Die meisten Handelsplattformen zeigen dir, welche Strategien funktionieren. Wir zeigen dir auch, welche unserer eigenen nicht funktionieren — und schalten sie ab. Nach rund 40.000 Backtests auf der Plattform haben wir genau das getan.
Das hier ist kein Werbebeitrag. Es ist ein Obduktionsbericht über unser eigenes Strategie-Angebot.
Die Datengrundlage
Wir haben rund 26.000 vergleichbare Backtest-Läufe ausgewertet (mindestens 5 Trades, damit es Evidenz ist und nicht Anekdote), über alle Anlageklassen hinweg, gemessen gegen Kaufen-und-Halten (Buy-and-Hold). Jede Aussage unten stammt aus diesen Läufen, nicht aus dem Bauchgefühl.
Und die erste Erkenntnis war die unbequemste.
Die Haupterkenntnis: Güte hängt an der Anlageklasse, nicht an der Strategie
Schlüsselt man unsere Strategien nach Anlageklasse auf, zerfällt das Bild sauber in zwei Welten:
| Anlageklasse | Schlägt B&H (Anteil der Läufe) | Deutung |
|---|---|---|
| Krypto | ~65 % schlagen einfaches Halten | Fast alles schlägt das Halten |
| Aktien / ETF / Devisen / Rohstoffe | ~16 % schlagen einfaches Halten | Fast nichts schlägt das Halten |
Das liegt nicht an den Strategien, sondern am Zeitraum: 2015 bis 2026 war für Aktien und ETFs ein fast ununterbrochener Bullenmarkt. Gegen einen solchen Markt verliert jede Strategie, die zwischendurch an der Seitenlinie steht — so klug ihr Signal auch sein mag. In Krypto mit seinen brutalen Zyklen zahlt sich das Aussteigen dagegen aus.
Das hat eine unmittelbare Folge für die Auswahl: Wir können eine Strategie nicht pauschal „schlecht" nennen, nur weil sie auf Aktien das Halten nicht schlägt. Wir müssen genauer hinsehen.
Was wir abgeschaltet haben
Abschalten heißt bei uns: raus aus dem Backtester und der Standard-Auswahl, aber die Daten bleiben — der Eintrag bleibt in der Strategie-Bibliothek sichtbar, samt Urteil und den Zahlen, die zur Abschaltung geführt haben.
bb_squeeze — vollständig abgeschaltet. Die schwächste Strategie der Plattform. Sie schlägt das Halten nur auf 11 von 32 Paaren, selbst auf Krypto (dem Heimvorteil) nur auf 11 von 28. Wir haben sie nicht einfach verurteilt — wir haben einen modernen TTM-Squeeze-Nachbau als Prototyp gebaut. Der erreichte +8,6 % gegenüber B&H, das Konzept trägt also. Aber er blieb klar unter unseren bestehenden Trendstrategien (ema_cross +24 %, supertrend +23 %, beide mit weniger Trades). Ein Nachbau wäre eine Dublette im Mittelfeld geworden — deshalb bewusst keine Version 2.
fibonacci — zur Bereinigung abgeschaltet. Ein kniffliger Fall: Je Paar schlägt sie das Halten nominell knapp (+1,9 Prozentpunkte). Doch dieser Vorsprung ist von toten Alt-Coins geschönt — dort liegt das Halten im Schnitt bei −9,7 %, und die Strategie „gewinnt" nur, weil sie an der Seitenlinie steht, nicht durch echten Vorteil. Auf liquiden Majors verliert sie. Auch hier haben wir es mit einer Reparatur versucht: Das feste Gewinnmitnahme-Ziel bei 1,272 war ein Flaschenhals; ein nachgezogener Ausstieg hob das Ergebnis um rund 20 Prozentpunkte (von −29,5 auf −9,6). Aber selbst repariert schlägt sie das Halten auf Majors nicht. Vor Kosten gerade kostendeckend heißt nach Kosten Verlust. Ballast.
obv_macd (v1) — abgeschaltet, ersetzt durch v2. Kein Leistungsurteil, sondern eine Versionsfrage. v2 korrigiert das Timing des Signalwechsels (Ausführung am Schluss der Wechsel-Kerze statt eine Kerze später, deckungsgleich mit Live-Signal und Ampel). Wer OBV-MACD will, nimmt v2.
stoch_rsi_sma — nach Kosten abgeschaltet. Das war die unbequemste Abschaltung, denn nach Nutzung ist sie unsere zweitbeliebteste Strategie. Vor Gebühren sieht sie tragfähig aus: im Schnitt +9,2 % Jahresrendite (CAGR). Aber sie handelt im Schnitt 558-mal pro Lauf — und jeder Handel kostet. Mit realistischer Gebühr je Handelsseite (0,10 % Krypto / 0,05 % Aktien) bricht sie auf durchschnittlich +1,1 % ein (Median −2,1 %), 16 von 28 getesteten Zellen rutschen netto ins Minus, und in 0 von 28 schlägt sie das Halten nach Kosten. Der Code ist korrekt — es ist reine Erosion durch Handelsumschlag. Eigens dafür haben wir eine Nach-Kosten-Rechenschicht gebaut, die jede Ausführung mit Gebühr neu bepreist.
Was wir NICHT abgeschaltet haben — und warum das genauso wichtig ist
Der naheliegende Schluss aus „Nicht-Krypto schlägt das Halten fast nie" wäre: das halbe Nicht-Krypto-Angebot streichen. Wir haben es geprüft — und uns dagegen entschieden. Das ist die zweite Hälfte der Ehrlichkeit.
