand 14.09.2026:
| Kennzahl | Angabe |
|---|---|
| Trades seit Start | 2.232 (84 pro Jahr) |
| Durchschnittliche Haltedauer | 33,9 Tage |
| Trefferquote | 44,03 % |
| Höchster Gewinntrade | +2.111,11 % |
| Höchster Verlusttrade | −58,97 % |
| Durchschnittlicher Gewinn pro Trade | 4,97 % |
| Maximaler Drawdown | — |
Trefferquote, bester Trade, schlechtester Trade, durchschnittlicher Gewinn, dazu 23 von 27 Anlagezeiträumen positiv. Alles da. Nur die Zahl nicht, die zählt, wenn man die Strategie tatsächlich mitgeht: Wie weit ist das Depot in seiner schlimmsten Phase zurückgefallen, und wie lange hat es gedauert, bis der alte Stand wieder erreicht war.
Der höchste Verlusttrade mit −58,97 % ist nicht dasselbe. Er beschreibt eine Position, nicht das Depot. Bei zehn Positionen und 44 Prozent Trefferquote können mehrere Verlierer gleichzeitig laufen, und genau diese Überlagerung ist die Erfahrung, die man aushalten muss.
Beim amerikanischen Anbieter Arch Public sieht es gleich aus. Die Seite zeigt sieben Testfenster über drei Aktien, mit Alpha gegen Buy & Hold zwischen 20 und 524 Prozentpunkten und einem Spitzenwert von +1.192,4 % für Nvidia im Wochenchart von Januar 2022 bis Juni 2026 (Buy & Hold im selben Fenster: +668,8 %). Drawdown kommt in keiner einzigen Darstellung vor. Weder Tiefe noch Dauer, dazu keine Trade-Anzahl und keine Trefferquote.
Von den beiden Größen ist die Dauer meist die härtere. Eine Tiefe von 35 Prozent ist verkraftbar, wenn sie nach vier Monaten vorbei ist. Dieselben 35 Prozent über zwei Jahre kosten die meisten Anleger den Ausstieg — und zwar am Tiefpunkt, weil bis dahin die Geduld aufgebraucht ist. Wer nur die Rendite kennt, kennt den Preis nicht, den sie gekostet hat.
Frage 2: Backtest oder Livebetrieb — und getrennt ausgewiesen?
Die Schlagzeile der boerse.de-Signale lautet +27,1 % pro Jahr seit dem 31.12.1999. Unter jeder Grafik steht der Zusatz: „Rückrechnung vom 31.12.1999 bis Veröffentlichung am 29.04.2020."
Das ist offen gesagt, und es ist die wichtigste Zeile der ganzen Seite. Übersetzt heißt sie: Rund zwanzig Jahre der Bilanz sind Rückrechnung, rund sechs Jahre sind Livebetrieb. Beide stecken in einer einzigen Zahl.
Eine Rückrechnung entsteht mit Kenntnis dessen, was danach passiert ist. Ein Livebetrieb nicht. Wie gut sich die Strategie seit April 2020 geschlagen hat, ist damit die eigentlich interessante Information — und sie ist aus der Schlagzeile nicht herauszulesen.
Bei Arch Public ist die Lage klarer und zugleich enger: Dort ist alles Backtest, so steht es im Kleingedruckten („hypothetical"). Die sieben Fenster haben unterschiedliche Start- und Enddaten und unterschiedliche Zeitebenen, was der Anbieter selbst mit dem Hinweis versieht, die Zeilen seien nicht direkt vergleichbar. Ein Out-of-Sample-Test oder ein Walk-Forward wird nirgends erwähnt.
Frag also nach zwei Kurven statt einer. Wo der Backtest endet und der Echtbetrieb anfängt, gehört in die Grafik, nicht in die Fußnote.
Frage 3: Welche Kosten stecken drin — und ist das Abo mitgerechnet?
boerse.de legt die Annahmen offen: 0,1 Prozent Spesen je Transaktion, Dividenden und Steuern bleiben außen vor, gerechnet wird auf Euro-Basis, jede neue Position mit zehn Prozent des Depotvolumens. Nachgerechnet: 84 Trades im Jahr sind rund 170 Käufe und Verkäufe, jeder auf ein Zehntel des Depots, jeder mit 0,1 Prozent belastet — das sind etwa 1,7 Prozent des Depots pro Jahr an angenommenen Spesen. Die Annahme ist damit nicht nebensächlich: Wer bei seinem Broker 0,25 Prozent zahlt, verliert gegenüber der Rechnung jedes Jahr weitere zweieinhalb Prozentpunkte.
Was in keiner Renditeangabe steckt, ist das Abonnement selbst. Das Jahresabo kostet 1.019,20 Euro (Aktionspreis mit 25 Prozent Rabatt, regulär rund 1.360 Euro), das empfohlene Mindestkapital liegt bei 20.000 Euro. Das sind gut fünf Prozent des eingesetzten Kapitals pro Jahr, bevor der erste Trade läuft, zum regulären Preis knapp sieben. Bei einer ausgewiesenen Rendite von 27,1 Prozent bleibt reichlich Luft — bei einem schwächeren Jahr nicht.
Bei Arch Public läuft die Strategie als Invite-only-Skript im TradingView-Konto des Nutzers. Die Kommission im Backtest ist dort ein Feld, das der Nutzer selbst befüllt; die Dokumentation sagt dazu, dass Gebühren je Börse gestaffelt sind und sich ändern. Bei einer Strategie, die auf einzelne Kerzen im Stunden- und Vier-Stunden-Chart reagiert, entscheidet genau dieser Posten über das Alpha.
