Sieben Aussagen, die im Trading-Umfeld ständig weitergereicht werden. Für jede gibt es eine Zahl, die sie trägt oder eben nicht.
Die Antwort ist dabei fast nie „Mythos". Sie ist meistens „kleiner als behauptet", „richtig, aber man kann nichts damit anfangen" oder „nie ordentlich geprüft". Diese Kategorien sind interessanter als ein Debunking — und sie sind schwerer zu schreiben, weil man am Ende auch die eigene Zahl gegen denselben Maßstab halten muss.
Das tun wir im ersten Abschnitt. Er stützt sich auf eigene Daten, und er hat eine Grenze, die wir zuerst nennen, bevor wir das Ergebnis nennen.
MAX PAIN — DER STRIKE LÄUFT DEM PREIS HINTERHER
Die Behauptung: Zum Verfall wandert der Kurs zu dem Strike, an dem die meisten Optionen wertlos verfallen. Market Maker hätten ein Interesse daran, also passiere es.
Zuerst die Grenze der Messung
Wir haben 70 abgeschlossene Deribit-BTC-Expiries vom 28.05.2026 bis 05.08.2026 ausgewertet. Das sind 70 Kalendertage, also im Schnitt genau ein Verfall pro Tag — Deribit verfallt täglich.
Drei Einschränkungen, die man kennen muss, bevor die Zahlen etwas bedeuten:
- Zehn Wochen sind kein Zyklus. Der Bitcoin-Kurs ist in diesem Fenster von rund 73.600 auf 64.700 gefallen, also um 12 Prozent. Was hier steht, gilt für eine fallende Phase. Ob es in einer steigenden genauso aussieht, wissen wir nicht.
- 60 der 70 Verfälle sind Tageskontrakte. Bei einem Kontrakt, der am selben Tag verfällt, baut sich das offene Interesse rund um den aktuellen Kurs auf. Tageskontrakt und Quartalskontrakt sind nicht dasselbe Ding, auch wenn beide „Expiry" heißen.
- Ein einziger Quartalsverfall im Sample. Alles, was wir über große Verfälle sagen könnten, stünde auf einer einzigen Beobachtung. Wir sagen es deshalb nicht.
Wer diese drei Zeilen weglässt, kann aus denselben Daten eine viel schärfere Geschichte bauen. Das ist genau der Fehler, den dieser Artikel bei anderen beschreibt.
36 zu 34 — ein nachgerechneter Münzwurf
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Beobachtungen | 70 Verfälle (28.05.–05.08.2026) |
| Median-Abstand Kurs ↔ Strike | 1,80 % |
| Mittelwert-Abstand | 2,46 % |
| innerhalb ±1 % | 24 % |
| innerhalb ±2 % | 56 % |
| Kurs über dem Strike | 36 |
| Kurs unter dem Strike | 34 |
Die letzten beiden Zeilen sind die Antwort. 36 zu 34 ist ein Münzwurf, und zwar ein nachgerechneter: Ein zweiseitiger Binomialtest gegen 50:50 liefert p = 0,90. Es gibt in diesen Daten keinen Zug in eine Richtung. Der Kurs landet mal über, mal unter dem Strike, im Median knapp zwei Prozent daneben.
Der übliche Einwand — und warum wir ihn nicht beantworten können
„Der Effekt braucht genug offenes Interesse, sonst wirkt er nicht."
Der Verfall vom 26.06.2026 war mit 153.901 Kontrakten und 9,25 Mrd. USD der mit weitem Abstand größte im Sample. Sein Abstand: −14,1 %, Max Pain bei 70.000, Kurs bei 60.097. Der schlechteste Treffer im ganzen Fenster, ausgerechnet dort, wo der angebliche Druck am höchsten war.
Das klingt nach einer starken Zeile. Sie ist trotzdem keine.
Es ist eine Beobachtung. Nach unserem eigenen Maßstab — unter 30 unabhängigen Fällen ist eine Verteilung eine Anekdote — reicht das nicht, um den Einwand zu widerlegen. Es reicht, um ihn nicht zu bestätigen. Mehr nicht.