Als wir den Drawdown (den maximalen Rückgang vom Hoch) mit auswerteten, drehte sich das Bild: Fast alle Nicht-Krypto-Strategien sind Risikodämpfer. Sie liefern einen 15 bis 45 Prozentpunkte flacheren Drawdown als das Halten — trotz niedrigerer Rendite. Sie sind keine Renditemaschinen, sondern Risikominderer. Eine pauschale Massen-Abschaltung wäre ein Fehler gewesen.
Dieselbe Logik rettete eine wiederbelebte Strategie und einen Filter:
- capitulation_v1 auf Krypto wiederbelebt. Wir hatten sie zuvor zu hart bewertet (auf Durchschnitts- statt auf Median-Basis). Die 40k-Daten zeigen auf Krypto: 60 % der Paare schlagen das Halten, +8,7 % Median-Vorsprung und rund 40 Prozentpunkte flacherer Drawdown. Nur auf Nicht-Krypto bleibt sie abgeschaltet.
- Der ATR-Volatilitätsfilter bleibt. Über alles gerechnet schlägt er das Halten nur in 42 % der Fälle — das sah nach Abschalt-Kandidat aus. Aber er ist kein Rendite-Verstärker, sondern ein Werkzeug zur Drawdown-Dämpfung: Er hebt den Drawdown-Schutz auf Krypto von +34 auf +52 Prozentpunkte. Wer ihn allein an der Trefferquote misst, misst das Falsche.
Die Werkzeuge, die dabei entstanden
Eine Auswahl ist nur so ehrlich wie ihr Maßstab. Zwei Dinge haben wir dafür gebaut:
- Eine Nach-Kosten-Schicht, die jede Strategie nach realistischen Handelsgebühren bewertet. Sie war es, die stoch_rsi_sma kippte — und sie macht generell sichtbar, dass „schlägt das Halten" ohne Gebühren nur eine halbe Wahrheit ist (das Halten zahlt nur einmal ein).
- Ein risikoadjustiertes Bewertungsraster, das für Nicht-Krypto-Anlagen jetzt der Standard-Blickwinkel ist: Statt nur Rendite gegen das Halten zeigt es, wie viel der Aufwärtsbewegung des Haltens eine Strategie einfängt und wie viel Drawdown sie spart. Auf einem Bullenmarkt-Wert ist das die ehrlichere Frage.
Was das für dich heißt
Drei praktische Lehren:
- Frag immer nach der Anlageklasse. Eine Strategie, die auf Krypto glänzt, kann auf Aktien strukturell verlieren — nicht weil sie schlecht ist, sondern weil der Markt anders atmet.
- Frag immer nach den Gebühren. Eine hohe Trefferquote bei hoher Handelsfrequenz kann nach Kosten ein Verlustgeschäft sein.
- Rendite ist nicht die einzige Achse. In trendstarken Märkten ist die Drawdown-Dämpfung oft der eigentliche Wert einer aktiven Strategie — nicht die Mehrrendite.
Was Backtesting Arena hier beiträgt
Wir verstehen das Abschalten eigener Strategien als Teil des Produkts, nicht als peinliches Versehen. Jede abgeschaltete Strategie bleibt mit ihrem Urteil und ihren Zahlen einsehbar. Die Lehre, warum etwas nicht funktioniert, ist für den Nutzer oft mehr wert als noch eine Strategie, die brutto gut aussieht.
Das ist keine Behauptung, die „einzige ehrliche Plattform" zu sein. Es ist nur die Arbeitsweise, die wir für richtig halten: messen, ehrlich einordnen und das Ergebnis zeigen — auch wenn es das eigene Angebot kleiner macht.
FAQ
Macht ihr euer eigenes Produkt damit nicht kaputt? Im Gegenteil. Ein Angebot aus 24 Strategien, von denen mehrere nach Kosten Ballast sind, ist schwächer als ein kuratierter Satz, dem man trauen kann. Wir arbeiten die belastbaren heraus. Die Daten der abgeschalteten bleiben einsehbar.
Heißt „Nicht-Krypto schlägt das Halten fast nie", dass aktives Handeln auf Aktien sinnlos ist? Nein. Es heißt, dass der Maßstab „schlägt es die Rendite des Haltens" auf einem Dauer-Bullenmarkt unfair ist. Der richtige Maßstab ist risikoadjustiert: Wie viel Aufwärtsbewegung fängst du ein, und wie viel Drawdown sparst du? Genau dafür ist unser Bewertungsraster auf Nicht-Krypto jetzt die Standard-Ansicht.
Warum war stoch_rsi_sma überhaupt so beliebt, wenn sie nach Kosten verliert? Weil der Backtest vor Kosten sie belohnt hat — wie die meisten Backtest-Systeme rechnete auch unseres lange ohne Gebühren. Genau diese Lücke schließt die Nach-Kosten-Schicht. Die Beliebtheit war hier ein Messartefakt, kein Leistungsbeleg.
Kommen abgeschaltete Strategien je zurück? Wenn jemand eine reparierte, geprüfte Version vorlegt, die nach Kosten über dem Halten liegt — ja. capitulation_v1 ist der Beweis, dass wir auch in die andere Richtung korrigieren: Sie wurde wiederbelebt, als bessere Daten zeigten, dass das erste Urteil zu hart war. Erst die Daten, dann die Entscheidung.
Sind eure Gebühren-Annahmen nicht willkürlich? Sie sind konservativ-realistisch: 0,10 % je Seite entspricht der Spot-Taker-Gebühr von Binance, 0,05 % ist eine realistische Näherung für den Aktien-Spread. Es sind Annahmen, keine Naturkonstanten — aber sie treffen die Größenordnung, und die Slippage (die den Effekt nur vergrößern würde) ist bewusst noch nicht enthalten.