Am 25. April 2026 ist etwas passiert, das in den meisten Krypto-Newsfeeds nur eine Schlagzeile bekommen hat — und in der Tiefe trotzdem mehr Konsequenzen hat als die meisten täglichen News.
Die Optionen auf BlackRocks Bitcoin-ETF IBIT haben Deribit beim Open Interest überholt. 27,61 Milliarden US-Dollar auf der Nasdaq-gelisteten ETF-Options-Plattform stehen 26,9 Milliarden auf Deribit gegenüber. Damit ist die größte regulierte Onshore-Optionsbörse der USA in zwei Jahren an einer Plattform vorbeigezogen, die seit 2016 die unangefochtene Heimat des Bitcoin-Optionsmarkts war.
Das ist ein Strukturwandel, der weit über das reine Volumen hinausgeht. Für jeden, der Bitcoin-Optionsdaten zur Markteinschätzung nutzt — und das schließt unsere eigene Max-Pain-Strategie ein — verändert sich die Frage, worauf wir eigentlich schauen, wenn wir auf „den Optionsmarkt" schauen.
Die zwei Märkte sind gleich groß. Sie verhalten sich aber unterschiedlich.
Volmex, der Anbieter, der die Daten zusammengestellt hat, hat auch die Positionierung der beiden Märkte gegenübergestellt. Die folgenden Werte stammen aus dem Original-Bericht von CoinDesk auf Basis der Volmex-Daten:
| Metrik | IBIT | Deribit BTC |
|---|---|---|
| OI-gewichteter Call-Strike | $109.709 | $106.285 |
| Call-Strike / Spot | 141 % | 137 % |
| OI-gewichteter Put-Strike | $63.314 | $63.478 |
| Durchschnittliches Delta | 7,31 % | 8,71 % |
| Put/Call-OI-Verhältnis | 66,15 % | 66,36 % |
Auf den ersten Blick sehen die beiden Märkte fast identisch aus. Bei genauerem Hinsehen erzählen sie aber zwei verschiedene Geschichten.
IBIT-Calls sind systematisch weiter aus dem Geld — etwa vier Prozentpunkte weiter als bei Deribit. Volmex erklärt das mit dem dominanten Profil der IBIT-Käuferschaft: US-Retail mit Aufwärts-Spekulation und systematische Covered-Call-Programme institutioneller Halter. Beides konzentriert sich an höheren Strikes.
Die Laufzeiten unterscheiden sich. IBIT-Optionen sind im Schnitt rund zwei Monate länger gewichtet — Hauptverfälle Oktober 2026 — während Deribit auf August zentriert ist. Das ist die typische Signatur von Long-only-ETF-Haltern auf der einen Seite und taktisch-handelnden Krypto-Profis auf der anderen.
Die implizite Volatilität von IBIT liegt höher als bei Deribit. Volmex führt das auf die strukturelle Asymmetrie zurück: ETF-Halter können Bitcoin nicht direkt shorten und kompensieren das mit erhöhter Put-Nachfrage als Hedge. Auf Deribit ist Shorten Teil des Standardrepertoires.
Was alles das bedeutet: Die Größe der beiden Märkte ist jetzt vergleichbar — die Struktur ihrer Open-Interest-Verteilung nicht.
Was das mit Max Pain zu tun hat
Max Pain ist eine deskriptive Metrik. Sie beantwortet die Frage: „An welchem Strike-Preis verlieren die Käufer der Optionen in Summe am meisten Geld bei Verfall?" Diese Berechnung basiert vollständig auf der Open-Interest-Verteilung — also darauf, wie viele Calls und Puts an welchem Strike offen stehen.
Hier ist das methodische Problem: Wenn man Max Pain ausschließlich auf Deribit-Daten berechnet — wie es alle gängigen Tools tun, einschließlich unserer aktuellen Strategie und Coinglass — sieht man jetzt nur noch die Hälfte des Bildes.
Wenn IBIT-Calls vier Prozentpunkte weiter aus dem Geld konzentriert sind als Deribit-Calls, verschiebt sich das echte „Schmerz-Minimum" für die Gesamtheit aller Optionsschreiber gegenüber einer Deribit-only-Betrachtung. Berechnet man Max Pain isoliert auf Deribit, ignoriert man rund die Hälfte des regulierten US-Marktes — und bekommt einen Wert, der die Spot-bei-Verfall-Realität immer schlechter abbildet, je weiter sich beide Märkte differenzieren.
Das heißt nicht, dass Max Pain auf Deribit plötzlich „falsch" ist. Es heißt: Max Pain auf Deribit beantwortet jetzt eine engere Frage. Nämlich: „Wo liegt der Schmerz-Minimum-Punkt für Krypto-native Trader auf der größten Offshore-Optionsbörse?" Das bleibt eine valide Frage. Aber es ist nicht mehr identisch mit „Wo liegt das Schmerz-Minimum für den BTC-Optionsmarkt insgesamt?"
Drei Konsequenzen für unsere Plattform
Wir haben das in den letzten Tagen intern besprochen und drei Dinge identifiziert, die wir an unserem Tooling anpassen werden:
1. Bestehende Max-Pain-Strategie bleibt — mit Klarstellung. Die Strategie 30D SMA > Max Pain, die wir aktuell anbieten, basiert auf Deribit-Daten. Wir werden in der Strategy-Beschreibung und im Dashboard explizit klarstellen, dass diese Max-Pain-Werte ausschließlich Deribit reflektieren und keine konsolidierte Sicht über den Gesamtmarkt sind. Bisher war das implizit — bisher war Deribit quasi der Markt. Das ist jetzt nicht mehr so.