Die Rechnung, die du selbst machen musst: Abogebühr geteilt durch dein tatsächliches Kapital. Das ist die Rendite, die die Strategie erwirtschaften muss, bevor für dich etwas übrig bleibt.
Frage 4: Welcher Benchmark — und in welcher Variante?
boerse.de vergleicht mit dem MSCI World und nennt für den Zeitraum seit Ende 1999 ein Plus von 195,2 Prozent, entsprechend 4,1 Prozent pro Jahr. Diese Zahl passt auf den Kursindex, der Dividenden nicht berücksichtigt. Der Netto-Index in Euro, an dem sich die üblichen ETFs orientieren, liegt über 25 Jahre nach Drittauswertungen bei ungefähr 6 Prozent pro Jahr — kumuliert also eher bei 370 als bei 195 Prozent.
Formal ist die Wahl konsequent: Die Strategie rechnet ebenfalls ohne Dividenden, also beide Seiten ohne. Nur wirkt dieselbe Regel auf beiden Seiten völlig verschieden. Die Strategie hält eine Aktie im Schnitt 33,9 Tage und vereinnahmt ohnehin kaum Dividenden. Ein Buy-and-Hold-Vergleich vereinnahmt sie alle. Der Verzicht kostet die eine Seite fast nichts und die andere rund zwei Prozentpunkte im Jahr.
Auf die ausgewiesene Outperformance von 23,0 Prozentpunkten jährlich gerechnet, blieben gegen den Netto-Index gut 21. Der Befund kippt dadurch nicht. Aber er verschiebt sich messbar, und zwar allein durch die Wahl einer Indexvariante.
Die Frage lautet deshalb nie nur „gegen welchen Index", sondern: gegen welche Variante, in welcher Währung, über welches Fenster.
Frage 5: Wer belegt die Zahlen — der Anbieter oder ein Dritter?
Algo-Camp aus Berlin verkauft Expert Advisors für MetaTrader, mit Einmallizenzen zwischen 397 und 7.020 Euro statt Abo, deutschem Support und ladungsfähiger Adresse. In einer ausführlichen Besprechung auf kagels-trading.de (Stand 7. September 2026) steht als Schwäche wörtlich: „Die Performance-Aussagen stammen vom Anbieter, ein öffentliches Echtgeldkonto fehlt."
Das ist keine Kleinigkeit und auch kein Vorwurf an einzelne Anbieter. Es ist der Normalzustand der Branche: Die Zahl, mit der geworben wird, kommt von dem, der das Produkt verkauft.
Was ein Dritter belegen kann, ist begrenzt, aber nicht null. Ein öffentlich einsehbares Echtgeldkonto. Ein von einer unabhängigen Stelle geführter Track Record. Eine Strategie, die so vollständig beschrieben ist, dass man sie selbst nachrechnen kann.
Der letzte Punkt ist der stärkste, und boerse.de erfüllt ihn am ehesten: Alle vier Indikatoren sind mit Quelle benannt, die Portfolioregeln stehen da, die Kostenannahme steht da. Das reicht, um die Rückrechnung im Prinzip selbst nachzubauen. Diese Offenheit ist im Markt die Ausnahme und verdient, benannt zu werden.
Was du daraus machst
Fünf Fragen, in der Reihenfolge:
- Wie tief und wie lange ging der maximale Kapitalrückgang?
- Wo endet der Backtest und wo beginnt der Echtbetrieb?
- Welche Kosten sind eingerechnet, und wie viel Prozent meines Kapitals kostet das Abo?
- Welcher Benchmark, in welcher Indexvariante, in welcher Währung?
- Wer hat die Zahlen erzeugt, und kann ein Dritter sie prüfen?
Keine dieser Fragen unterstellt jemandem eine Absicht. Sie prüfen, ob eine Rendite genug Kontext hat, um etwas zu bedeuten.
Und darunter liegt die immer gleiche Sache: Eine Rendite ist ein Mittelwert. Sie sagt nichts über die Verteilung dahinter — nicht über die Streuung der Trades, nicht über die Tiefe der Rückschläge, nicht über deren Dauer. Wer nur den Mittelwert kennt, weiß nicht, ob er den Weg dorthin ausgehalten hätte. Das ist die Kennzahl, die zuerst gehört, nicht zuletzt. In der Backtesting Arena steht sie deshalb in jedem Ergebnis direkt neben der Rendite: maximaler Drawdown, Trefferquote, Trade-Anzahl und der Buy-&-Hold-Vergleich im selben Fenster.
Keine Anlageberatung, keine Empfehlung, keine Prognose — historische Muster sind keine Zusage. Alle Angaben zu Anbietern stammen von deren öffentlich zugänglichen Seiten, Stand 14./15. September 2026.
Quellen: TM Börsenverlag AG, boerse.de-Signale Aktien Welt, Produktseite boersenverlag.de (Stand 14.09.2026) · Arch Public, archpublic.com und docs.archpublic.com (15.09.2026) · Karsten Kagels, „Algo-Camp Erfahrungen", kagels-trading.de (Stand 07.09.2026) · BaFin, Verbrauchermitteilung „Investieren mit KI" (03.06.2025, aktualisiert 06.08.2026) sowie Plattformreihen-Warnungen vom 13.02. und 13.05.2026 · MSCI World Net EUR, 25-Jahres-Rendite nach investingintheweb.com auf Basis von MSCI-Daten
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