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Die 200-Tage-Linie: schlägt Buy & Hold bei Crypto, beruhigt den Schlaf bei Index-ETFs

Die 200-Tage-Linie ist der meistgenannte Trendfilter überhaupt: über der Linie investiert, darunter raus. Wir haben sie als eigenständige Strategie auf 110 Assets getestet. Das Ergebnis ist kein Einheitsbrei — bei Crypto schlägt sie Buy & Hold auf Rendite UND Drawdown UND Sharpe, bei Index-ETFs gibt sie kaum Rendite ab und halbiert fast den Drawdown, bei Einzelaktien funktioniert sie schlecht. Eine ehrliche Landkarte, wo Regime-Timing zahlt und wo nicht.

Backtesting Arena·16. Juni 2026·5 Min. Lesezeit·0 Aufrufe
Die 200-Tage-Linie: schlägt Buy & Hold bei Crypto, beruhigt den Schlaf bei Index-ETFs

„Über der 200-Tage-Linie ist man investiert, darunter geht man raus." Es gibt kaum eine Regel, die häufiger zitiert wird. Meb Faber hat sie mit A Quantitative Approach to Tactical Asset Allocation (2007) zur wohl bekanntesten taktischen Strategie gemacht. Sie steht in jedem Chart-Tool, jeder Trading-Gruppe, jedem zweiten YouTube-Video.

Nur: Die meisten Erklärungen verwechseln zwei völlig verschiedene Dinge. Die 200-Wochen-Linie (ein Crypto-Boden-Indikator) und die 200-Tage-Linie (ein Trendfilter). Hier geht es um die 200-Tage-Variante — und wir haben sie nicht als Marketing-Versprechen, sondern als eigenständige, voll verdrahtete Strategie auf unserer Engine getestet.

Der Aufbau

Die Regel ist bewusst minimal — ein Parameter, keine versteckten Stellschrauben:

  1. Schlusskurs über dem 200-Tage-SMA? → voll investiert.
  2. Schlusskurs unter dem 200-Tage-SMA? → komplett in Cash.

Mehr nicht. Kein Hebel, kein Short, keine zweite Bedingung. Long oder Cash. Das ist der ehrlichste Weg, eine einzige Frage zu testen: Bringt es etwas, in einem fallenden Markt einfach nicht dabei zu sein?

Look-ahead-frei: Das Signal entsteht auf dem abgeschlossenen Tagesbar, der Wechsel wird am Folgetag vereinnahmt. Getestet auf Tages-Bars über drei Universen:

UniversumAssetsZeitraum
Crypto-Top-50bis 50ab 2018
Aktien-Top-50bis 50ab 2007
ETFsbreitab 2007

Zusammen 110 Assets mit auswertbarer Historie. Jedes Asset produziert über die Jahre Dutzende Regime-Wechsel — wir sind weit jenseits der „unter 30 Trades = Anekdote"-Grenze.

Das Ergebnis: drei Welten

Das Spannende ist, dass die gleiche Regel auf drei Anlageklassen drei verschiedene Geschichten erzählt. Gemessen wird jeweils gegen Buy & Hold desselben Assets über denselben Zeitraum.

SegmentØ ΔCAGR vs B&HDrawdownSharpeschlägt B&H (Rendite)
Crypto-Top-50+8,2 ppflacherhöher58 % der Assets
Index-ETFs≈ flach (gibt kaum ab)−28,6 pp Max-DDneutralMinderheit
EinzelaktiennegativuneinheitlichschwächerMinderheit

Lesen wir das Segment für Segment.

Crypto: hier schlägt sie wirklich

Bei Krypto ist die 200-Tage-Linie kein Kompromiss, sondern ein echter Vorteil. Im Schnitt liegt die Strategie 8,2 Prozentpunkte CAGR über Buy & Hold — und das nicht erkauft mit mehr Risiko, sondern bei gleichzeitig flacherem Drawdown und höherem Sharpe. In 58 % der getesteten Coins schlägt sie B&H auch auf der reinen Rendite.

Der Grund ist die Natur des Assets: Krypto-Bärenmärkte sind brutal und langgezogen (−70 % bis −90 % sind normal). Wer in diesen Phasen schlicht in Cash steht, vermeidet den Großteil des Schadens und steigt nach dem Re-Cross wieder ein, bevor der nächste Zyklus läuft. Die Linie schneidet bei Krypto genau dort, wo die mehrjährigen Trends sind.

Index-ETFs: das Lehrbuch-Ergebnis

Bei breiten Index-ETFs sieht man, wofür Faber die Strategie eigentlich entworfen hat. Auf der Rendite gibt sie kaum etwas ab — Aktienindizes steigen langfristig, und wer durch die 200-Tage-Linie ein paar Mal zu spät wieder einsteigt, zahlt einen kleinen Preis. Dieser Preis ist gering.

