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Coin Days Destroyed als Bitcoin-Signal: Das Muster ist echt. Der Vorsprung nicht.

Steigender Bitcoin bei stillen Langzeit-Haltern gilt on-chain als bullisch. Wir haben das Muster repliziert — und die eine fehlende Frage gestellt: verglichen womit?

Backtesting Arena·3. September 2026·8 Min. Lesezeit·1 Aufrufe
Coin Days Destroyed als Bitcoin-Signal: Das Muster ist echt. Der Vorsprung nicht.

Wenn Bitcoin kräftig steigt, während die Langzeit-Halter ihre Coins liegen lassen, gilt das in der On-Chain-Analyse als besonders bullisch: Der Markt nimmt Angebot auf, ohne dass alte Hände nachliefern müssen. Ende August 2026 war es wieder so weit — Bitcoin in vierzehn Tagen um 23,6 % gestiegen, der Anteil der Langzeit-Halter an den zerstörten Coin-Tagen von 92,2 auf 86,2 % gefallen. Als Beleg kursierten neun solcher Aufbauten seit 2016, nach denen Bitcoin ein Jahr später fast immer deutlich höher stand.

Wir haben es nachgerechnet. Die Replikation gelingt — und genau dort fängt das Problem an.

Was die Kennzahl misst

Ein Bitcoin, der einen Tag unbewegt liegt, sammelt einen Coin-Tag an. Bewegt er sich, werden alle angesammelten Coin-Tage in diesem Moment zerstört. Die Summe dieser Zerstörung heißt Coin Days Destroyed. Sie gewichtet jede Bewegung nach Alter statt nach Menge: Eine einzige zehn Jahre alte Coin zerstört so viele Coin-Tage wie 3.650 Coins, die gestern ankamen.

Teilt man diese Zerstörung nach Halte-Dauer auf, bekommt man den Anteil, der auf Langzeit-Halter entfällt. Fällt dieser Anteil, während der Preis steigt, ergibt das eine erzählerisch sehr attraktive Geschichte: Der Aufwärtsdruck kommt nicht daher, dass alte Bestände auf den Markt kommen.

Zwei Einschränkungen gehören sofort dazu. Erstens misst Coin-Alter die Zeit seit der letzten Bewegung auf der Blockchain — nicht, wie lange jemand etwas besessen hat. Eine Wallet-Migration oder eine Börsen-Einzahlung zerstört Coin-Tage, ohne dass irgendwer verkauft hätte; ein börsen-interner Verkauf wechselt den Eigentümer, ohne die Kette zu berühren. Zweitens ist die Grenze zwischen „kurz" und „lang" eine Konvention. Unsere Datenquelle zieht sie bei 150 Tagen, die bekanntere Glassnode-Definition bei 155. Die beiden Kohorten sind ähnlich, aber nicht identisch.

Die Replikation gelingt

Wir haben die Bedingung genau so gebaut, wie der Post sie in seiner Fußzeile definiert: Preisanstieg über vierzehn Tage von mindestens 23,6 Prozent, gleichzeitig ein Rückgang des Anteils um mindestens 3,6 Prozentpunkte, danach 180 Tage Sperrfrist bis zum nächsten Treffer.

Das Ergebnis deckt sich. Seit 2016 findet unsere Zählung neun Aufbauten. Der Median der Zwölf-Monats-Rendite danach liegt bei +90,0 %, und sieben von acht abgeschlossenen Fenstern sind positiv. Das neunte Setup ist der aktuelle Fall vom 26. August 2026 — sein Fenster ist noch offen und geht in keine Statistik ein.

Auch der Anker stimmt: Am 28. August messen wir einen Vierzehn-Tage-Anstieg von 23,3 % und einen Anteil von 86,7 % nach einem Rückgang von 5,7 Prozentpunkten. Die Daten hinter dem viralen Chart sind echt, die Rechnung ist nachvollziehbar, das Muster existiert.

Wer hier aufhört, hat ein bullisches Signal.

Verglichen womit?

Die Frage, die in dem Chart nicht vorkommt, ist die wichtigste: Womit vergleichen wir diese +90 %?

Die naheliegende Antwort — mit null — ist falsch. Bitcoin ist seit 2016 fast immer gestiegen, wenn man lange genug wartet. Wir haben deshalb dieselbe Rechnung für jeden einzelnen Tag seit dem 1. Januar 2016 gemacht, ohne jede Bedingung: einfach kaufen, zwölf Monate warten, Ergebnis notieren.

An 70,9 % aller Tage stand Bitcoin ein Jahr später höher. Der Median über alle 3.531 auswertbaren Tage liegt bei +67,6 %.

