Mehr Bitcoin durch Altcoin-Rotation — die Idee ist verführerisch und taucht in jedem Zyklus wieder auf. Man misst nicht mehr in Dollar, sondern in Bitcoin. Läuft der Altcoin besser als BTC, hält man den Altcoin. Läuft er schlechter, geht man zurück in BTC. Fällt auch BTC, wartet man in einem Stablecoin. Am Ende, so das Versprechen, hat man mehr Bitcoin als jemand, der einfach nichts getan hat.
Wir hatten die Mechanik vollständig spezifiziert und wollten sie bauen. Vorher haben wir sie gemessen. Sie funktioniert nicht.
Was genau getestet wurde
Der Automat kennt drei Zustände: Altcoin, Bitcoin, Stablecoin. Zwei Signale steuern ihn — eines auf dem Verhältnis Altcoin/BTC, eines auf BTC/Dollar. Schlägt der Altcoin BTC, hält man den Altcoin. Schlägt er ihn nicht, entscheidet das zweite Signal zwischen BTC und Stablecoin.
Gerechnet wurde durchgehend in Bitcoin-Einheiten. Der Vergleichsmaßstab ist deshalb angenehm eindeutig: Wer einen Bitcoin hält und nichts tut, hat am Ende einen Bitcoin. Multiplikator 1,00. Alles darunter heißt: Die Strategie hat Bitcoin vernichtet.
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Paare | 9 Altcoins mit nativem BTC-Paar (ETH, MATIC, BNB, TRX, XRP, EOS, LTC, BCH, VET) |
| Zeitraum | Listing des jeweiligen Paars bis 30.06.2026 |
| Signale | RSI/SMA (14/14), EMA-Kreuzung (9/21), Goldenes Kreuz (50/200) |
| Intervalle | Täglich und wöchentlich |
| Testfälle | 45 (Paar × Signal × Intervall) |
| Handelskosten | 0,10 % je Seite (Binance-Spot-Taker) |
| Ausführung | Signal auf Kerzenschluss, Umsetzung zur Eröffnung der Folgekerze |
Das Universum ist nicht im Rückblick zusammengestellt. Es ist dasselbe eingefrorene Feld, das wir für die Wyckoff-Spring-Untersuchung nach Handelsvolumen im Dezember 2019 bestimmt haben — also nach dem, was damals liquide war, nicht nach dem, was sich seither bewährt hat.
Das Ergebnis in einer Zeile
Der Median über alle belastbaren Testfälle liegt bei 0,86 Bitcoin. Aus einem Bitcoin wurden 0,86 — vierzehn Prozent weniger als bei vollständigem Nichtstun.
| Prüfkriterium | Ergebnis | |
|---|---|---|
| Schlägt schlichtes BTC-Halten (Multiplikator > 1,00) | 0,86 | nein |
| Schlägt das blanke Halten des Altcoins | 0,86 gegen 0,23 | ja |
| Schlägt das eigene Placebo (p < 0,05) | p = 0,12 | nein |
| Übersteht die Mehrfachtest-Korrektur | 0 von 45 | nein |
Eines der Kriterien besteht die Rotation, und zwar deutlich. Darauf kommen wir zurück, weil es der einzige Teil ist, der Bestand hat.
Das Placebo ist die eigentliche Geschichte
Neunzehn der 45 Testfälle enden über 1,00. Acht davon sehen zusätzlich statistisch sauber aus. Ein Blick auf die Bestenliste, und man hätte eine Produktseite.
Deshalb läuft gegen jeden Testfall ein Placebo — 200 Durchläufe pro Fall. Es hält exakt gleich oft den Altcoin, den Bitcoin und den Stablecoin wie die echte Strategie, wechselt exakt gleich oft den Zustand und zahlt damit exakt gleich viel Gebühren. Nur der Zeitpunkt der Wechsel ist zufällig verschoben. Er hat dieselbe Marktexposition, aber keine Regel.
Im Median erreichen 12 Prozent dieser Zufallsläufe das Ergebnis der echten Strategie oder übertreffen es. Das ist weit von einem belastbaren Befund entfernt. Der Ertrag entstand nicht dadurch, wann die Regel umschaltete, sondern schlicht dadurch, überhaupt in Altcoins gewesen zu sein.
