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Wyckoff erklärt — was die Forschung dazu sagt, und die Regeln, bevor wir rechnen

Das Wyckoff-Schema ist eines der bekanntesten Modelle im Trading. Unter seinem Namen ist es kaum geprüft — der Mechanismus dahinter dagegen schon, und er widerspricht dem Spring an einer entscheidenden Stelle. Wir erklären das Schema, zeigen warum Phasen sich nicht auszählen lassen, und veröffentlichen die Regeln samt Kontrollgruppe, bevor die erste Zahl existiert.

Backtesting Arena·25. Juli 2026·14 Min. Lesezeit·1 Aufrufe
Wyckoff erklärt — was die Forschung dazu sagt, und die Regeln, bevor wir rechnen

Das Wyckoff-Schema gehört zu den bekanntesten Bildern im Trading. Fast jeder, der länger Charts anschaut, ist ihm begegnet: fünf Phasen von A bis E, eine Handelsspanne, ein Ausbruch nach unten, der sich als Falle entpuppt.

Es gehört gleichzeitig zu den am seltensten überprüften — jedenfalls unter seinem Namen. Der Mechanismus dahinter ist dagegen erforscht, und zwar in einer Weise, die Wyckoff an einer entscheidenden Stelle widerspricht.

Dieser Beitrag macht zwei Dinge. Er erklärt das Schema. Und er legt die Regeln fest, mit denen wir einen Teil davon prüfen werden — veröffentlicht, bevor wir die erste Zahl berechnet haben. Der Grund dafür steht weiter unten, und er ist der eigentliche Punkt.

Woher das kommt

Richard Demille Wyckoff, 1873 bis 1934, war Börsenmakler in New York und gründete das Magazine of Wall Street. Seine Grundidee war schlicht und für seine Zeit ungewöhnlich: Große Marktteilnehmer können ihre Positionen nicht auf einmal aufbauen. Wer sehr viel kaufen will, treibt den Preis gegen sich selbst. Also muss er über längere Zeit einsammeln, möglichst unauffällig, und hinterlässt dabei Spuren in Kurs und Umsatz.

Wyckoff nannte diesen gedachten Großanleger den zusammengesetzten Mann — eine Denkfigur, keine Person. Wer den Markt liest, soll fragen, was dieser Akteur gerade tut.

Ein Hinweis zur Genauigkeit: Das Schema mit den Buchstaben A bis E und den Kürzeln, wie es heute gelehrt wird, stammt in dieser Form nicht direkt von Wyckoff. Es entstand in der Lehrtradition nach ihm. Wer „nach Wyckoff" sagt, meint meistens diese spätere Kodifizierung.

Das Schema

Wyckoff-Akkumulationsschema: idealisierter Verlauf über fünf Phasen

Wichtig vorweg, und deshalb steht es auch im Bild: Das ist ein gezeichneter Verlauf, keine Kursdaten. Reale Charts sehen selten so aus. Ein idealisiertes Modell ist ein Lehrmittel — es zeigt, wonach man sucht, nicht was man findet.

Die fünf Phasen

Phase A — der Abwärtstrend hört auf. Nach einer längeren Abwärtsbewegung kommt zum ersten Mal spürbare Nachfrage in den Markt. Das erste Anzeichen ist die vorläufige Unterstützung: Der Kurs fällt, aber der Umsatz zieht an, und der Rückgang bremst.

Dann kommt der Verkaufshöhepunkt. Ein Abverkauf mit sehr hohem Umsatz, oft panisch, der ein markantes Tief setzt. Genau dort steigen die ein, die vorher gewartet haben.

Darauf folgt die automatische Erholung. Weil der Verkaufsdruck aufgebraucht ist, springt der Kurs zurück, ohne dass es dafür viel Kaufkraft bräuchte. Das Hoch dieser Erholung markiert die Obergrenze der Spanne, in der sich alles Weitere abspielt.

Zum Schluss der zweite Test: Der Kurs läuft nochmal ans Tief heran, diesmal mit deutlich weniger Umsatz. Weniger Umsatz heißt: Es ist kaum noch Angebot da.

Phase B — die lange Langeweile. Der Kurs pendelt zwischen Unterstützung und Widerstand. Das ist der Abschnitt, in dem laut Modell die Position aufgebaut wird, und es ist der langweiligste. Er kann Monate dauern, und genau deshalb steigen hier die meisten aus.