Wenn man das Sample nach offenem Interesse in drei Gruppen teilt, wird es sogar unbequem:
| Gruppe | n | Median-Abstand |
|---|---|---|
| niedriges offenes Interesse | 23 | 1,13 % |
| mittleres | 23 | 2,76 % |
| hohes | 24 | 2,03 % |
Die Kontrakte mit dem wenigsten offenen Interesse liegen dem Strike am nächsten. Das spricht nicht für den Mythos — es zeigt, dass diese Gruppen sich nicht sauber vergleichen lassen. Die kleine Gruppe besteht fast nur aus Tageskontrakten, deren Strike ohnehin am aktuellen Kurs klebt. Man vergleicht hier keine zwei Zustände desselben Marktes, sondern zwei verschiedene Instrumente.
Die Tagesbeobachtungen zeigen, wer zuerst läuft
Interessanter als die Verfallstage sind die Tagesbeobachtungen noch offener Kontrakte. Bei denen kann man zusehen, wer sich zuerst bewegt.
Der Septemberverfall 2026:
| Datum | Max Pain | Kurs |
|---|---|---|
| 28.05.2026 | 75.000 | 74.256 |
| 26.06.2026 | 75.000 | 59.348 |
| 06.08.2026 | 70.000 | 64.515 |
Der Kurs fiel binnen eines Monats um 20 Prozent. Der Max-Pain-Strike blieb dabei unverändert auf 75.000 stehen und kam erst Wochen später nach.
Wenn Max Pain den Kurs zöge, hätte der Kurs in Richtung 75.000 laufen müssen. Er lief in die Gegenrichtung, und der Strike folgte ihm.
Das ist auch mechanisch plausibel. Der Strike wird aus dem offenen Interesse gerechnet, und das offene Interesse sammelt sich dort, wo der Kurs gerade steht. Kurz vor Verfall liegen beide nah beieinander, weil die Kontrakte, die den Strike bestimmen, zu aktuellen Kursen geschrieben wurden. Diese Nähe ist der Bauplan der Kennzahl, nicht ihr Ergebnis.
Ehrlicherweise: Bei den kurzlaufenden Kontrakten wandert der Strike stärker als der Kurs, bei den langlaufenden ist es umgekehrt. Von acht beobachteten Serien bewegte sich der Strike in zwei Fällen weiter als der Kurs. Der pauschale Satz „der Strike jagt den Preis" wird von unseren Daten also nicht getragen. Getragen wird der schwächere und trotzdem entscheidende Satz: Max Pain läuft dem Kurs nicht voraus.
Die Tagesbeobachtungen laufen zudem erst seit dem 28.05.2026 und decken zwölf Verfälle ab, neun davon mit Tiefe. Das ist dünn, und wir sagen es dazu.
Verdikt: Als Kursziel nicht haltbar — in diesem Fenster, in dieser Marktphase. Nichts davon sagt, dass Optionsfluss egal ist. Gamma und die Absicherung der Händler sind real. „Max Pain zieht den Kurs" ist eine andere Behauptung, und die hält nicht.
DER YEN-CARRY-TRADE — UM EINE GRÖSSENORDNUNG AUFGEBLASEN
Die Behauptung: Ein bis zwei Billionen Dollar an yen-finanzierten Positionen hängen über den Weltmärkten. Hebt die Bank of Japan die Zinsen, bricht alles zusammen.
Kursierende Zahlen reichen von einer Billion über „505 Prozent des japanischen Bruttoinlandsprodukts" bis zu zwanzig Billionen in Blogbeiträgen.
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat für den August 2024 nachgerechnet und kommt auf grob 40 Billionen Yen, also rund 250 Milliarden Dollar — mit dem ausdrücklichen Zusatz, dass sich solche Geschäfte schlecht messen lassen und die Schätzung eher zu niedrig als zu hoch liegt. UBS schätzte den Dollar-Yen-Teil auf dem Höhepunkt auf mindestens 500 Milliarden, wovon binnen zwei bis drei Wochen rund 200 Milliarden abgebaut wurden.
Zwischen 250 Milliarden und 20 Billionen liegt Faktor 80.