Das ist der Unterschied zwischen einer Strategie und einem Umstand. Ohne Placebo-Arm hätten wir den Umstand als Strategie verkauft.
Was Gebühren mit einem hochfrequenten System machen
Die Spezifikation führte Handelskosten als Randnotiz: „rund 0,5 bis 1 Prozentpunkt jährlich". Diese Schätzung ist um Größenordnungen daneben, und zwar aus einem strukturellen Grund — der Automat schaltet ständig.
Der deutlichste Fall ist ETH/BTC mit dem RSI/SMA-Signal auf Tagesbasis:
| Wert | |
|---|---|
| Endstand vor Kosten | 2,159 BTC |
| Zustandswechsel | 731 |
| Handelsvorgänge (ein Wechsel Alt→Stable sind zwei) | 973 |
| Endstand nach Kosten | 0,816 BTC |
Aus einer Verdopplung wird ein Verlust von 18 Prozent. Nichts an der Strategie hat sich geändert — nur die Gebühren wurden mitgerechnet, mit dem regulären Binance-Satz, ohne Slippage.
Über alle Testfälle schlucken die Kosten im Median 10,7 Prozent des Endwerts, bei einem Median von 113 Handelsvorgängen. Drei Testfälle stehen vor Kosten über 1,00 und danach darunter. Wer solche Systeme brutto rechnet, rechnet an der Sache vorbei.
Der Robustheits-Test, der sich selbst widerlegt
Die Spezifikation sah ein Gütesiegel vor, das uns gut gefiel: Teile die Historie in drei gleich lange Perioden, prüfe in jeder einzeln, ob die Strategie gewonnen hat, und melde „3 von 3" oder „1 von 3". Ein Ergebnis, das in jeder Periode trägt, sollte robust sein.
Wir haben das Siegel selbst geprüft, indem wir die beiden Schnittgrenzen um 5 und 10 Prozent verschoben. Sonst nichts — gleiche Daten, gleiche Strategie, nur die Fenstergrenzen leicht anders.
In 34 von 45 Testfällen kippt der Wert. Im Median um einen ganzen Punkt von dreien. Aus „3 von 3, robust" wird „2 von 3, wahrscheinlich robust", weil man den Schnitt um ein paar Wochen verschoben hat.
Ein Maß, das auf eine willkürliche Fenstergrenze reagiert, misst das Fenster und nicht die Strategie. Drei Perioden sind drei Beobachtungen, und drei Beobachtungen tragen kein Gütesiegel. Wir haben es nicht gebaut.
Was bleibt
Ein Kriterium hält, und es ist nicht bedeutungslos: Die Rotation schlägt das blanke Halten des Altcoins deutlich — 0,86 gegen 0,23 im Median. Wer in diesem Feld einen Altcoin gekauft und liegen gelassen hat, besaß am Ende gut ein Fünftel seiner Bitcoin. Wer rotiert hat, gut vier Fünftel.
Das begrenzt den Schaden wirklich. Nur beantwortet es nicht die Frage, die das Produkt gestellt hätte. Die Rotation schützt vor dem Altcoin — schlechter, als ihn gar nicht erst zu kaufen.
Grenzen des Tests
- Nur native BTC-Paare. Die Spezifikation sah zusätzlich synthetische Paare vor (Altcoin/Dollar geteilt durch BTC/Dollar). Die sind hier ungetestet; sie bringen eigene Konstruktionsartefakte mit.
- Das Universum sind Majors von 2019, die gegen BTC überwiegend verloren haben. Genau deshalb steht der Placebo-Arm im Zentrum: Er vergleicht innerhalb derselben Paare mit derselben Exposition — das Urteil hängt nicht daran, dass die Altcoins schwach waren.
- Slippage über die Taker-Gebühr hinaus ist nicht modelliert. Auf dünnen BTC-Büchern macht das die Sache schlechter, nicht besser.
- Auslistungen sind unsichtbar. Ein Paar, das seit 2019 vom Markt genommen wurde, taucht nicht auf. Für Majors ist dieses Feld leer, der Rest ist dokumentiert.
- Multiplikatoren sind nicht annualisiert und decken je Paar unterschiedlich lange Zeiträume ab. Der Vergleichsmaßstab bleibt davon unberührt: BTC-Halten ergibt 1,00 über jeden Zeitraum.