Phase C — der Test nach unten. Hier passiert das Interessante, und darum geht es im zweiten Teil dieses Beitrags.

Phase D — der Ausbruch. Der Kurs verlässt die Spanne nach oben. Das Kraftzeichen ist ein Anstieg über den Widerstand mit deutlich erhöhtem Umsatz. Der letzte Unterstützungspunkt ist der darauffolgende Rücksetzer, der über der alten Obergrenze hält — aus Widerstand ist Unterstützung geworden.

Phase E — der Aufwärtstrend. Was danach kommt, ist kein Wyckoff mehr, sondern einfach ein Trend.

Für die Verteilung gilt dasselbe spiegelverkehrt: Kaufhöhepunkt statt Verkaufshöhepunkt, ein Ausbruch nach oben, der scheitert, statt eines nach unten.

Der Spring

Der Spring ist das bekannteste Ereignis des Schemas, und er ist der Grund, warum sich so viele mit Wyckoff beschäftigen.

Der Kurs fällt unter die Unterstützung der Spanne. Für jeden, der einen Stopp knapp darunter liegen hat, sieht das nach Ausbruch nach unten aus — die Stopps werden ausgelöst, es wird verkauft. Und dann dreht der Kurs, schließt wieder über der Unterstützung, und der Ausbruch war keiner.

In Wyckoffs Erzählung ist das kein Zufall. Der Großanleger holt sich dort das letzte verfügbare Angebot ab, und zwar von genau den Leuten, die durch den Bruch herausgeschüttelt wurden.

Der Spring hat eine Eigenschaft, die ihn von den Phasen unterscheidet: Er ist ein Zeitpunkt. Er passiert an einem Balken oder gar nicht. Man kann ihn zählen.

Was die Forschung dazu sagt

Wir haben nach begutachteten Arbeiten gesucht, die Wyckoff-Ereignisse operationalisieren und messen, ob danach etwas Bestimmtes passiert. Unter diesem Namen haben wir nichts Belastbares gefunden.

Eine Arbeit gibt es, aber wir verwenden sie nicht als Beleg: Das Journal wurde aus dem Directory of Open Access Journals entfernt, mit der Begründung, es halte sich nicht an gute Praxis, und das norwegische Publikationsregister stuft es auf Stufe 0 ein. Das macht die Arbeit nicht automatisch falsch. Es heißt nur, dass ihr Erscheinen dort nichts über ihre Qualität aussagt — und ein Beleg, der nichts belegt, ist keiner.

Für eine Methode, die seit hundert Jahren unterrichtet wird, ist das ein bemerkenswerter Befund.

Der Mechanismus dagegen ist gut untersucht

Nur steht Wyckoffs Name nicht darauf.

Carol Osler hat für Stop-Loss Orders and Price Cascades in Currency Markets (Journal of International Money and Finance, 2005) minütliche Devisenkurse für Dollar-Mark, Dollar-Yen und Dollar-Pfund von Januar 1996 bis April 1998 ausgewertet. Sie nutzt dabei einen Befund aus ihrer eigenen früheren Arbeit: Stop-Loss- und Take-Profit-Aufträge häufen sich an runden Kursmarken, und zwar in vorhersagbarer Weise.

Damit lässt sich etwas messen, was sonst unsichtbar bleibt. Wenn man weiß, wo die Aufträge liegen, kann man beobachten, was der Kurs tut, wenn er dort ankommt.

Zwei Ergebnisse sind für uns wichtig.

Erstens: An Take-Profit-Häufungen dreht der Kurs auffällig oft. Diese Aufträge wirken gegen die Bewegung — sie verkaufen in die Stärke und kaufen in die Schwäche.

Zweitens: Nach dem Durchbrechen von Stop-Loss-Häufungen beschleunigt der Kurs. Diese Aufträge wirken mit der Bewegung. Osler zeigt, dass die Reaktion auf Stop-Häufungen größer ist und länger anhält als auf Take-Profit-Häufungen — ein Hinweis darauf, dass Stops in Wellen ausgelöst werden und sich gegenseitig anstoßen.

Sie nennt das eine Preiskaskade. Und sie führt ein Beispiel an, das jeder Chartleser wiedererkennt: Am 7. März 2002 fiel Dollar-Yen ohne jede Nachricht um über drei Prozent, weil aufeinanderfolgende Wellen von Stop-Aufträgen ausgelöst wurden — erst beim Bruch von 130,50, dann bei 130.