Was hier ausdrücklich nicht steht: Der Mechanismus ist echt. Der August 2024 hat stattgefunden, der Nikkei hatte seinen schlechtesten Tag seit 1987. Nur die Größenordnung, mit der die Geschichte erzählt wird, hat mit den Zahlen der messenden Institutionen nichts zu tun.
Und die BIS sagt selbst, dass ihre Zahl eine Schätzung ist. Wer sie zitiert, sagt das mit.
Verdikt: Mechanismus richtig, Zahl um eine Größenordnung zu groß.
ZINSSENKUNGEN UND AKTIEN — DIE BEDINGUNG KENNT MAN ERST HINTERHER
Die Behauptung: Wenn die Fed senkt, steigen Aktien.
Hier wird es methodisch interessant, weil seriöse Häuser zu gegensätzlichen Zahlen kommen — je nachdem, welche Zyklen sie ins Sample nehmen.
Goldman Sachs untersuchte zehn Senkungszyklen seit 1984, vier davon in einer Rezession. In den Rezessionsfällen fiel der S&P 500 nach der ersten Senkung um 11 Prozent nach drei Monaten und lag nach sechs Monaten 10 Prozent im Minus. In den übrigen stieg er um 5 beziehungsweise 7 Prozent.
Ned Davis Research kommt ab 1974 auf 80 Prozent positive Zwölfmonatsphasen mit im Schnitt +15 Prozent — schließt dabei aber 1974, 1980 und 1981 aus, weil die Rezession dort schon lief. Eine dritte Auswertung über neun erste Senkungen findet einen zwischenzeitlichen Rückgang von durchschnittlich 20,5 Prozent.
Alle drei sind sauber gerechnet. Sie unterscheiden sich nur darin, welche Fälle als vergleichbar gelten.
Und selbst wenn man sich für eine entscheidet, bleibt das eigentliche Problem: Der Unterschied zwischen +7 und −10 Prozent hängt vollständig daran, ob eine Rezession folgt. Diese Information hat man in dem Moment nicht, in dem man entscheidet. Eine Regel, die eine unbekannte Größe als Eingabe braucht, ist keine Regel.
Dazu die Stichprobe: zehn Zyklen seit 1984, davon vier rezessiv. Vier Beobachtungen für den Umstand, der über den ganzen Unterschied entscheidet.
Verdikt: Richtig, aber man kann nichts damit anfangen.
DER VIER-JAHRES-ZYKLUS — DREI BEOBACHTUNGEN
Die Behauptung: Halving, weniger neue Bitcoin, Rally, Absturz, lange Ruhe. Alle vier Jahre.
Das Muster hat 2012, 2016 und 2020 beschrieben. Das sind drei saubere Zyklen. Aus drei Beobachtungen lässt sich keine Regelmäßigkeit begründen, egal wie überzeugend der Chart aussieht.
Der vierte Zyklus bricht das Muster bereits an einem harten Punkt, über den man nicht streiten kann: Bitcoin erreichte laut Kaiko erstmals in seiner Geschichte neue Allzeithochs vor dem Halving. In allen drei Zyklen davor kam das Hoch danach.
Auch der Mechanismus verwässert. 2024 kamen nur noch halb so viele neue Bitcoin dazu wie vorher — statt 1,7 Prozent der umlaufenden Menge waren es 0,85 Prozent, der kleinste Schnitt bisher. Rund 94 Prozent aller Bitcoin sind bereits geschürft. Jedes weitere Halving wirkt schon rechnerisch schwächer als das vorige.
Bemerkenswert ist, wie beide Lager reagieren. Das Hoch am 06.10.2025 nahe 126.200 Dollar passt zeitlich gut ins Schema, der Rückgang auf rund 63.000 bis Mitte 2026 ebenfalls. Die Fallhöhe passt nicht: Frühere Zyklen endeten in Rückgängen von 77 bis 85 Prozent. Die Verteidiger zeigen auf das Timing, die Gegner auf die Fallhöhe. Beide passen ihr Modell nachträglich an die Daten an.
Verdikt: Zu wenige Beobachtungen für eine Aussage — in beide Richtungen.
