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Wenn Gebühren eine Strategie auffressen: Warum wir unsere zweitbeliebteste Strategie abgeschaltet haben

Unser Backtest-System rechnete bislang vor Kosten. Wir haben eine Nach-Kosten-Schicht gebaut, die jede Ausführung mit realistischer Gebühr neu bepreist — und damit unsere zweitbeliebteste Strategie nach Gebühren ins Minus gedreht. Hier die Rechnung, die Zahlen und der Grund, warum „schlägt das Halten" ohne Gebühren nur eine halbe Wahrheit ist.

Backtesting Arena·1. Juli 2026·6 Min. Lesezeit·25 Aufrufe
Wenn Gebühren eine Strategie auffressen: Warum wir unsere zweitbeliebteste Strategie abgeschaltet haben

Eine Strategie kann auf dem Papier Geld verdienen und in der Realität trotzdem Geld verbrennen. Der Unterschied heißt Gebühren — und genau hier hat eine unserer beliebtesten Strategien eine unbequeme Wahrheit offengelegt.

Wir haben stoch_rsi_sma abgeschaltet. Nach Zahl der Läufe ist das die zweitmeistgenutzte Strategie der ganzen Plattform (rund 4.125 Backtests). Sie verliert gegen das Halten nicht, weil ihr Signal schlecht wäre. Sie verliert, weil sie zu oft handelt — und jeder Handel kostet.

Das Problem: Backtests rechnen vor Kosten

Die meisten Backtest-Systeme — unseres bis vor Kurzem eingeschlossen — berechnen die Rendite vor Gebühren. Jeder Kauf und jeder Verkauf wird zum reinen Marktpreis ausgeführt, ohne Spread, ohne Maker-/Taker-Gebühr, ohne Slippage.

Bei Kaufen-und-Halten ist das egal: einmal kaufen, halten, fertig. Eine einzige Gebühr über Jahre — vernachlässigbar.

Bei einer Strategie mit hoher Handelsfrequenz ist es nicht egal. Jeder Ein- und Ausstieg zahlt. Bei hunderten Hin- und Rückgeschäften summiert sich das zu einer versteckten Steuer, die der Backtest vor Kosten vollständig ausblendet.

Die Nach-Kosten-Schicht

Wir haben eine neue Rechenschicht gebaut, die jede Ausführung mit einer realistischen Gebühr je Handelsseite neu bepreist:

  • Krypto: 0,10 % je Seite (Spot-Taker bei Binance)
  • Aktien & ETF: 0,05 % je Seite

Die Mechanik ist einfach und exakt. Für ein Hin- und Rückgeschäft (Kauf → Verkauf) mit Kosten c je Seite gilt:

Netto-Faktor = (1 − c)² × (Verkaufspreis / Kaufpreis)

Du zahlst beim Kauf und beim Verkauf — daher (1 − c)². Bei c = 0 ist die Netto-Rendite exakt gleich der Brutto-Rendite. Das ist der Pflicht-Plausibilitätstest: ohne Gebühr darf sich nichts ändern.

Wichtig: Diese Schicht ändert kein einziges Signal. Sie rechnet ausschließlich auf den bereits vorhandenen Trades und kürzt nur die Erlöse um die Kosten. Kein neuer Blick in die Zukunft, keine neue Datenquelle.

Was die Zahlen zeigen

Wir haben acht Strategien über 28 Anlage-Zellen laufen lassen (8 Krypto, 10 Aktien, 10 ETFs), Tagesdaten, Standard-Parameter. Die Kostenbremse skaliert exakt mit der Handelsfrequenz — genau wie erwartet:

StrategieØ Hin- und RückgeschäfteBrutto-CAGRNetto-CAGRKostenbremse
Kaufen-und-Halten1+15 bis +23 %~unverändert~0
Golden Cross7–9+8 bis +18 %~unverändert−0,1 bis −0,3 pp
RSI/SMA~245mittelpositiv−2,3 pp
MACD Cross~115mittelpositiv−1,1 pp
stoch_rsi_sma558+9,2 %+1,1 %bis −14 pp

Kaufen-und-Halten ist praktisch gebührenimmun. Golden Cross mit sieben Trades über Jahre ebenso. Und dann ist da stoch_rsi_sma mit im Schnitt 558 Hin- und Rückgeschäften.

stoch_rsi_sma im Detail

Vor Kosten sieht die Strategie tragfähig aus: im Schnitt +9,2 % Jahresrendite (CAGR). Das ist der Grund für ihre Beliebtheit — der Backtest vor Kosten belohnt sie.

Nach Kosten bricht sie zusammen:

  • Durchschnittliche Netto-Jahresrendite: +1,1 % (Median sogar −2,1 %)
  • 16 von 28 getesteten Zellen rutschen netto ins Minus
  • In 0 von 28 Zellen schlägt sie nach Kosten die durchschnittliche Rendite des Haltens — im Schnitt liegt sie 19,9 Prozentpunkte darunter

Die Umsetzung selbst ist korrekt: saubere StochRSI-über-SMA-Logik, kein Blick in die Zukunft, kein Rechenfehler. Das ist kein Programmfehler. Es ist reine Erosion durch Handelsumschlag. Die Strategie erzeugt ein dünnes Signal und handelt es zu Tode.

Die allgemeine Lehre: Handelsumschlag ist eine Steuer

Der eigentliche Erkenntnisgewinn ist größer als eine einzelne Strategie:

Handelsfrequenz × dünner Vorteil = nach Kosten Ballast.