Und hier wird es für Wyckoff unbequem

Die beiden Auftragsarten liegen an verschiedenen Stellen. Take-Profit-Aufträge liegen am Niveau. Stop-Loss-Aufträge liegen knapp dahinter — dort, wo jemand aussteigt, wenn das Niveau nicht hält.

Der Spring findet genau in der zweiten Zone statt. Der Kurs geht unter die Unterstützung, also in den Bereich, in dem sich die Stops häufen.

Und Oslers Befund für diese Zone lautet: Es beschleunigt. Nicht: Es dreht.

Das ist kein Randbefund, sondern die Kernaussage einer Arbeit, die seit zwanzig Jahren zitiert wird. Die dokumentierte Auftragsstruktur sagt für den Preisbereich unterhalb der Unterstützung das Gegenteil dessen voraus, was der Spring behauptet.

Was das für unsere Prüfung bedeutet — und warum sie dadurch besser wird

Man könnte das als Widerlegung lesen. Wir halten es für den Grund, überhaupt zu messen.

Denn beide Aussagen können nebeneinander bestehen. Osler beschreibt, was im Durchschnitt passiert, wenn Stops ausgelöst werden. Wyckoff beschreibt einen Sonderfall: Die Kaskade läuft an, aber jemand steht auf der Gegenseite und nimmt das Angebot auf.

Und jetzt kommt die entscheidende Eigenschaft unserer Regel. Sie feuert erst, wenn der Schlusskurs die Unterstützung schon wieder erobert hat. Sie sagt die Umkehr also nicht voraus — sie wählt genau die Fälle aus, in denen die Kaskade nicht durchgelaufen ist.

Damit lautet die eigentliche Frage nicht mehr „dreht der Kurs nach einem Bruch". Osler hat weitgehend geklärt, dass er das meistens nicht tut. Die Frage ist: Verhält sich die Teilmenge, in der die Kaskade ausblieb, danach anders als der Markt insgesamt?

Das ist eine engere, schärfere und beantwortbare Frage. Ohne Oslers Arbeit hätten wir sie so nicht gestellt.

Was sich nicht ohne Weiteres übertragen lässt

Vier Punkte, an denen der Vergleich hakt.

Oslers Daten sind Devisenmarkt der Jahre 1996 bis 1998, minütlich, in großen Währungspaaren. Wir prüfen Krypto auf Tagesbasis im Jahr 2026 — andere Teilnehmer, andere Handelszeiten, andere Marktstruktur.

Sie identifiziert Niveaus über runde Zahlen. Wyckoff-Unterstützungen sind Strukturpunkte, also frühere Tiefs. Dass Aufträge sich an runden Zahlen häufen, ist belegt; dass sie sich in gleicher Weise an Swing-Tiefs häufen, ist plausibel, aber damit nicht gezeigt.

Osler selbst schreibt, dass ihre Statistik keinen Kausalzusammenhang beweisen kann. Sie prüft zwei Alternativerklärungen — Zentralbankinterventionen und chaotische Kursprozesse — und hält beide für unwahrscheinlich, mehr nicht.

Und die allgemeine Lage bleibt nüchtern: Park und Irwin sichten in ihrer Übersicht 95 neuere Arbeiten zur technischen Analyse, 56 mit positivem, 20 mit negativem und 19 mit gemischtem Ergebnis — mit dem Zusatz, dass die Gewinne vor allem bis Anfang der 1990er Jahre nachweisbar waren, und mit dem ausdrücklichen Hinweis auf Veröffentlichungsverzerrung.

Warum das Schema als Ganzes so schwer zu prüfen ist

Wir haben uns zwei verbreitete Wyckoff-Skripte für TradingView angesehen, beide öffentlich, beide unter der Mozilla Public License. Eines versucht das komplette Schema zu erkennen, mit allen Ereignissen und einer Zustandsmaschine über die Phasen. Das andere macht nur eines: Es markiert Springs.

Der Unterschied ist lehrreich, und er liegt nicht an der Sorgfalt der Autoren.

Phasen sind Zustände, keine Ereignisse. Das größere Skript führt eine Variable mit, die von „Phase A" über „Phase B" bis „Phase E" wandert, gesteuert von rund zwanzig fest eingestellten Schwellen. Der Zustand hängt vom gesamten Pfad ab, den der Kurs vorher genommen hat. Er wird nie zurückgesetzt und hat kein Verfallsdatum.