„UPTOBER" UND ANDERE STARKE MONATE — DER GEWINNER EINES WETTBEWERBS, DEN NIEMAND ERWÄHNT
Die Behauptung: Der Oktober ist historisch ein starker Bitcoin-Monat.
Das Problem steckt nicht in der Zahl, sondern in der Auswahl. Bitcoin hat rund dreizehn Oktober mit brauchbaren Kursdaten. Dreizehn Beobachtungen — schon dort wäre Vorsicht angebracht.
Entscheidend ist aber etwas anderes: Es gibt zwölf Monate. Wenn man alle zwölf gegen die Frage „welcher ist der stärkste?" antreten lässt, gewinnt immer einer, auch wenn zwischen den Monaten überhaupt kein Unterschied besteht. Der beste von zwölf zufälligen Kandidaten sieht zwangsläufig gut aus.
Der Fehler ist also nicht, dass der Oktober im Rückblick stark war. Der Fehler ist, dass nur der Sieger gezeigt wird und der Wettbewerb, aus dem er hervorging, verschwiegen wird. Wer zwölf Hypothesen prüft und eine davon berichtet, hat nicht eine Hypothese geprüft.
Dasselbe gilt für Wochentage, für Handelsstunden und für jede Zerlegung des Kalenders. Je feiner man schneidet, desto sicherer findet man ein Muster — und desto weniger bedeutet es.
Die Gegenprobe ist einfach und wird fast nie mitgeliefert: Wie stark ist der beste Monat in Datenreihen, in denen es per Konstruktion keinen starken Monat gibt? Erst dieser Vergleichswert macht aus dem Oktober-Befund eine Aussage.
Verdikt: Ein Auswahleffekt, kein Kalendereffekt.
„90 PROZENT TREFFERQUOTE" — DIE HÄLFTE DER RECHNUNG FEHLT
Die Behauptung, in unzähligen Varianten: Diese Regel liegt in neun von zehn Fällen richtig.
Eine Trefferquote sagt, wie oft etwas aufgeht. Sie sagt nichts darüber, wie viel es einbringt, wenn es aufgeht, und wie viel es kostet, wenn nicht. Beides zusammen entscheidet das Ergebnis, und nur eines davon wird genannt.
Neun kleine Gewinne und ein großer Verlust ergeben eine Trefferquote von 90 Prozent und ein Minus unter dem Strich. Umgekehrt kann eine Regel, die in zwei von drei Fällen falsch liegt, sehr gut sein, wenn der eine Treffer die beiden Fehlgriffe deutlich überwiegt.
Deshalb sind hohe Trefferquoten in der Werbung so beliebt: Sie lassen sich fast beliebig hochschrauben, indem man Gewinne früh mitnimmt und Verluste laufen lässt. Die Quote steigt, das Ergebnis fällt.
Die Frage, die dazugehört, ist immer dieselbe: Wie sieht der durchschnittliche Gewinn im Verhältnis zum durchschnittlichen Verlust aus — und wie groß war der schlimmste einzelne Fall? Wer eine Trefferquote nennt und diese Zahlen nicht dazu, zeigt eine Hälfte der Rechnung.
Verdikt: Kein Mythos, sondern eine unvollständige Angabe. Und die häufigste im ganzen Feld.
COINBASE PREMIUM — NIE SAUBER GEPRÜFT
Die Behauptung: Der Preisabstand zwischen Coinbase und den Offshore-Börsen zeigt die Nachfrage US-amerikanischer Institutioneller und läuft dem Kurs voraus.
Hier ist das Rechercheergebnis selbst der Befund. Zu diesem Indikator ließ sich keine saubere Untersuchung an Daten außerhalb des Entwicklungszeitraums finden. Was sich findet, sind Dutzende fast identischer Artikel, die dieselben zwei bis drei Einzelfälle weiterreichen: eine negative Phase vor einer Korrektur, eine positive Wende vor einer Stabilisierung.
Das ist keine Evidenz. Das ist ein Einzelfall, der durch Wiederholung den Anschein von Evidenz bekommen hat.