Nüchternes Fazit
Die Idee ist nicht dumm. In Bitcoin-Einheiten zu denken, statt sich Dollar-Gewinne schönzurechnen, ist der richtige Instinkt — und der Grund, warum wir die Sache überhaupt spezifiziert hatten. Die Umsetzung als Drei-Zustands-Automat mit Trendsignalen liefert diesen Instinkt aber nicht ab. Sie kostet Gebühren, sie schlägt ihren eigenen Zufallszwilling nicht, und keiner der 45 Testfälle übersteht die Korrektur dafür, dass wir 45 Dinge ausprobiert haben.
Gemessen haben wir es an einem Tag. Gebaut hätten wir Wochen daran — samt Datenbankfeldern, Oberfläche, zwei Sprachen und einer Marketing-Seite für das Gütesiegel, das die Messung nebenbei zerlegt hat.
Was Backtesting Arena dazu beiträgt
Der Bitcoin-Maßstab ist auf der Plattform kein eigener Modus, sondern fällt einfach an: BTC-notierte Paare wie ETH/BTC sind im Backtester wählbar, und ein Test auf ETH/BTC misst automatisch in Bitcoin. Der Vergleichswert „Halten" ist dort per Konstruktion 1,00.
Für die beiden Fragen, an denen diese Idee gescheitert ist, gibt es feste Werkzeuge: Die Netto-Ansicht rechnet jedes Ergebnis mit Handelskosten nach — sichtbar an jedem Backtest, nicht als Fußnote. Und das Robustheitsfeld stellt ein Ergebnis neben seine Nachbarn und rechnet die Mehrfachtest-Korrektur mit einer gezählten Zahl von Versuchen, statt sie zu schätzen. Beides hätte gegen diese Idee gesprochen, bevor die Studie überhaupt lief.
Wir veröffentlichen Fehlschläge, weil sie denselben Wert haben wie Treffer: Sie sagen, was man nicht bauen muss.
Häufige Fragen
Heißt das, Altcoin-Rotation funktioniert grundsätzlich nicht? Es heißt: Diese Umsetzung, auf diesen neun Paaren, mit diesen drei Trendsignalen, in diesen zwei Intervallen, funktioniert nicht. Andere Signale oder andere Paare könnten anders ausfallen. Wer das behauptet, sollte es allerdings gegen einen Placebo messen — sonst misst er wieder nur Altcoin-Exposition.
Warum sind einzelne Ergebnisse so spektakulär? Ein Testfall endet bei 219 Bitcoin aus einem. Genau deshalb rechnen wir mit dem Median und mit der Mehrfachtest-Korrektur. Wer 45 Dinge probiert, findet Spektakuläres — das ist Arithmetik, kein Können. Der betreffende Fall besteht die Korrektur ebenfalls nicht.
Wäre das Ergebnis mit niedrigeren Gebühren anders? Bei völlig kostenfreiem Handel stünden 22 statt 19 Testfälle über 1,00. Das ändert das Urteil nicht, denn der Placebo-Test kennt keine Gebührenfrage: Der Zufallszwilling zahlt genau dieselben Kosten und kommt trotzdem auf dieselben Ergebnisse.
Was ist ein Placebo-Arm in diesem Zusammenhang? Ein Durchlauf mit identischer Marktexposition und identischer Handelsfrequenz, aber zufällig verschobenen Zeitpunkten. Er beantwortet die Frage: Hätte man mit derselben Anwesenheit im Markt, aber ohne die Regel, dasselbe erreicht? Hier lautet die Antwort meistens ja.
Warum nicht einfach mehr Perioden im Konsistenz-Test? Das wäre die richtige Reaktion — nur landet man dann bei überlappenden Fenstern und immer weniger unabhängigen Beobachtungen je Fenster. Das Problem ist nicht die Zahl drei, sondern die Vorstellung, aus einer kurzen Historie ließen sich viele unabhängige Urteile ziehen.
Sind die Zahlen nachrechenbar? Die Berechnungsvorschrift stand vor dem Lauf fest, inklusive der Beurteilungskriterien, und das Ergebnisprotokoll liegt als Datei im Projekt. Die Rechenkerne sind mit 70 Prüfungen abgesichert, darunter ein Test, der ausschließt, dass zukünftige Kerzen die Vergangenheit beeinflussen.