Man kann deshalb nicht sagen: „Es gab 47 Phase-C-Ereignisse, und danach passierte im Schnitt Folgendes." Es gibt keine 47 Ereignisse. Es gibt einen Zustand, der irgendwann angenommen wurde und irgendwann von etwas anderem überschrieben wird.

Das kleinere Skript liefert das Gegenteil: eine Bedingung, ein Zeitpunkt, ein Auslöser, und jedes Unterstützungsniveau feuert höchstens einmal. Das lässt sich auszählen und mit dem vergleichen, was danach passiert ist.

Prüfbarkeit ist eine Eigenschaft des Zuschnitts, nicht der Sorgfalt. Beide Skripte sind ordentlich geschrieben. Nur eines stellt eine Frage, auf die es eine Antwort geben kann.

Deshalb prüfen wir den Spring und nicht das Schema.

Die Regeln — festgelegt, bevor wir rechnen

Und hier kommt der Teil, der den Rest dieses Beitrags trägt.

Wenn man eine Regel erst programmiert, dann das Ergebnis anschaut und dann die Parameter anpasst, findet man am Ende immer etwas. Nicht aus Unehrlichkeit — es passiert von selbst. Man probiert eine andere Pivot-Länge, weil die erste „nicht richtig aussah". Man schiebt die Volumenschwelle. Nach fünf Durchgängen hat man eine Regel, die auf genau diesen Daten funktioniert und auf keinen anderen.

Der einzige mechanische Schutz dagegen ist, die Regeln vorher aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Danach kann man sie nicht mehr stillschweigend ändern.

Das sind sie:

Was ein Pivot ist. Ein Balken, dessen Tief niedriger liegt als die sechs Balken davor und höchstens so hoch wie die sechs danach. Damit steht ein Pivot erst sechs Balken später fest. Das ist Absicht und es ist ehrlich: Vorher war es nicht bekannt, also darf es auch nicht verwendet werden.

Was ein gültiges Niveau ist. Ein bestätigtes Pivot-Tief, das zugleich das Tief seiner letzten zwanzig Balken war. Damit liegt es am unteren Rand einer Spanne und nicht irgendwo mitten drin.

Was ein Spring ist. Der Kurs unterschreitet ein gültiges Niveau, schließt aber über ihm. Zusätzlich muss das Tief das niedrigste der letzten zwanzig Balken sein, und das Niveau darf vorher nicht mehr als dreimal gebrochen worden sein — ein viermal gebrochenes Niveau ist keine Unterstützung mehr. Jedes Niveau löst höchstens einmal aus.

Wann eingestiegen wird. Zum Schlusskurs des Balkens, an dem der Spring auftritt. Nicht am Tief. Das Tief war zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht handelbar.

Was gemessen wird. Die Kursentwicklung über 5, 10 und 20 Balken danach, jeweils nach Abzug von 0,1 % Kosten je Seite (Gebühr plus Slippage, konservativ über dem Binance-Taker-Niveau). Kein optimierter Ausstieg, kein Stopp — sonst beantwortet die Studie eine andere Frage.

Wogegen gemessen wird. Gegen die unbedingte Kursentwicklung über dieselben Zeiträume, im selben Fenster, im selben Universum. Das ist der wichtigste Punkt überhaupt. Eine positive Rendite nach dem Spring sagt nichts, solange nicht feststeht, was der Markt in derselben Zeit ohnehin gemacht hat.

Auf welchem Universum. Bitcoin plus die neun meistgehandelten USDT-Paare auf Binance — ausgewählt nach ihrem Handelsvolumen im Dezember 2019, nicht nach dem, was bis heute überlebt hat. Das ist Absicht: Wer die Liste nach heutigem Stand zusammenstellt, prüft nur die Überlebenden und nennt es Alpha. Die eingefrorene Liste, festgelegt bevor eine Zahl existiert:

BTC, ETH, MATIC, BNB, TRX, XRP, EOS, LTC, BCH, VET — jeweils gegen USDT.

Dass MATIC damals auf Rang 3 und VET auf Rang 10 stand, ist genau der Punkt: Eine heutige Liste sähe anders aus. Wir nehmen die von damals.