Ein Hinweis in eigener Sache: „Wir haben nichts gefunden" ist ein Ergebnis, aber ein schwächeres als eine Messung. Es kann bedeuten, dass es keine Untersuchung gibt — oder dass wir sie nicht gefunden haben. Wer diesen Abschnitt gegen uns wenden will, braucht dafür nur einen Link.
Der Mechanismus ist plausibel, der Preisabstand misst etwas Reales über die Orderlage. Ob dieses Etwas dem Kurs vorausläuft, ist eine offene, prüfbare und offenbar nie ernsthaft geprüfte Frage.
Verdikt: Ungeprüft. Nicht widerlegt, aber auch nicht belegt.
DREI FEHLERFAMILIEN
Die sieben Fälle laufen auf drei Fehler hinaus, und es lohnt, sie auseinanderzuhalten.
1. Die Vergleichszahl fehlt
Eine Zahl wird genannt, ohne die Zahl, gegen die man sie halten müsste.
Beim Carry Trade fehlt die Behördenschätzung neben der Blog-Zahl. Bei den Zinssenkungen fehlt die Aufteilung nach Rezession — und der Hinweis, dass man diese Aufteilung vorher nicht hat.
Am systematischsten zeigt sich das beim allgemeinen Aufwärtstrend, und dafür nehmen wir eine eigene Studie, weil sie durchgefallen ist.
Die Frage war: Löst sich eine ruhige Phase bei Bitcoin eher nach oben oder nach unten auf?
Der erste Anlauf lag daneben, und zwar um einen ganzen Bärenmarkt. Über ein Fenster von 400 Tagen fanden sich fünf abgeschlossene Episoden, vier davon abwärts, im Median −6,5 Prozent nach 30 Tagen. Das liest sich wie eine Antwort. Bitcoin fiel im selben Fenster um 40 Prozent — die Zahl beschrieb den Markt, nicht die Episoden.
Die richtige Studie, mit vorher festgelegter Definition, fand 47 Episoden zurück bis zum 24.04.2011. Der Median nach 30 Tagen liegt dort bei −0,03 Prozent.
| Horizont | roh | Aufwärtstrend im selben Fenster | Überschuss |
|---|---|---|---|
| 30 Tage | −0,03 % | +3,80 % | −1,62 % |
| 90 Tage | +13,06 % | +10,78 % | −5,24 % |
| 180 Tage | +31,46 % | +27,43 % | −5,93 % |
Die 180-Tage-Zeile ist die lehrreiche. Plus 31 Prozent sieht nach einer Kante aus und ist weniger, als der Markt im selben Zeitraum ohnehin gelaufen ist. Nur 44,7 Prozent der Episoden lieferten auf diesem Horizont überhaupt einen positiven Überschuss — weniger als die Hälfte.
Und jetzt der Teil, der wichtiger ist als das Ergebnis. Wer nachrechnet, stolpert: 31,46 minus 27,43 sind +4,03, nicht −5,93. Bei 90 Tagen kommt sogar ein anderes Vorzeichen heraus.
Der Grund: Der Überschuss ist keine Differenz zweier Mediane. Er wird je Episode einzeln gegen den Aufwärtstrend im jeweils eigenen Kalenderfenster gerechnet, und erst davon wird der Median genommen.
Das sind zwei verschiedene Größen. Wer einen bedingten Median nimmt, davon einen unbedingten abzieht und das Ergebnis „Überschuss" nennt, beantwortet eine andere Frage als die, die er stellen wollte. Nur die paarweise Rechnung sagt, ob die Bedingung etwas beigetragen hat.
Die Studie fällt außerdem an ihrer eigenen Kernaussage durch: Die Änderung des Volatilitätsrangs danach liegt bei ungefähr null. Auf ruhige Phasen folgt unter dieser Definition weder Ausweitung noch weitere Beruhigung. Ein Placebo-Test gegen zufällig gesetzte Episoden gleicher Dauer liefert p = 0,22 bis 0,30. Rauschen. Der Placebo-Arm wurde vor der Auswertung gebaut, nicht danach — das ist der Unterschied zwischen einer Kontrolle und einer Rechtfertigung.
