RSI(2) Mean Reversion im Backtest: Warum wir sie für Aktien abschalten
Wir bauen Strategien nicht, um sie zu verkaufen. Wir bauen sie, um sie zu testen — und wenn die Daten Nein sagen, schalten wir sie ab. Heute zwei davon: RSI(2) Mean Reversion (nach Larry Connors) und der Capitulation Finder. Beide sind Mean-Reversion-Ansätze: Sie kaufen Schwäche und verkaufen Stärke, statt einem Trend zu folgen.
Wir haben beide mit Standard-Parametern auf Tageskerzen von 2018 bis 2026 durchlaufen lassen — über 50 Crypto-Paare, 30 Aktien, 10 ETFs und 10 Commodities. Maßstab: die durchschnittliche Buy-&-Hold-Rendite (Avg B&H) über alle Einstiegspunkte. Hier sind die Zahlen, ungeschönt.
Die Daten
| Strategie · Asset-Klasse | Schlägt Avg B&H | Ø Strategie-CAGR | Ø B&H-CAGR | Ø ΔCAGR | Ø Trades |
|---|---|---|---|---|---|
| RSI(2) · Crypto-Top-50 | 31 / 50 | +5,4 % | −4,3 % | +9,7 % | 64 |
| RSI(2) · Aktien (30) | 2 / 30 | +3,3 % | +18,1 % | −14,7 % | 117 |
| RSI(2) · ETF (10) | 1 / 10 | +2,8 % | +12,5 % | −9,7 % | 117 |
| RSI(2) · Commodities (10) | 3 / 10 | +0,8 % | +2,9 % | −2,2 % | 76 |
| Capitulation · Crypto-Top-50 | 29 / 50 | −5,3 % | −4,3 % | −1,0 % | 16 |
| Capitulation · Aktien (30) | 3 / 30 | +7,8 % | +18,1 % | −10,3 % | 13 |
| Capitulation · ETF (10) | 2 / 10 | +6,3 % | +12,5 % | −6,2 % | 11 |
| Capitulation · Commodities (10) | 3 / 10 | +2,4 % | +2,9 % | −0,5 % | 11 |
Funktioniert RSI(2) auf Aktien? Mean Reversion verliert gegen Buy & Hold
Auf Aktien schlägt RSI(2) Buy & Hold in 2 von 30 Fällen. Auf ETFs in 1 von 10. Das ist kein Pech, das ist Struktur: Der US-Aktienmarkt ist seit 2009 ein säkularer Bullenmarkt. Eine Strategie, die regelmäßig in Cash geht, um „günstiger" wieder einzusteigen, verpasst genau die Aufwärtsbewegung, die den Großteil der Rendite ausmacht. Sie liefert +3,3 % CAGR, während simples Halten +18,1 % bringt.
Die ehrliche Schlussfolgerung ist unbequem für jeden, der „Signale für Aktien" verkauft: Für breite Aktien und Index-ETFs ist regelmäßiges Kaufen und Halten (DCA) der Edge. Nicht das Timing. Das ist keine Niederlage — das ist eine der wertvollsten Erkenntnisse, die ein ehrlicher Backtest liefern kann. Wer das akzeptiert, spart sich Gebühren, Steuern und Nerven.
Deshalb behalten wir die Daten dieser Läufe sichtbar — in der Strategy Library und in den Insights. Nur im Backtester bieten wir die beiden Strategien für Aktien/ETF/Commodities/Forex nicht mehr zur Auswahl an.
RSI(2) auf Crypto: Hier funktioniert es — aus einem unbequemen Grund
Auf Crypto dreht sich das Bild: RSI(2) schlägt Avg B&H bei 31 von 50 Paaren, mit +9,7 % Vorsprung im Schnitt. Das klingt nach Edge — und ist auch einer, aber man muss verstehen, warum.
Das durchschnittliche Buy-&-Hold der Crypto-Top-50 ist über diesen Zeitraum negativ (−4,3 % CAGR). Viele Altcoins, die 2021 in den Top 50 standen, haben 80–95 % verloren. Eine Strategie, die die meiste Zeit in Cash sitzt und nur kurze Erholungen mitnimmt, schlägt das Halten eines sterbenden Coins fast zwangsläufig. Anders gesagt: RSI(2) gewinnt auf Crypto vor allem, indem es keine Säcke hält. Mit 64 Trades im Schnitt und 63 % Trefferquote ist das eine statistisch belastbare, defensive Eigenschaft — kein Zufall. Deshalb bleibt RSI(2) für Crypto aktiv.
