Der 200-Wochen-Durchschnitt (der gleitende Mittelwert der Schlusskurse über die letzten 200 Wochen, rund vier Jahre) ist einer der meistzitierten Langfrist-Filter im Krypto-Markt. Die Idee ist simpel: über dem Durchschnitt handeln, darunter aussteigen. In unseren Backtests hilft dieser Regime-Filter Trendstrategien fast durchweg — er hält sie in Bärenmärkten flach.
Aber er hat eine Eigenart, die auf den ersten Blick wie ein Fehler aussieht. Und genau die haben wir diese Woche unter die Lupe genommen — mit einem Ergebnis, das gegen die Intuition läuft.
Die vermeintliche Lücke
Ein 200-Wochen-Durchschnitt braucht 200 Wochen Historie. Die meisten Coins an einer Börse wie Binance haben die nicht — sie wurden erst 2021, 2022 oder später gelistet. Was passiert mit dem Filter, wenn es noch keine 200 Wochen gibt?
In unserer Haus-Strategie — einem kuratierten Trend-Ensemble, das hinter dem 200-Wochen-Filter sitzt — passiert der Filter dann automatisch. Kein Vergleichswert, kein Blocker: Der Coin darf handeln.
Das riecht nach einem Konstruktionsfehler. Junge Coins laufen ohne genau den Filter, auf dessen Evidenz die Strategie aufbaut. Und junge Coins sind statistisch die riskantesten — viele frische Alts bluten nach dem Listing aus. Die naheliegende Korrektur: Gib jungen Coins einen echten Filter, statt sie einfach durchzuwinken.
Erst messen, dann bauen
Bevor wir eine Strategie-Änderung ausliefern, testen wir sie. Nicht an einem Chart, den man sich passend aussucht, sondern über den Querschnitt. Konkret: 207 Coins, Tages-Kerzen, mit realistischen Handelskosten (0,20 % pro Rundtrip). Aufgeteilt in zwei Gruppen:
- 92 „reife" Coins mit mindestens 200 Wochen Historie
- 115 „junge" Coins mit weniger als 200 Wochen
Und wir haben nicht eine, sondern mehrere Korrekturen gegeneinander getestet:
- Hart blocken — kein Handel, bis 200 Wochen Historie da sind.
- Adaptiv — den längsten verfügbaren Wochen-Durchschnitt nutzen, ab Woche 52.
- Weich adaptiv — im ersten Jahr wie bisher durchwinken, ab Woche 52 einen echten Filter anlegen.
Jeweils gegen die Ist-Variante (Auto-Pass) als Referenz.
Das Ergebnis: der „Bug" ist ein Feature
Die harte Korrektur zerlegt die Strategie. Nicht nur bei jungen Coins — auch bei den reifen. Der Grund liegt auf der Hand, sobald man ihn sieht: Die frühe Phase jedes Coins — die ersten paar Jahre, bevor er 200 Wochen alt ist — enthält oft den stärksten Bullenmarkt seines Lebens. Bitcoin 2017, die Alt-Rallye 2020/21: Das alles passiert in einem Fenster, in dem der 200-Wochen-Durchschnitt noch gar nicht existiert. Der Auto-Pass ist das, was die Strategie diese Frühphase mitnehmen lässt. Blockt man sie, sitzt man den besten Teil aus.
Die weiche Korrektur ist ehrlicher gebaut und hilft jungen Coins tatsächlich — sie halbiert den Verlust. Aber „halbiert" heißt hier: von tiefrot zu weniger tiefrot.
| Gruppe | Variante | Netto-CAGR (Median) | Max. Drawdown | Trades (Median) |
|---|---|---|---|---|
| Reif (≥200 Wo.) | Ist (Auto-Pass) | +10,8 % | 75 % | 23 |
| Reif | Weiche Korrektur | +6,8 % | 70 % | 16 |
| Jung (<200 Wo.) | Ist (Auto-Pass) | −35,6 % | 69 % | 8 |
| Jung | Weiche Korrektur | −20,7 % | 57 % | 5 |
| Alle 207 | Ist (Auto-Pass) | −13,1 % | 73 % | 15 |
| Alle 207 | Weiche Korrektur | −11,9 % | 61 % | 7 |
Zwei Dinge stehen da:
Erstens: Junge Coins verlieren mit dieser Trendstrategie — mit oder ohne Filter-Korrektur. Die weiche Variante drückt den Median-Verlust von −35,6 % auf −20,7 % und senkt den Drawdown deutlich, aber sie macht aus einem Verlustgeschäft kein Gewinngeschäft. Trendfolge auf frischen Alts ist strukturell schwierig; kein Filter dreht das um.