Vier Grenzen gehören zum Ergebnis dazu:
- 47 Episoden sind keine 47 unabhängigen Beobachtungen. Die Vorwärtsfenster überlappen, die wirksame Zahl liegt darunter. Das steht in der Ausgabe der Studie, nicht im Kleingedruckten.
- „Ruhig" ist hier weich definiert — unter dem gleitenden Median, also rund die Hälfte aller Tage. Das ist kein seltener Zustand. Ob ein ungewöhnlich ruhiger Markt anders läuft, ist ungeprüft.
- Die Frage nach der Marktphase lässt sich nicht beantworten. 34 Episoden liegen über dem 200-Wochen-Schnitt, drei darunter. Aus drei Fällen berichtet man nicht, also wurde daraus nicht berichtet.
- Die Definition stand vor dem Zählen fest. Keine Schwellensuche, keine Auswahl der besten von mehreren.
Was überlebt hat, ist schmaler als die Schlagzeile, die aus den +31 Prozent geworden wäre: Eine ruhige Phase kündigt eine größere Bewegung an. Über die Richtung sagt sie nichts.
2. Zu wenige unabhängige Fälle — oder zu viele geprüfte Hypothesen
Der Vier-Jahres-Zyklus steht auf drei Beobachtungen. Die Zinssenkungen stehen auf vier rezessiven Fällen. Der starke Oktober steht auf dreizehn Oktobern, ausgewählt aus zwölf Kandidaten.
Wichtig ist der Unterschied zwischen Tagen und Fällen. Tage innerhalb desselben Trends sind hochkorreliert; tausend Tage können drei unabhängige Ereignisse sein.
3. Die Kennzahl enthält ihre eigene Antwort
Max Pain wird aus dem offenen Interesse gerechnet, das sich um den aktuellen Kurs sammelt — die Nähe am Verfallstag ist eingebaut, nicht gemessen. Eine Trefferquote lässt sich hochdrehen, indem man Gewinne kürzt und Verluste laufen lässt, ohne dass sich am Ergebnis etwas verbessert.
Wo eine Kennzahl ihrem eigenen Eingang folgt, ist Übereinstimmung kein Beleg.
DIE VIER FRAGEN
Daraus folgen vier Fragen an jede Behauptung der Form „nach X kam Y":
Wie hoch war die Entwicklung im selben Zeitfenster ganz ohne Bedingung? Fehlt dieser Wert, ist die Aussage nicht widerlegbar.
Wie viele unabhängige Fälle stecken dahinter — und wie viele Varianten wurden geprüft, bevor diese eine berichtet wurde? Unter acht Fällen ist eine Verteilung eine Anekdote. Und der Sieger aus zwölf Kandidaten ist kein Befund.
Wurde der Zeithorizont vor oder nach dem Ergebnis gewählt? Wird nur ein Horizont gezeigt, lohnt die Frage nach den anderen. Der interessanteste Wert ist meistens der, der fehlt.
Könnte die Kennzahl der Sache folgen, die sie erklären soll? Wenn ja, ist Übereinstimmung kein Beweis.
Diese vier Fragen kosten zwei Minuten. Sie erledigen den Großteil dessen, was als Analyse durchgeht — und wenn man sie ehrlich anwendet, auch einen Teil der eigenen Arbeit. Der Max-Pain-Abschnitt oben ist um drei Einschränkungen kürzer geworden, seit wir sie gestellt haben.
Quellen: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Quartalsbericht zum Marktereignis im August 2024 · UBS, Schätzung zum Dollar-Yen-Carry · Goldman Sachs, Auswertung von zehn Zinssenkungszyklen seit 1984 · Ned Davis Research, Zwölfmonatsauswertung ab 1974 · Kaiko, Zyklusvergleich Allzeithoch und Halving · Eigene Auswertung: 70 abgeschlossene Deribit-BTC-Verfälle, 28.05.–05.08.2026 · Eigene Studie: Niedrigvolatilitäts-Episoden bei BTC, 47 Episoden ab 24.04.2011, abgeschlossen 30.07.2026. Stand 06.08.2026.
⚠️ Kurse und Marktzahlen mit Stand 06.08.2026. Angaben zu laufenden Marktphasen veralten.