Capitulation Finder im Backtest: zu selten für belastbare Evidenz
Beim Capitulation Finder ist die Sache klarer — und schlechter. Auf Aktien (3/30) und ETFs (2/10) verliert er gegen Buy & Hold wie zu erwarten. Aber auch auf Crypto, wo Mean Reversion eigentlich greifen sollte, kommt er nur auf einen Gleichstand mit Buy & Hold (−1,0 % ΔCAGR) — und das bei einem durchschnittlichen Maximum Drawdown von −62 %. Ein Breakeven-Ergebnis, für das man zwischenzeitlich fast zwei Drittel des Kapitals riskiert, ist kein brauchbares Profil.
Dazu kommt unsere harte Regel: Unter 30 Trades ist ein Backtest eine Anekdote, keine Evidenz. Der Capitulation Finder feuert im Schnitt nur 11 bis 16 Trades pro Asset über acht Jahre. Selbst wo die Zahlen zufällig gut aussehen, ist die Stichprobe zu klein, um etwas zu beweisen. Seltene Signale klingen exklusiv — statistisch sind sie wertlos.
Deshalb schalten wir den Capitulation Finder vollständig ab, für alle Asset-Klassen.
Was bleibt sichtbar
Abschalten heißt bei uns nicht löschen. Beide Strategien bleiben in der Strategy Library und in den Insights einsehbar — mit dem Hinweis „Nicht mehr aktiv" und genau diesen Aggregat-Zahlen. Wer nachvollziehen will, warum etwas nicht funktioniert hat, soll das können. Verschwundene Strategien sind genau die Art von selektivem Gedächtnis, die wir bei anderen kritisieren.
Plattform-Brücke
Die Backtesting Arena ist dafür gebaut, solche Fragen selbst beantworten zu können — über Hunderte Assets, nicht über ein gut gewähltes Beispiel. Du kannst RSI(2) auf Crypto selbst gegen Buy & Hold laufen lassen, die Drawdowns sehen und die Trade-Zahl prüfen. Genau diese Transparenz ist der Punkt: Eine Strategie ist nur so gut wie ihr ehrlichster Backtest — und manchmal ist das ehrlichste Ergebnis „lass es".
FAQ
Was ist die RSI(2)-Strategie? Die RSI(2)-Strategie nach Larry Connors nutzt den 2-Perioden-RSI als kurzfristigen Mean-Reversion-Filter: Sie kauft, wenn der RSI(2) sehr niedrig (überverkauft) ist, und verkauft in die Stärke zurück. Auf Tagesbasis ist das ein klassischer „Buy the Dip"-Ansatz — er setzt darauf, dass Preise nach einem kurzen Einbruch zu ihrem Mittelwert zurückkehren.
Warum baut ihr Strategien, nur um sie wieder abzuschalten? Weil das der Prozess ist. Eine Strategie zu bauen kostet wenig; sie ehrlich zu testen ist die eigentliche Arbeit. Ein abgeschalteter Kandidat mit dokumentierten Zahlen ist mehr wert als zehn, die ungetestet im Katalog stehen.
Heißt das, Mean Reversion funktioniert grundsätzlich nicht? Nein. Sie funktioniert dort, wo Preise tatsächlich zu einem Mittelwert zurückkehren — in Seitwärts- und Bärenphasen, wie bei vielen Altcoins. In einem starken, langen Aufwärtstrend (Aktien seit 2009) verliert sie gegen simples Halten. Kontext entscheidet, nicht die Strategie an sich.
Warum ist Buy & Hold der „faire" Maßstab und nicht eine andere Strategie? Weil Buy & Hold die Null-Aufwand-Alternative ist. Wenn eine aktive Strategie nicht einmal das passive Halten schlägt, gibt es keinen Grund für den Aufwand, das Risiko und die Steuern. Das ist die härteste, ehrlichste Messlatte.
Ist ein +9,7 %-Vorsprung auf Crypto nicht selbst nur Survivorship-Bias? Teilweise — und genau das sagen wir offen. RSI(2) gewinnt vor allem, indem es tote Alts nicht hält. Das ist ein realer, aber defensiver Edge: Verlustvermeidung, nicht Gewinnmaximierung. Auf einem Asset im klaren Aufwärtstrend (z. B. BTC allein) lahmt die Strategie ebenso wie auf Aktien.
Warum reichen 11–16 Trades nicht? Bei so wenigen Trades bestimmt der Zufall das Ergebnis. Ein einzelner glücklicher oder unglücklicher Trade kippt die ganze Statistik. Erst ab etwa 30 Trades wird ein Resultat überhaupt interpretierbar — darunter ist es eine Geschichte, kein Beweis.
Was soll ich jetzt mit Aktien tun? Das ist keine Anlageberatung, sondern was die Daten sagen: Für breite Aktien und Index-ETFs hat regelmäßiges Kaufen und Halten in unseren Tests jede getestete Timing-Strategie geschlagen. Die Energie steckt man besser in Sparrate und Disziplin als in Signale.