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Warum dieselbe Strategie Crypto schlägt und am S&P 500 scheitert

Wir haben denselben RSI/SMA-Crossover auf die Top 50 Coins und die Top 50 US-Aktien losgelassen — gleiche Regeln, gleicher Zeitraum. Auf Crypto schlägt er den Buy-&-Hold-Vergleich in 80 % der Fälle, auf Aktien in 4 %. Warum eine trendfolgende Strategie in einem Markt funktioniert und im anderen Geld verbrennt.

Backtesting Arena·19. Juni 2026·7 Min. Lesezeit·0 Aufrufe
Warum dieselbe Strategie Crypto schlägt und am S&P 500 scheitert

Eine Strategie, die in einem Markt Gold ist, kann im nächsten wertlos sein. Das ist keine Meinung — das ist das Ergebnis, wenn man exakt dieselbe Strategie auf zwei Märkte loslässt und nichts anderes ändert.

Wir haben den klassischen RSI/SMA-Crossover genommen — eine simple Trendfolge-Strategie, die long geht, wenn das Momentum dreht, und in Cash, wenn es kippt. Gleiche Regeln, gleiche Default-Parameter, gleicher Zeitraum (2018 bis Juni 2026), Wochen-Chart. Einmal auf die Top 50 Kryptowährungen, einmal auf die Top 50 US-Aktien. Als Maßstab: Avg-Buy-&-Hold — was du verdient hättest, wenn du einfach gekauft und gehalten hättest, gemittelt über alle Einstiegspunkte.

Das Ergebnis ist fast schon unanständig eindeutig.

Die Schlagzeile

Kennzahl (RSI/SMA, 1W, 2018–2026)Crypto-Top-50S&P-Top-50
Ø Strategie-CAGR15,6 %7,5 %
Median Strategie-CAGR11,9 %4,6 %
Ø Buy-&-Hold-CAGR−5,0 %16,7 %
Schlägt Buy & Hold40 / 50 (80 %)2 / 50 (4 %)
Ø max. Drawdown−68,8 %−34,0 %
Ø Sharpe (annualisiert)0,070,27
Ø Trades pro Asset4378

Dieselbe Strategie. In einem Markt schlägt sie das Kaufen-und-Halten bei 4 von 5 Assets. Im anderen bei genau zwei von fünfzig. Auf Aktien verliert sie nicht knapp — sie wird vom simplen Buy & Hold deklassiert (16,7 % gegen 7,5 % CAGR).

Warum sie auf Crypto gewinnt

Crypto ist eine Achterbahn mit eingebauten Katastrophen. Schau auf die Buy-&-Hold-Zahl: über alle Einstiegspunkte gemittelt war das pure Halten der Top-50-Coins seit 2018 im Schnitt negativ (−5 %). Viele Alts sind nach ihrem Hoch nie wieder zurückgekommen. Der durchschnittliche maximale Drawdown von −69 % sagt den Rest.

In so einem Markt ist eine Strategie, die rechtzeitig in Cash geht, kein Renditejäger — sie ist eine Versicherung. Und genau da verdient sie ihr Geld. Aufgeschlüsselt nach Marktphase:

Regime (Crypto)AssetsØ Differenz zu B&Hdavon Outperformer
Bärisch (B&H < 0 %)30+27,6 pp28
Seitwärts (0 bis +10 %)5+23,5 pp4
Bullisch (B&H > +10 %)15+5,6 pp8

30 der 50 Coins waren über den Zeitraum unterm Strich Verlustbringer beim reinen Halten. Bei 28 davon hat die Trendfolge den Schaden begrenzt — im Schnitt um fast 28 Prozentpunkte CAGR. Das ist der ganze Trick: In einem Markt, der dich regelmäßig 70–90 % kostet, gewinnt man, indem man die ganz großen Einbrüche nicht voll mitnimmt.

Die Bandbreite ist trotzdem brutal. Bestes Asset relativ zu seinem eigenen Buy & Hold: ein Fantom-Token mit +165 Prozentpunkten. Schlechtestes: ein +88-pp-Eigentor, bei dem die Strategie schlechter war als stures Halten. Trendfolge auf Crypto ist kein ruhiges Geschäft — sie ist nur das kleinere Übel.