Das ist der Sockel, auf dem das Signal steht. „Sieben von acht positiv" klingt beeindruckend, solange man nicht weiß, dass sieben von zehn beliebigen Tagen ebenfalls positiv sind. Und +90 % gegen +67,6 % ist ein Unterschied — aber kein Erdrutsch, bei acht Beobachtungen.

Der Test, der das Setup zerlegt

Ein Setup aus zwei Bedingungen wirft eine offensichtliche Frage auf: Welche der beiden trägt das Ergebnis? Das lässt sich messen, indem man eine davon streicht.

Wir haben also das On-Chain-Bein weggelassen und nur noch das Preis-Momentum stehenlassen: Vierzehn-Tage-Anstieg von mindestens 23,6 %, sonst identische Zählung, identische Sperrfrist. Ohne jede Aussage über Langzeit-Halter.

Dieser Kontrollarm liefert vierzehn Aufbauten und einen Zwölf-Monats-Median von +95,8 %, bei zehn von dreizehn positiven Fenstern.

Er liegt also nicht niedriger als das volle Setup. Er liegt höher. Auf Zwölf-Monats-Sicht erklärt das schlichte „Bitcoin ist gerade stark gestiegen" dieselben Zahlen wie das aufwendige On-Chain-Konstrukt. Das Bein, das die Geschichte interessant macht, trägt sie nicht.

Das stärkste Gegenargument

Fairerweise: Auf kürzeren Horizonten sieht der volle Aufbau besser aus. Nach dreißig Tagen liegt sein Median bei +23,5 % gegen +9,6 % beim reinen Momentum, nach 91 Tagen bei +31,7 % gegen +16,5 %. Man könnte also argumentieren, das On-Chain-Bein trage sehr wohl — nur eben kurzfristig.

Das ist ein ernstzunehmender Einwand, und er hält trotzdem nicht. Zum einen sind es acht Beobachtungen gegen dreizehn; ein Median aus acht Werten wandert schon, wenn ein einziger Fall anders ausgeht. Zum anderen — und das wiegt schwerer — war der Dreißig-Tage-Horizont nie die Behauptung. Der Post argumentiert mit zwölf Monaten. Wer erst misst und sich dann den Horizont aussucht, an dem das Ergebnis am besten aussieht, hat genau das Problem reproduziert, das er lösen wollte.

Dasselbe gilt für die Schwellen selbst. „Mindestens 23,6 Prozent" und „mindestens 3,6 Prozentpunkte" sind keine runden Zahlen, die jemand vorab festgelegt hätte. Es sind die Koordinaten des aktuellen Tages, rückwärts zur Bedingung erklärt. Dass der heutige Fall die Bedingung erfüllt, ist damit keine Entdeckung, sondern Konstruktion.

Ein Fall, der die Geschichte umdreht

Unter den neun Aufbauten ist einer, der in keiner Zusammenfassung auftaucht.

Am 10. Oktober 2021 war Bitcoin in vierzehn Tagen um 27,2 % gestiegen, und der Anteil der Langzeit-Halter an den zerstörten Coin-Tagen war um 14,7 Prozentpunkte gefallen — der stärkste Rückgang aller neun Fälle. Nach der Logik des Signals war das der überzeugendste Aufbau der ganzen Reihe.

Der höchste Bitcoin-Tagesschluss des Jahres 2021 fiel auf den 9. November. Das sind genau dreißig Tage später. Zwölf Monate nach dem Signal stand Bitcoin 65,2 % tiefer.

Das macht das Muster nicht wertlos. Aber es zeigt, was ein Median aus acht Werten verschweigt: Derselbe Aufbau, der als bullische Bestätigung zitiert wird, stand einmal unmittelbar vor einem Zyklushoch.

Wie viele Fälle sind es wirklich

Ein letzter Punkt betrifft das Zählen. Die Sperrfrist beträgt 180 Tage, der gemessene Horizont 365. Zwei Aufbauten im Abstand von sechs Monaten teilen sich also die halbe Zukunft — ihre Ergebnisse sind keine zwei unabhängigen Beobachtungen, sondern eine mit Überlappung.

Zählt man nur Fälle mit vollem Jahresabstand, bleiben von neun Aufbauten sechs übrig, davon fünf mit abgeschlossenem Zwölf-Monats-Fenster. Der Median liegt dann bei +84,2 %, alle fünf positiv. Das ist immer noch ordentlich — es sind eben fünf Fälle. Bei uns gilt: unter dreißig Beobachtungen ist ein Ergebnis eine Anekdote, kein Beleg. Fünf sind weit darunter.

Was der Leser mitnehmen kann

Der Befund lautet nicht „das Signal ist falsch". Er lautet: Das Muster existiert, und seine Prognosekraft ist von zwei viel einfacheren Dingen nicht zu unterscheiden — dem allgemeinen Aufwärtsdrift von Bitcoin und dem Umstand, dass der Preis gerade stark gestiegen ist.