Und beim Volumen prüfen wir drei Varianten, weil die Lehrmeinung an dieser Stelle uneinheitlich ist. Ein Spring gilt einmal als Absorption durch große Käufer — dann müsste der Umsatz hoch sein. Und einmal als Beleg dafür, dass kein Angebot mehr da ist — dann müsste er niedrig sein. Beide Lesarten sind gängig. Also messen wir ohne Volumenbedingung, mit hohem Umsatz und mit niedrigem. Wenn beide Varianten dasselbe zeigen, wirkt das Volumen nicht.

Beide Skripte, die wir uns angesehen haben, prüfen übrigens nur auf hohes Volumen. Keines schreibt dazu, dass das eine Entscheidung war.

Und eine Kontrollgruppe

Das ist der Teil, der uns beim Schreiben dieser Regeln selbst überrascht hat.

Wir haben ein drittes Wyckoff-Skript angesehen. Es definiert den Spring so: Der RSI steigt über 30. Das war's. Kein Kursniveau, keine Unterstützung, keine Handelsspanne, kein Unterschreiten mit Rückeroberung, kein Volumen. Ein Oszillator-Kreuzen mit einem Wyckoff-Etikett darauf.

Prüfen ließe sich das einwandfrei. Man könnte es durch dieselbe Maschine schicken — Stichprobengrenze, Vergleichsmaßstab, Korrektur für Mehrfachtestung, Präfix-Test — und bekäme eine saubere Zahl. Für eine Frage, die mit Wyckoff nichts zu tun hat.

Und das legt eine Lücke offen, die wir bisher nicht benannt hatten. Alles, was wir sonst prüfen, betrifft die Zuverlässigkeit eines Ergebnisses: Ist die Zahl reproduzierbar, steckt Zukunftswissen drin, hält sie gegen den richtigen Vergleich. Keine dieser Prüfungen fragt, ob das Gemessene das ist, was draufsteht.

Ein Backtest kann methodisch makellos sein und trotzdem das Falsche messen. Das ist kein Randfall. Es ist vermutlich der häufigere Fehler — weil er in den Kennzahlen keine Spuren hinterlässt.

Also nehmen wir das RSI-Kreuzen als Kontrollgruppe mit auf. Gleiche Horizonte, gleiche Nulllinie, gleiche Kosten, gleiche Hürden.

Der Sinn liegt in der Differenz. Der Placebo misst schlichte Rückkehr aus dem überverkauften Bereich. Unser Spring misst zusätzlich eine Preisniveau-Struktur — Bruch und Rückeroberung einer bestätigten Unterstützung. Was die Wyckoff-Definition an eigenem Beitrag leistet, ist genau der Abstand zwischen beiden. Ohne Kontrollgruppe lässt sich das nicht trennen.

Wie wir das Ergebnis lesen werden

Auch das steht vorher fest, denn sonst lässt sich jede Konstellation im Nachhinein passend erzählen.

SpringPlaceboWas wir daraus schließen
EffektkeinerDie Preisniveau-Struktur trägt etwas bei
EffektEffekt, ähnlich großDer Spring misst überwiegend Rückkehr aus dem Überverkauften. Das Etikett wäre dann Dekoration
EffektEffekt, deutlich kleinerBeides wirkt, die Struktur trägt zusätzlich bei
keinerkeinerKeine der beiden Regeln zeigt hier etwas
keinerEffektDie einfachere Regel schlägt die aufwendigere

Die letzte Zeile ist der Ausgang, der uns am wenigsten gefallen würde. Sie steht aus genau diesem Grund mit in der Tabelle.

Was als „kein Effekt" gilt

Auch das steht vorher fest, sonst kann man es hinterher zurechtlegen:

Übersteigt die Differenz zwischen bedingter und unbedingter Kursentwicklung nicht mindestens einen Standardfehler, lautet das Ergebnis „kein nachweisbarer Effekt". Unabhängig vom Vorzeichen.

Dazu drei Hürden. Unter 30 Springs je Variante ist das Ergebnis eine Anekdote und wird als solche berichtet. Die Ereignisse müssen sich über mindestens zwölf verschiedene Monate verteilen — vierzig Springs, die alle im selben Monat auftreten, sind eine Beobachtung und keine vierzig. Und weil wir zwölf Kombinationen prüfen, korrigieren wir das Ergebnis um die Mehrfachtestung — über den Deflated Sharpe mit zwölf Versuchen, genau das Verfahren, das wir plattformweit gegen zufällige Fundstücke einsetzen. Wer zwölf Varianten testet und die beste zeigt, findet immer etwas.