Warum sie am S&P 500 scheitert

Blue-Chip-Aktien sind das Gegenteil von Crypto: ein zäher, hartnäckiger Aufwärtstrend mit vergleichsweise milden Rücksetzern (Ø max. Drawdown −34 % gegen −69 % bei Crypto). Über alle Einstiege gemittelt brachte stures Halten +16,7 % CAGR. Wer da rausgeht, verpasst nicht eine Katastrophe — er verpasst die Erholung.

Und genau das passiert. Aufgeschlüsselt:

Regime (Aktien)AssetsØ Differenz zu B&Hdavon Outperformer
Bullisch (B&H > +10 %)36−10,5 pp1
Seitwärts (0 bis +10 %)13−7,0 pp0
Bärisch (B&H < 0 %)1+4,3 pp1

36 der 50 Aktien waren im Aufwärtstrend — und in 35 davon hat die Strategie aktiv Rendite zerstört, im Schnitt 10,5 Prozentpunkte CAGR. Am teuersten war das Aussteigen ausgerechnet bei den größten Compoundern: bei einem Halbleiter-Schwergewicht kostete das Hin und Her −29 Prozentpunkte gegenüber simplem Halten, bei einem Pharma-Titel −22, bei den großen KI-Namen jeweils zweistellig. Man kann eine säkulare Gewinner-Aktie nicht „timen" — jeder Cash-Ausflug während eines Pullbacks ist eine verpasste Fortsetzung.

Nur zwei Aktien schlugen ihren Buy & Hold überhaupt, und beide knapp.

Die unbequeme Nuance

Zwei Dinge, die man ehrlicherweise dazusagen muss, sonst ist die Geschichte zu glatt:

Erstens — die 80 % sind zum Teil ein Crypto-Artefakt. Die hohe Trefferquote auf Crypto kommt nicht daher, dass die Strategie brillant ist, sondern dass der Vergleichsmaßstab so tief liegt: Buy & Hold war auf Crypto im Schnitt negativ. Es ist leicht, etwas zu schlagen, das selbst verliert. Auf Aktien ist der Maßstab +16,7 % — eine viel höhere Hürde.

Zweitens — risikobereinigt sieht es anders aus. Der durchschnittliche Sharpe ist auf Aktien sogar höher (0,27 gegen 0,07). Heißt: pro Einheit Risiko liefert die Aktien-Variante mehr, sie wird nur vom noch besseren Buy & Hold geschlagen. Die Crypto-Variante „gewinnt" gegen einen miserablen Benchmark, ist aber absolut betrachtet wild und kaum risiko-effizient. „Schlägt Buy & Hold" und „ist eine gute Strategie" sind nicht dasselbe.

Was das wirklich bedeutet

Das ist kein Strategie-Versagen. Es ist ein Frequenz-Missverständnis. Trendfolge lebt von großen, anhaltenden Bewegungen in eine Richtung — und von Märkten, in denen es sich auszahlt, vor dem Absturz auszusteigen. Crypto liefert beides im Übermaß.

Aktien dagegen sind auf Tages- und Wochenskalen eher mean-revertend: Sie übertreiben nach unten und holen das wieder auf, statt in saubere mittelfristige Trends zu laufen. Der echte Momentum-Effekt bei Aktien lebt auf der 3-bis-12-Monats-Skala, nicht auf dem Wochenchart. Eine wöchentliche Trendfolge sitzt damit in der falschen Frequenz-Schublade — sie verkauft Pullbacks, die statistisch eher Kaufgelegenheiten wären.

Womit die offensichtliche Frage im Raum steht: Welche Strategien sind dann für Aktien gebaut? Die Antwort heißt nicht „Trendfolge optimieren", sondern „die Kategorie wechseln" — hin zu Mean-Reversion. Das ist der Stoff für die nächsten Beiträge: RSI(2), Capitulation Finder, Triple Strike Reversal — Strategien, die nicht auf den Trend setzen, sondern auf die Rückkehr zum Mittelwert. Wir testen sie gerade auf genau diesem S&P-Universum.

