Über die US-Notenbank kursiert ein beliebtes Narrativ: Sie sitze in der Zwickmühle. Einerseits müsse sie die Zinsen hochhalten, um die Inflation zu bekämpfen. Andererseits brauche der Staat niedrige Zinsen, um seinen riesigen Schuldenberg bezahlbar umzuschulden. Ein Widerspruch, der sich angeblich nicht auflösen lässt.
Die Spannung ist echt. Aber das Bild stimmt nur zur Hälfte — denn einen wichtigen Teil dieser Zwickmühle hat die Fed längst aufgelöst. Sie hat ihre beiden Instrumente schlicht voneinander getrennt. Wer das übersieht, zieht aus der Lage die falschen Schlüsse.
Was viele noch glauben — und was wirklich geschah
Verbreitet ist die Annahme, die Fed verkleinere ihre Bilanz weiter (die sogenannte quantitative Straffung, kurz QT), entziehe dem System also Liquidität — woran sich die Frage knüpft, ob sie die Geldmenge senken kann, ohne die Wirtschaft abzuwürgen.
Diese Frage ist beantwortet. QT endete am 1. Dezember 2025. Seit dem Beginn des Bilanzabbaus im Juni 2022 war die Bilanz um mehr als 2,2 Billionen US-Dollar geschrumpft — dann war Schluss.
Mehr noch: Seit Dezember 2025 kauft die Fed wieder Wertpapiere, konkret kurzlaufende Schatzwechsel, im Rahmen von Käufen zur Steuerung der Bankreserven. Per 10. Juni 2026 lag die Bilanz wieder bei rund 6,7 Billionen Dollar — Tendenz leicht steigend. Die Fed betont, das sei rein technisch und kein Konjunkturprogramm. Die Wirkung — mehr Liquidität im System — ähnelt aber jener von QE, weshalb manche Beobachter von einem „heimlichen QE" sprechen.
Warum QT enden musste: der Liquiditätsboden
Das Ende kam nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Notwendigkeit. An den Repo-Märkten — dem System für die kurzfristige Refinanzierung, das die Banken zusammenhält — zeigten sich Spannungen. Die Reserven der Banken fielen auf ein nur noch „ausreichendes" Niveau, die kurzfristigen Geldmarktsätze zogen an. Das erinnerte an die Repo-Krise von 2019.
Damit ist die Ausgangsfrage konkret beantwortet: Nein, die Fed kann die Liquidität nicht beliebig senken. Es gibt einen harten Boden — Schätzungen sehen ernsten Stress, sobald die Reserven unter etwa 2,5 bis 2,7 Billionen Dollar fallen. An genau diesen Boden ist die Fed Ende 2025 gestoßen. Sie hat ihn gefunden und ist zurückgewichen.
Die eigentliche Lösung: zwei getrennte Hebel
Hier liegt der Kern, den das „Zwickmühlen"-Narrativ übersieht. Die Fed bedient seit Ende 2025 zwei Hebel mit gegenläufiger Richtung:
- Der Leitzins bleibt straff — gegen die Inflation. Am 17. Juni 2026 hielt die Fed ihn zum vierten Mal in Folge bei 3,50 bis 3,75 Prozent, einstimmig. Wichtiger ist die Projektion dahinter: Im Mittel sehen die Mitglieder das Jahresende 2026 nun bei 3,8 Prozent — eine Kehrtwende gegenüber März, als noch eine Senkung angelegt war. Übersetzt: Eine Anhebung ist wieder im Spiel. Auslöser ist ein Angebotsschock — der Iran-Krieg und höhere Energiepreise haben die Inflationsprojektion zum Jahresende auf 3,6 Prozent steigen lassen.
- Die Bilanz ist neutral bis leicht expansiv — für die Funktionsfähigkeit der Märkte. Nicht um anzuschieben, sondern um die Refinanzierungsmärkte am Laufen zu halten.
Zinspolitik und Liquiditätspolitik laufen also bewusst getrennt. Das ist die Antwort der Fed auf das vermeintlich unlösbare Problem: Man muss nicht beide Hebel in dieselbe Richtung ziehen.