Wofür man ihn zahlt: −28,6 Prozentpunkte durchschnittliche Max-Drawdown-Reduktion. Aus einem −50 %-Indexcrash wird ein deutlich flacherer Verlauf, weil die Strategie vor dem tiefen Teil des Bärenmarkts in Cash geht. Der Sharpe bleibt dabei neutral — das ist erwartbar: Man tauscht nicht Rendite gegen Risiko, man glättet die Reise bei fast gleicher Rendite. Das ist „ruhiger schlafen" in Zahlen.

Einzelaktien: hier nicht

Bei einzelnen Aktien funktioniert die Regel schlecht. Einzeltitel haben mehr idiosynkratisches Rauschen als ein Index — die 200-Tage-Linie produziert mehr Fehlsignale (rein, raus, rein), die Trends sind weniger sauber, und die Whipsaw-Kosten fressen den Drawdown-Vorteil auf. Im Schnitt liegt die Strategie hier unter Buy & Hold. Wer die 200-Tage-Linie auf ein einzelnes Lieblingspapier anwendet, sollte das wissen.

Was das bedeutet

Die ehrliche Zusammenfassung: Die 200-Tage-Linie ist kein Renditebeschleuniger, sondern ein Drawdown-Werkzeug. Ob sich das lohnt, hängt vollständig vom Asset ab:

  • Bei Krypto ist der Bärenmarkt so tief, dass das Cash-Stehen sogar die Rendite verbessert — der seltene Fall, in dem Drawdown-Schutz und Mehrrendite zusammenfallen.
  • Bei Index-ETFs kauft man Ruhe fast zum Nulltarif — wenig Rendite ab, viel Drawdown weg.
  • Bei Einzelaktien kauft man Whipsaw und zahlt dafür.

Das ist keine Strategie, die man „immer einschaltet". Es ist ein Regime-Filter, dessen Wert man pro Anlageklasse kennen muss.

FAQ

Ist das die 200-Wochen-Linie, über die alle bei Bitcoin reden? Nein. Das ist ein häufiger Mix-up. Die 200-Wochen-Linie ist ein langfristiger Boden-Indikator (Bitcoin hat sie historisch selten unterschritten). Die 200-Tage-Linie hier ist ein deutlich schnellerer Trendfilter, der mehrmals pro Jahr wechseln kann.

Schlägt sie Buy & Hold? Bei Crypto im Schnitt ja, auf Rendite und Drawdown. Bei Index-ETFs auf der Rendite meistens nicht, dafür stark auf dem Drawdown. Bei Einzelaktien meistens nicht. Eine pauschale Antwort wäre unehrlich.

Warum 200 und nicht 150 oder 250? 200 ist die Konvention, die Faber populär gemacht hat und die am meisten beobachtet wird. In unserer Engine ist die Periode ein einstellbarer Parameter (20–400) — wer testen will, ob 150 oder 250 für ein bestimmtes Asset besser läuft, kann das tun. Aber Vorsicht: Wer die Periode so lange dreht, bis das Ergebnis schön ist, betreibt Overfitting, nicht Forschung.

Warum hilft Cash-Stehen, wenn der Markt langfristig steigt? Tut es bei steigenden Märkten kaum — deshalb gibt die Strategie bei ETFs Rendite ab. Der Wert entsteht ausschließlich in tiefen, langen Bärenmärkten. Je brutaler der Drawdown des Assets, desto mehr lohnt das Aussteigen. Deshalb ist Crypto der Sweet Spot und ein ruhiger Aktienindex der „Versicherungs"-Fall.

Verzinst die Strategie das Cash? In dieser Auswertung nicht — Cash liegt zu 0 %. In der Realität würde Geldmarkt-Verzinsung die Renditelücke bei ETFs und Aktien teilweise schließen. Das ist eine bewusst konservative Annahme: Die Strategie sieht eher schlechter aus, als sie mit verzinstem Cash wäre.

Ist das ein Live-Signal, das ich abonnieren kann? Aktuell ist regime_200d ein Backtest-Werkzeug, kein Live-Alert. Ein Regime-Flip ist ein sehr guter Alert-Kandidat, aber das ist eine spätere Ausbaustufe.

Was Backtesting Arena dazu beiträgt

Wir haben die 200-Tage-Linie als regime_200d zu einer eigenständigen Strategie gemacht — auf allen Anlageklassen, inklusive Forex, mit nur einem Parameter. Du kannst sie selbst gegen Buy & Hold auf dem Asset deiner Wahl laufen lassen und die Drawdown-Reduktion in der Risk-Adjusted-Scorecard direkt ablesen.

Der Punkt unserer Arbeit ist nicht, dir zu sagen „kauf das" — sondern dir die Verteilung zu zeigen: Auf welchen Assets schlägt diese berühmte Regel Buy & Hold, auf welchen kostet sie? Das ist eine Frage, die man messen kann, statt sie zu glauben. Genau das tun wir.

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