Eine Strategie, die viel handelt, braucht je Trade einen deutlich größeren Vorteil, nur um die Gebühren auszugleichen. Ein kleiner, aber echter Vorteil je Signal kann brutto positiv aussehen und netto trotzdem verbrennen.

Und es macht eine zweite Sache klar: Wenn jemand behauptet, eine aktive Strategie „schlägt das Halten", muss man fragen — vor oder nach Gebühren? Das Halten zahlt einmal ein. Jede aktive Strategie zahlt bei jedem Wechsel. Der faire Vergleich ist der Vergleich nach Kosten, und der ist oft ernüchternd.

Was Abschalten hier bedeutet

stoch_rsi_sma verschwindet aus dem Backtester und aus der Standard-Auswahl. Aber:

  • Die Daten bleiben. Kein einziger gültiger Backtest-Lauf wird gelöscht.
  • Das Urteil bleibt sichtbar. In der Strategie-Bibliothek und in den Auswertungen bleibt der Eintrag samt der Netto-Zahlen, die zur Abschaltung geführt haben.

Wir arbeiten die belastbaren Strategien heraus, statt jede mitzuschleppen. Eine Strategie, die nach Kosten Ballast ist, gehört nicht in die aktive Auswahl — auch wenn sie beliebt war.

Grenzen des Tests

Damit die Zahlen nicht stärker klingen, als sie sind:

  • Die Prüfung lief mit Standard-Parametern, voller Historie, ohne Filter — das ist der ungünstigste Fall für den Handelsumschlag. Mit Profit-Guard, WMA-Filter oder kürzeren Zeiträumen handelt die Strategie weniger und die Bremse fällt kleiner aus.
  • Die Slippage ist in dieser Version auf 0 gesetzt — wir messen nur die reine Gebühr, isoliert. Reale Slippage würde die Bremse noch vergrößern, nicht verkleinern.

Die Richtung ist robust: stoch_rsi_sma ist der klare Ausreißer beim Handelsumschlag und kippt nach Gebühren ins Minus. Die genaue Höhe hängt von Parametern und Filtern ab.

Was Backtesting Arena hier beiträgt

Die Nach-Kosten-Rechnung ist jetzt eine eigene Prüfschicht neben unseren anderen — der Monte-Carlo-Robustheit (Wie fragil ist das Ergebnis bei anderer Reihenfolge der Trades?) und dem Ausführungs-Realismus (Was kostet die Lücke zwischen Signal-Schluss und handelbarer Eröffnung?). Alle drei haben dasselbe Ziel: die ausgewiesene Zahl näher an die Realität bringen, nicht hübscher.

Die Erkenntnis selbst ist Teil des Produkts. Wir zeigen, welche Strategien wir abgeschaltet haben und warum — mit den Zahlen, die dahinterstehen. Offen zu zeigen, was nicht funktioniert, ist mehr wert als noch eine Strategie, die brutto gut aussieht.

FAQ

Warum schaltet ihr eine so beliebte Strategie ab — verärgert das nicht Nutzer? Möglich. Aber Beliebtheit ist kein Leistungsargument. stoch_rsi_sma war beliebt, weil der Backtest vor Kosten sie belohnte. Genau diese Illusion korrigieren wir. Wir würden uns selbst widersprechen, ließen wir wissentlich eine nach Kosten verlustreiche Strategie in der aktiven Auswahl.

Sind 0,10 % / 0,05 % je Seite realistisch? Ja, eher konservativ. 0,10 % entspricht der Spot-Taker-Gebühr von Binance; viele Nutzer zahlen mit Maker-Rabatten oder über BNB weniger, andere bei kleinen Beträgen über den Spread effektiv mehr. Für Aktien/ETF sind 0,05 % eine realistische Spread-Näherung. Es ist eine Annahme, keine Naturkonstante — aber eine, die die Größenordnung richtig trifft.

Könnte man stoch_rsi_sma nicht einfach mit weniger Trades retten? Vielleicht — mit aggressiveren Schwellen oder einem Trendfilter, der die meisten Fehlsignale (Whipsaws) kappt. Aber das wäre eine andere Strategie. Solange niemand eine reparierte, geprüfte Version vorlegt, die nach Kosten über dem Halten liegt, bleibt die aktuelle abgeschaltet. Erst die Daten, dann die Umsetzung.

Heißt das, jede aktive Strategie ist nach Kosten schlechter als das Halten? Nein. Golden Cross, RSI/SMA, MACD Cross und andere bleiben auch netto positiv — sie handeln selten genug, dass die Gebühr ihren Vorteil nicht auffrisst. Der Punkt ist nicht „aktiv schlecht, passiv gut", sondern: Handelsfrequenz hat einen Preis, und dieser Preis muss im Vergleich auftauchen.

Ändert die Nach-Kosten-Schicht meine alten Backtest-Ergebnisse? Nein. Die Standard-Berechnung bleibt vorerst vor Kosten — die Nach-Kosten-Rechnung läuft als zusätzliche Ansicht, nicht als stiller Umschalter. Wir ändern ausgewiesene Zahlen nicht rückwirkend ohne klare Kommunikation. Eine Gebühr verändert jeden Wert; so etwas wird angekündigt, nicht untergeschoben.

Warum war die Slippage nicht im Test? Bewusst. Wir wollten den reinen Gebühren-Effekt isoliert zeigen, ohne ihn mit einer geschätzten Slippage-Annahme zu vermischen. Slippage kommt als eigener, belegter Regler in einer späteren Version — sie würde die Bremse vergrößern, stärkt die Schlussfolgerung also nur.

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