Was das für US-Staatsanleihen bedeutet
Die strukturelle Spannung verschwindet damit nicht — sie verlagert sich nur. Sie sitzt beim Finanzministerium, nicht bei der Notenbank.
| Kennzahl (Stand) | Wert |
|---|---|
| Leitzins (17.6.2026) | 3,50–3,75 % |
| Rendite 2 Jahre (Mitte Juni 2026) | ~4,19 % |
| Rendite 10 Jahre | ~4,5 % |
| Rendite 30 Jahre | ~4,95 % |
| Hypothek 30 Jahre | ~6,47 % |
| Schulden in Privathand (Feb. 2026) | >31 Bio. USD |
| Defizit Haushaltsjahr 2026 | ~1,9 Bio. USD |
| In 12 Monaten umzuschulden | ~10 Bio. USD |
| Anteil kurzlaufender Schatzwechsel | ~21,9 % |
Die Antwort des Finanzministeriums auf hohe Zinsen ist das Ausweichen ans kurze Ende: Statt teure Langläufer zu begeben, finanziert es sich verstärkt über kurzlaufende Schatzwechsel. Deren Anteil liegt mit rund 21,9 Prozent inzwischen über der Spanne von 15 bis 20 Prozent, die der eigene Beratungsausschuss empfiehlt. Das senkt die durchschnittlichen Kosten, erhöht aber das Refinanzierungsrisiko — ein wachsender Teil der Schuld wird häufig zu den jeweils aktuellen kurzfristigen Sätzen neu bepreist.
Auf der Nachfrageseite ist das Bild gemischt: insgesamt solide, die Auktionen waren normal nachgefragt — aber brüchiger geworden. Während der Iran-Eskalation im März verliefen die Auktionen für zwei-, fünf- und siebenjährige Papiere schwach, während kurz zuvor eine dreißigjährige Auktion die höchste Nachfrage ihrer Geschichte erzielt hatte. Die Laufzeitprämie — der Aufschlag, den Anleger für das Halten langer Laufzeiten verlangen — ist über die letzten gut zwei Jahre stärker gestiegen als erwartet.
Das eigentliche Langfristrisiko
Das größte Risiko ist nicht mehr, dass QT die Wirtschaft abwürgt — dieses Kapitel ist abgeschlossen. Es ist struktureller Natur: Das Haushaltsbüro des Kongresses (CBO) und der Rechnungshof (GAO) erwarten Defizite von im Schnitt über 2 Billionen Dollar jährlich bis 2036 und nennen diesen Pfad nicht tragfähig. Steigende Schulden bei steigenden Zinskosten treiben die Renditen über höhere Laufzeitprämien nach oben — unabhängig davon, was die Fed kurzfristig beschließt.
Daraus folgt ein Mechanismus, den die Marktteilnehmer genau beobachten: Werden Schuldendienst und Refinanzierungsbedarf groß genug, wächst der Druck — politisch wie praktisch —, die Zinsen niedriger zu halten, als es die Inflation eigentlich verlangt. Der Fachbegriff dafür ist fiskalische Dominanz. Es ist kein gegenwärtiger Zustand, sondern ein Szenario, dessen Wahrscheinlichkeit mit der Schuldenlast steigt.
Nüchternes Fazit
Trennen wir, was wir wissen, von dem, was Deutung ist.
Belegt und messbar: QT endete am 1. Dezember 2025. Die Fed kauft seit Dezember wieder Schatzwechsel. Es gibt einen Liquiditätsboden, an den sie gestoßen ist. Der Leitzins ist straff, die Zinsprojektion der Mitglieder lässt eine mögliche Anhebung erwarten. Das Finanzministerium finanziert sich stark über das kurze Ende. Die Defizitprognosen sind hoch.
Deutung und offen: Ob die Anhebung im September kommt, hängt fast vollständig am Öl- und Iran-Faktor — entspannt sich der, ist sie schnell vom Tisch. Ob und wann die fiskalische Dominanz vom Szenario zur Realität wird, ist Spekulation.
Und zur Ehrlichkeit gehört: Das ist kein Krisengeschrei. Der Markt funktioniert, die Nachfrage ist insgesamt da, das Rückkaufprogramm stützt die Liquidität. Aber der Sicherheitspuffer ist dünner geworden — und stärkere Schwankungen am langen Ende dürften das neue Normal sein.
Dieser Beitrag ist eine nüchterne Einordnung, keine Anlageberatung. Studiere die Vergangenheit — verbessere deine Zukunft. 🥋