Daraus werden drei Fragen, die man an jedes Signal-Chart stellen kann, das einem im Feed begegnet:

Verglichen womit? Wenn eine Trefferquote genannt wird, aber nicht die Basisrate danebensteht, fehlt die Hälfte der Information. Bei Bitcoin auf Zwölf-Monats-Sicht ist diese Basisrate hoch — 70,9 % seit 2016.

Was passiert, wenn ich das interessante Bein weglasse? Fast jedes zusammengesetzte Setup hat eine einfache und eine spannende Komponente. Wenn die einfache allein dasselbe leistet, ist die spannende Dekoration.

Wie viele unabhängige Fälle sind es? Nicht wie viele Punkte im Chart, sondern wie viele sich nicht überlappen. Und woher stammen die Schwellen — waren sie vorher festgelegt oder sind es die Koordinaten von heute?

Der Anteil selbst ist deshalb nicht wertlos. Er ist Kontext: Er sagt, wie alt das ist, was sich gerade bewegt. Wir haben ihn als Chart mit voller Historie seit 2009 veröffentlicht, mit der zerstörten Gesamtmenge daneben — denn 86 % von einem ruhigen Markt bedeuten etwas anderes als 86 % von einem hektischen. Dort steht auch, was uns beim Bauen aufgefallen ist: Über die volle Historie steigt dieser Anteil strukturell von rund 10 % auf etwa 90 %, einfach weil eine alternde Blockchain immer mehr alte Coins enthält. Wer ihn über Jahrzehnte mit dem Preis vergleicht, misst vor allem das Alter des Netzwerks.

Dieses Stück ist nicht die erste Prüfung dieser Art. Wir haben vier eigene Studien beschrieben, die an derselben Hürde gescheitert sind, und beim Wyckoff Spring die Regeln vorher festgeschrieben, um genau diesen Fehler zu vermeiden. Der Unterschied hier: Diesmal stammte die Behauptung nicht von uns.

Die offene Frage, die uns wirklich interessiert: Welches On-Chain-Signal überlebt seinen eigenen Kontrollarm — also die Version, in der man das On-Chain-Bein streicht und nur den Preis behält? Wer eines kennt, soll es nennen. Wir rechnen es nach.

Häufige Fragen

Was sind Coin Days Destroyed? Jeder Bitcoin sammelt pro Tag ohne Bewegung einen Coin-Tag an. Wird er bewegt, werden alle angesammelten Coin-Tage zerstört. Die Kennzahl gewichtet Bewegungen damit nach dem Alter der bewegten Coins statt nach ihrer Menge.

Bedeutet ein fallender LTH-Anteil, dass Langzeit-Halter aufhören zu verkaufen? Nicht zwingend. Coin-Alter misst die Zeit seit der letzten Bewegung auf der Blockchain, nicht die Besitzdauer. Wallet-Migrationen und Börsen-Einzahlungen zerstören Coin-Tage ohne Verkauf, börsen-interne Verkäufe wechseln den Eigentümer ohne Spur auf der Kette.

Warum ist eine Basisrate so wichtig? Weil sie den Vergleichsmaßstab liefert. Bitcoin stand seit 2016 an 70,9 % aller Tage ein Jahr später höher, mit einem Median von +67,6 %. Jede Trefferquote eines bullischen Signals muss gegen diesen Wert antreten, nicht gegen null.

Was ist ein Kontrollarm? Dieselbe Messung mit einer weggelassenen Bedingung. Wenn das Ergebnis dadurch nicht schlechter wird, hat die weggelassene Bedingung nichts beigetragen. Hier lieferte reines Preis-Momentum einen Zwölf-Monats-Median von +95,8 % gegenüber +90,0 % für das volle Setup.

Warum sind neun Ereignisse zu wenig? Weil sich bei einem Median aus acht Werten schon ein einzelner anderer Ausgang deutlich auswirkt — und weil sich die Zwölf-Monats-Fenster bei 180 Tagen Abstand überlappen. Mit vollem Jahresabstand bleiben sechs Ereignisse übrig.

Ist das Setup damit widerlegt? Widerlegt wäre zu viel gesagt. Belegt ist es jedenfalls nicht: Sein Ergebnis lässt sich vollständig durch den allgemeinen Aufwärtsdrift von Bitcoin und das Preis-Momentum erklären, ohne dass die On-Chain-Komponente etwas hinzufügt.


Keine Anlageberatung, keine Empfehlung, keine Prognose. Historische Muster sind keine Zusage für die Zukunft. Alle Zahlen mit Stand 31.08.2026, Datenquelle Bitcoin Research Kit; die Auswertung liegt als Prüfskript im Repository.

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