Zweitens: Die Korrektur kostet bei den reifen Coins rund vier Prozentpunkte Rendite pro Jahr (+10,8 % → +6,8 %). Genau dort, wo die Strategie ihr Geld verdient und wo die meisten Nutzer tatsächlich handeln — Bitcoin, Ethereum, die großen Namen.
Man kann die weiche Korrektur nicht als „besser" verkaufen. Sie ist ein Tausch: weniger Drawdown und weniger Handelskosten gegen weniger Rendite im Kern. Ein Risiko-Tausch, kein Rendite-Gewinn.
Der Haken an den reifen Zahlen
Es gibt einen Vorbehalt, den man aussprechen muss: Die 92 reifen Coins sind genau die, die überlebt haben. Ein Coin hat nur dann 200 Wochen Historie, wenn er vier Jahre lang nicht ausgelistet wurde und relevant blieb. Ihr starker Frühbullenmarkt, den der Auto-Pass mitnimmt, ist zu einem Teil ein Überlebenden-Effekt (Survivorship-Bias). Die jungen Coins — die neuen Listings — sind der ehrlichere Blick darauf, wie die Strategie mit dem umgeht, was gerade neu auf den Markt kommt.
Deshalb war die Entscheidung keine reine Backtest-Arithmetik. Aber selbst mit diesem Vorbehalt gilt: Die Korrektur macht die junge Gruppe nicht profitabel, und sie schwächt die Gruppe, auf der der belegte Vorteil ruht. Das reicht nicht für eine neue Strategie-Version.
Was wir daraus gemacht haben
Nichts. Die Strategie bleibt unverändert eingefroren.
Das ist der Punkt. Eine Änderung, die nach einer offensichtlichen Fehlerkorrektur klang — „junge Coins umgehen den Filter, das muss man doch reparieren" —, hielt der Prüfung nicht stand. Der vermeintliche Bug war das Vehikel für die frühe Bullenmarkt-Teilnahme. Hätten wir die Intuition ungeprüft ausgeliefert, hätten wir Rendite gegen ein Gefühl von Sauberkeit getauscht.
Backtests sind keine Vorhersage, und diese Zahlen sind Mediane über Marktphasen mit den genannten Grenzen. Kein Handelssignal. Aber die Lektion ist übertragbar: Eine Idee, die sich wie ein Bugfix anfühlt, muss den Kontakt mit den Daten überleben. Unsere tat es nicht — und das rechtzeitig zu wissen, ist billiger als es später im Live-Betrieb zu lernen.
Was Backtesting Arena hier beiträgt
Wir behandeln Strategie-Änderungen wie Experimente: erst eine Hypothese, dann ein Test über den Querschnitt, dann eine Entscheidung mit sichtbaren Zahlen — auch wenn die Entscheidung „nichts ändern" lautet. Der 200-Wochen-Filter, die Kohorten-Trennung reif/jung, die realistischen Kosten und die Survivorship-Warnung sind kein Beiwerk, sondern der Kern der Methode. Wer selbst backtestet, kann dieselbe Disziplin anlegen: eine Änderung nie an einem hübschen Chart festmachen, sondern am Querschnitt — und die Fälle mitzeigen, in denen die Idee scheitert.
FAQ
Was ist der 200-Wochen-Durchschnitt? Der gleitende Mittelwert der wöchentlichen Schlusskurse über die letzten 200 Wochen (etwa vier Jahre). Als Regime-Filter genutzt: über dem Durchschnitt gilt als konstruktiv, darunter als defensiv.
Warum umgehen junge Coins den Filter? Weil es noch keine 200 Wochen Historie gibt, mit denen sich ein Durchschnitt bilden ließe. In unserer Strategie passiert der Filter dann automatisch, statt zu blocken.
Ist das nicht ein Fehler? So sah es aus. Der Test zeigt aber, dass dieser Auto-Pass die frühe — und oft renditestärkste — Phase eines Coins mitnimmt. Ihn zu „reparieren" senkte die Rendite, statt sie zu verbessern.
Hilft eine Filter-Korrektur bei jungen Coins gar nicht? Doch, aber begrenzt. Die weiche Variante halbierte den Median-Verlust (−35,6 % → −20,7 %) und senkte den Drawdown. Junge Coins blieben mit dieser Trendstrategie trotzdem im Minus.
Warum ändert ihr die Strategie dann nicht wenigstens für junge Coins? Weil derselbe Mechanismus, der jungen Coins hilft, die reifen Coins schwächt — genau die, auf denen der belegte Vorteil und die meisten realen Trades liegen. Der Tausch lohnt sich nicht.
Sind das verlässliche Zahlen? Es sind Mediane über 207 Coins mit realistischen Kosten, keine Vorhersage. Die reife Gruppe ist zudem survivorship-verzerrt (nur überlebende Coins haben 200 Wochen Historie). Als Entscheidungsgrundlage ausreichend, als Garantie nicht.