Und ein letzter, mechanischer Test: Die Spring-Liste wird zweimal erzeugt — einmal auf der vollen Historie, einmal auf einem abgeschnittenen Anfangsstück. Die überlappenden Springs müssen aufs Datum identisch sein. Weicht auch nur einer ab, ist Zukunftswissen in die Erkennung geflossen, und es wird nicht weitergerechnet. Das ist ein Dateivergleich, kein Ermessen.

Die Zusage

Wir veröffentlichen das Ergebnis, egal wie es ausfällt.

Drei Ausgänge sind möglich, und alle drei sind vorab akzeptiert: Der Effekt ist nachweisbar. Es gibt keinen. Oder die Regel findet zu wenige Springs, um überhaupt etwas zu sagen.

Der dritte Fall wäre der unspektakulärste und wird genauso ausführlich berichtet wie die anderen beiden.

Was diese Prüfung nicht kann

Vier Dinge, die dazugehören, sonst überschreiten wir selbst, was die Daten hergeben.

Wir prüfen eine Umsetzung. Die Pivot-Länge von sechs ist der Default des gesichteten Skripts, nicht aus der Theorie hergeleitet und kein Standardwert — die verbreitete TradingView-Pivot-Voreinstellung ist fünf. Ein anderer Wert ergäbe andere Springs. Deshalb legen wir ihn vorher fest und variieren ihn nicht: Das Ergebnis gilt für diesen Wert und für keinen anderen.

Wir prüfen kein diskretionäres Wyckoff-Lesen. Ein Mensch mit Kontext entscheidet anders als eine Regel.

Wir prüfen nur Krypto und nur Tagesbalken.

Und ein negatives Ergebnis würde heißen: Diese Regel hat auf diesen Daten keinen nachweisbaren Effekt. Es hieße nicht, dass Wyckoff falsch lag.

Warum wir das so machen

Weil ein Ergebnis, das nach der Berechnung begründet wird, wertlos ist — und weil man das von außen nicht sehen kann.

Ein Backtest, dessen Regeln erst nach dem ersten Blick auf die Zahlen entstanden sind, sieht genauso aus wie einer, dessen Regeln vorher standen. Die Grafik ist dieselbe, die Kennzahlen sind dieselben. Der Unterschied liegt in der Reihenfolge, und die Reihenfolge steht nirgendwo im Ergebnis.

Deshalb steht sie hier, vorher, mit Datum.

Das Ergebnis folgt.


Dieser Beitrag erklärt ein Modell und legt die Regeln einer geplanten Auswertung fest. Er enthält keine Ergebnisse, keine Anlageberatung, keine Empfehlung und keine Prognose.

Quellen: Carol L. Osler, Stop-Loss Orders and Price Cascades in Currency Markets, Journal of International Money and Finance 24(2), 2005, S. 219–241, DOI 10.1016/j.jimonfin.2004.12.002 · Carol L. Osler, Currency Orders and Exchange Rate Dynamics: An Explanation for the Predictive Success of Technical Analysis, Journal of Finance 58(5), 2003 · Cheol-Ho Park und Scott H. Irwin, What Do We Know About the Profitability of Technical Analysis?, Journal of Economic Surveys 21(4), 2007, S. 786–826 · Richard D. Wyckoff, Veröffentlichungen im Magazine of Wall Street und Kursmaterial zur Marktanalyse, 1910er bis 1930er Jahre · Hank Pruden, The Three Skills of Top Trading, Wiley 2007, zur heutigen Lehrform des Schemas · „Wyckoff Schematic" von kingshukghosh71, TradingView, MPL 2.0, abgerufen 24.07.2026 · „Wyckoff Springs" von QuantVue, TradingView, MPL 2.0, abgerufen 24.07.2026 · „Wyckoff Accumulation Distribution" von faytterro, TradingView, MPL 2.0, abgerufen 24.07.2026 · StockCharts ChartSchool, The Wyckoff Method: A Tutorial (chartschool.stockcharts.com) — schreibt die Akkumulations-/Distributions-Schemata Roman Bogomazov zu, editiert von Hank Pruden; „back-up"-Terminologie von Robert Evans · Kursdaten für die geplante Auswertung: Binance.

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