2. Geplantes Max-Pain-History-Feature wird mit Multi-Source-Architektur konzipiert. Wir hatten ohnehin ein historisches Max-Pain-Dashboard in der Pipeline. Die Spec stand auf „nur Deribit" für Phase 1, mit dem Gedanken, das mittelfristig erweitern zu können. Diese Priorisierung dreht sich jetzt um. Aggregierte Max-Pain-Werte über IBIT, Deribit und idealerweise CME-Optionen werden Teil der MVP-Überlegung. Allein-Deribit-Max-Pain bleibt als getrennte Sicht verfügbar — gerade weil die Differenz zwischen beiden Märkten selbst eine interessante Metrik ist.
3. Ein neuer Indikator wird denkbar: das Onshore-Offshore-Gefälle. Wenn IBIT- und Deribit-Positionierung systematisch in unterschiedliche Richtungen zeigen, ist die Differenz zwischen beiden ein eigener Datenpunkt. „IBIT-Calls vier Punkte weiter OTM als Deribit-Calls" hat eine Bedeutung, die über jede einzelne Plattform hinausgeht. Sie zeigt, wer den Markt aktuell stärker treibt — Retail-Spekulation oder Profi-Hedging. Ob daraus ein eigener Indikator auf unserer Plattform wird, hängt von Datenverfügbarkeit und sinnvoller Aggregation ab. Aber die Idee ist jetzt auf der Liste.
Eine direktionale Lesart — und warum wir vorsichtig bleiben
Bitwise's Jeff Park hat aus denselben Daten eine direktionale These abgeleitet: Aus dem IBIT-Flip folgt seiner Meinung nach eine bevorstehende Volatilitäts-Rally — getrieben durch IBIT-Optionen. Sein Argument läuft über die Gamma-Mechanik der Dealer: Wenn IBIT-Käufer Calls kaufen, während Krypto-OGs auf Deribit Calls verkaufen, drehen sich die Hedging-Zwänge der Market Maker. Park's Schluss: "We're going to see a big Bitcoin move up... led by IBIT options."
Wir teilen Park's Beobachtung der strukturellen Asymmetrie. Bei der direktionalen Schlussfolgerung bleiben wir vorsichtiger — Open-Interest-Vergleich in Dollar ist nicht dasselbe wie Gamma-Exposition zu vergleichen, und Park selbst hat seine Position innerhalb weniger Wochen vom Gegenteil zu dieser These geändert. Wir haben Park's Argument in einem eigenen Folge-Post detailliert auseinandergenommen — inklusive der Frage, was nötig wäre, damit die These tatsächlich kippt.
Wer das ganze Bild will: Diesen Post lesen für die methodische Grundlage (was Max Pain im veränderten Markt überhaupt noch sagt), den Folge-Post für die direktionale Diskussion (was daraus folgen könnte).
Was nicht passiert
Damit klar ist, was wir hier nicht sagen:
- Max Pain ist nicht plötzlich „kaputt". Die Mathematik funktioniert wie immer.
- Der IBIT-Flip macht Bitcoin nicht weniger volatil oder berechenbarer.
- Wir empfehlen niemandem, Trading-Entscheidungen ausschließlich an Max Pain auszurichten — egal ob Deribit-only oder aggregiert. Max Pain ist eine deskriptive Größe, kein Magnet.
Was sich geändert hat, ist die Repräsentativität einer einzelnen Datenquelle. Und das ist genau die Art von struktureller Verschiebung, die einem leise auffällt, wenn man den Markt aufmerksam beobachtet — und die später, in der Rückschau, als Wendepunkt dasteht.
Fazit
Der 25. April 2026 wird in keiner Charttechnik als „besonderer Tag" markiert sein. Es war kein Hoch, kein Tief, kein Crash. Aber für die Architektur des Bitcoin-Optionsmarkts war es der Tag, an dem die regulierte US-Welt die offshore-Welt zum ersten Mal eingeholt hat. In Größe, ja. In Verhalten, ausdrücklich nein.
Wer ab jetzt mit Max Pain arbeitet — als Indikator, als Strategie-Input, als Marktbeobachtung — sollte sich bewusst sein, welche Hälfte des Marktes er gerade misst. Und wer ein Tool baut, das diese Daten verarbeitet, hat jetzt eine bessere Spec als noch vor einer Woche.
Wir arbeiten daran.
FAQ
Wird die bestehende Max-Pain-Strategie auf der Plattform jetzt entfernt oder geändert? Nein. Die Strategie bleibt unverändert nutzbar. Wir präzisieren in der Beschreibung, dass die zugrundeliegenden Max-Pain-Werte aus Deribit-Daten stammen, sodass User die Aussagekraft besser einordnen können. Eine aggregierte Multi-Source-Variante kommt frühestens mit dem geplanten Max-Pain-History-Feature.
Warum ist das überhaupt ein Problem? Sind nicht alle Optionsmärkte irgendwo dasselbe? Wirtschaftlich ja, strukturell nein. IBIT-Optionen werden überwiegend von US-Retail und institutionellen Long-only-Haltern genutzt, Deribit dagegen von Krypto-nativen Profis. Die Strikes, an denen sich Open Interest sammelt, unterscheiden sich systematisch — und genau diese Verteilung ist die Eingangsgröße der Max-Pain-Berechnung.
Wann kommt das angekündigte Max-Pain-History-Feature? Wir haben kein verbindliches Release-Datum. Die Spec steht, die Datenfrage (Multi-Source-Aggregation vs. Deribit-only-Schnellstart) ist gerade in der Klärung. Sobald wir einen belastbaren Plan haben, gibt es ein Update — entweder hier im Blog oder in den Plattform-News.