Grenzen dieser Analyse

  • Survivorship-Bias: Wir haben die heutigen Top-50 verwendet — also die Überlebenden. Verschwundene Coins und gefallene Aktien fehlen, was beide Seiten freundlicher aussehen lässt, als sie waren. Sauber wird das erst mit einem zeitpunktgenauen Universum.
  • Eine Strategie, ein Zeitfenster, ein Intervall. Das ist eine Illustration des Frequenz-Arguments, kein Beweis für „Trendfolge taugt nie für Aktien". Andere Parameter oder Zeiträume verschieben die Zahlen.
  • Vor Kosten. Die Engine rechnet ohne Gebühren und Slippage. Bei 78 Trades pro Aktie würde das die Aktien-Ergebnisse zusätzlich nach unten ziehen — gegen die Strategie, nicht für sie.
  • Unter 30 Trades ist Anekdote. Beide Seiten liegen im Schnitt deutlich darüber (43 bzw. 78), einzelne Assets mit wenig Trades sollte man aber nicht überinterpretieren.

Was Backtesting Arena hier beiträgt

Diesen Vergleich kann man auf der Plattform selbst nachfahren: dieselbe Strategie, beide Asset-Klassen, gleicher Zeitraum, der Avg-Buy-&-Hold immer als Maßstab daneben. Wir zeigen die Drawdowns und die Phasen, in denen eine Strategie verliert, nicht nur die, in denen sie glänzt — auch wenn es, wie hier, unsere eigenen trendfolgenden Strategien sind, die im Aktienmarkt schlecht aussehen. Genau das ist der Punkt: Eine Strategie zu bewerten heißt zu wissen, in welchem Markt und in welcher Marktphase sie funktioniert — und in welcher nicht.

FAQ

Heißt das, Trendfolge ist für Aktien generell nutzlos? Nein. Auf der Wochen-Skala mit dieser Mechanik ja — sie verkauft Pullbacks, die sich meist wieder erholen. Aber Momentum-Effekte bei Aktien existieren sehr wohl, nur auf längeren Skalen (3–12 Monate) und mit anderer Mechanik (Cross-Sectional Ranking statt Einzelwert-Crossover). Das ist eine andere Strategie-Familie.

Warum schlägt die Strategie auf Crypto so viele Coins, wenn ihr selbst sagt, sie sei nicht „gut"? Weil der Maßstab so niedrig liegt. Buy & Hold war auf den Top-50-Coins seit 2018 im Schnitt negativ. Etwas Verlierendes zu schlagen ist einfach. Risikobereinigt (Sharpe) ist die Crypto-Variante sogar schwächer als die Aktien-Variante.

Ist der Vergleich fair, wenn Crypto so viel volatiler ist? Genau das ist die Aussage: Dieselbe Strategie trifft auf zwei völlig verschiedene Markt-Charaktere. Die Volatilität ist der Grund, warum Trendfolge auf Crypto Mehrwert liefert (Katastrophenschutz) und auf Aktien nicht (Cash-Drag im Aufwärtstrend). Wir mitteln über alle Einstiegspunkte, damit nicht ein einzelnes Glücks- oder Pechdatum das Bild bestimmt.

Würden Gebühren das Ergebnis kippen? Sie würden es verschärfen, nicht kippen. Die Aktien-Variante handelt fast doppelt so oft (78 vs. 43 Trades) und liegt schon vor Kosten hinten — mit Gebühren noch weiter.

Warum nur Top-50 und nicht der ganze Markt? Lesbarkeit und Datenqualität. Die heutigen Top-50 sind außerdem survivorship-biased — ein zeitpunktgenaues Universum würde beide Seiten realistischer (und schlechter) aussehen lassen. Wir nennen das offen als Grenze.

Was kommt als Nächstes? Wir testen Mean-Reversion-Strategien (RSI(2), Capitulation Finder, Triple Strike Reversal) auf demselben S&P-Universum — die Kategorie, die für das Tages-/Wochen-Verhalten von Aktien gebaut ist. Die Ergebnisse folgen in eigenen Beiträgen.

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