Vor wenigen Wochen sagte Bitwise's Head of Alpha, Jeff Park, Bitcoin werde im Low-Vol-Regime verharren. Begründung: OG-Holder verkaufen Calls schneller, als IBIT-Käufer sie kaufen können. Vergangene Woche, nach dem Open-Interest-Flip vom 25. April, hat Park seine Position um 180 Grad gedreht: "We're going to see a big Bitcoin move up... led by IBIT options."
Das ist keine Inkonsistenz. Es ist eine datengetriebene Reaktion auf einen Strukturwendepunkt. Genau deshalb lohnt es sich, sein Argument genau anzuschauen — weil es elegant ist, weil es richtig sein könnte, und weil es trotzdem ein paar Annahmen enthält, die nicht selbsterklärend sind.
Park's These in einem Satz
Wenn IBIT-Käufer Calls kaufen und Krypto-OGs auf Deribit Calls verkaufen, dann zwingt die Gamma-Mechanik der Market Maker den Markt in unterschiedliche Richtungen — und sobald die IBIT-Seite überwiegt, dreht sich die Volatilität nach oben.
Klingt abstrakt. Ist aber auf Mechanik reduzierbar.
Die Mechanik dahinter
Wenn ein Trader eine Call-Option kauft, muss der Market Maker auf der Gegenseite das Risiko hedgen. Bei Calls bedeutet das: Der Dealer ist short Gamma. Steigt der BTC-Preis, muss er mehr BTC kaufen, um sein Delta neutral zu halten. Fällt der Preis, muss er verkaufen. Short-Gamma-Hedging verstärkt Bewegungen.
Verkauft jemand stattdessen Calls — typisch für OG-Holder mit Covered-Call-Programmen — passiert das Gegenteil. Der Dealer absorbiert die Position als long Gamma. Steigt der Preis, verkauft der Dealer in die Stärke. Fällt der Preis, kauft er. Long-Gamma-Hedging dämpft Bewegungen.
Park's Argument: Solange Krypto-OGs den Optionsmarkt mit Call-Verkäufen überschwemmen, sind die Dealer im Aggregat long Gamma. Das erklärt das ungewöhnlich niedrige Volatilitäts-Regime der letzten Monate. Mit dem IBIT-Flip ändert sich das Gleichgewicht. IBIT-Käufer sind überwiegend Retail-Bullen und Wealth-Manager-Kunden, die Calls kaufen — also Dealer in Short-Gamma drücken. Sobald die IBIT-Side groß genug wird, kippt das aggregierte Dealer-Buch von long Gamma zu short Gamma. Und dann wird jeder Anstieg verstärkt, statt gedämpft.
So weit, so plausibel. Aber.
Wo das Argument vorsichtige Lesart braucht
Erstens: Open Interest in Dollar ist nicht Gamma-Exposition. Park's These steht und fällt mit der Annahme, dass IBIT's Open-Interest-Größe direkt in Gamma-Hedging-Druck übersetzbar ist. Das ist nicht selbstverständlich. Optionen weiter aus dem Geld haben weniger Gamma als Optionen am Geld. Die Volmex-Daten zeigen explizit, dass IBIT-Calls vier Prozentpunkte weiter OTM sitzen als Deribit-Calls. Vier Prozentpunkte mehr OTM bei einem $77.000-BTC sind grob $3.000 weiter weg vom Spot — und das reduziert die Gamma-Wirkung pro Dollar OI nicht-linear. Eine $27,6-Mrd.-IBIT-OI-Position generiert deshalb weniger Hedging-Druck als eine gleich große Deribit-OI-Position bei näheren Strikes.
Park weiß das. Aber in seiner öffentlich kommunizierten Version der These wird dieses Detail nicht quantifiziert.
Zweitens: Die Verteilung über Strikes und Laufzeiten matters. IBIT-Optionen sind im Schnitt rund zwei Monate länger gewichtet als Deribit-Optionen. Längere Laufzeiten bedeuten weniger Gamma pro Kontrakt. Eine Call-Option, die in zwei Monaten verfällt, hat weniger Gamma als eine, die in zwei Wochen verfällt. Der Effekt: Selbst wenn IBIT in Dollar-OI größer wird, ist die Gamma-gewichtete Größe des Marktes wahrscheinlich noch unter der von Deribit.
Das verschiebt den von Park beschriebenen Kipppunkt nach hinten. Möglicherweise weit nach hinten.
Drittens: Die OG-Sell-Side verschwindet nicht. Park's eigene These vor wenigen Wochen war, dass das OG-Selling so massiv ist, dass es alle ETF-Käufe überkompensiert. Es gibt keine Evidenz dafür, dass diese OG-Holder ihre Covered-Call-Programme zwischen Anfang April und Ende April plötzlich eingestellt haben. Was sich geändert hat, ist die Größe der gegenüberstehenden IBIT-Käuferseite. Aber wenn die OG-Sell-Side weiterläuft, wird der Markt nicht von long Gamma zu short Gamma geflippt — sondern landet bei einem Netto-Zustand näher null. Was nicht zwangsläufig eine Volatilitäts-Rally bedeutet, sondern eher: weniger künstliche Vol-Suppression.
Viertens: Park's Trackrecord auf direktionale Calls ist gemischt. Das ist nicht persönlich, das ist analytisch. Park hat innerhalb weniger Wochen von "Bitcoin bleibt range-bound im Low-Vol" zu "Bitcoin bricht hochvolatil aus" gewechselt. Beide Aussagen können richtig oder falsch sein. Aber jemand, der innerhalb so kurzer Zeit die Position ändert, sollte mit etwas Vorsicht zitiert werden — nicht weil seine Analyse schlecht wäre, sondern weil Marktdaten kurzfristig sehr unterschiedliche Geschichten erzählen können.
Was nötig wäre, damit Park recht behält
Damit die These tatsächlich kippt, müssten mehrere Bedingungen zusammenkommen:
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IBIT-Gamma-gewichtete Position übersteigt Deribit-Gamma-Position. Nicht in Dollar-OI gemessen, sondern in tatsächlichem Hedging-Druck. Das ist ein höherer Bar als der OI-Flip vom 25. April.
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Die OG-Sell-Side schwächt sich ab oder pausiert. Bei einem Aufwärts-Push würden viele OG-Halter ihre Covered-Calls zurückkaufen müssen (oder ausgehen lassen) — was paradoxerweise das Gamma-Buch zusätzlich nach short Gamma kippt und einen sich selbst verstärkenden Loop erzeugt.
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Ein Trigger. Volatilitäts-Rallyes brauchen einen Auslöser. Saylor's STRC-Käufe könnten einer sein. Ein Liquiditäts-Schock im Bondmarkt. Eine geopolitische Eskalation. Ohne Trigger wandert auch ein gekipptes Dealer-Buch nicht von alleine.
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Zeit. Gamma-Effekte spielen über Wochen, nicht über Tage. Park's These ist plausibel auf Sicht von Q3-Q4 2026. Auf Sicht von Mai-Juni 2026 sind Spot-Flows und Macro-Faktoren wahrscheinlich relevanter.
Was wir konkret beobachten werden
Wir haben drei messbare Größen identifiziert, die Park's These bestätigen oder widerlegen würden:
A. IBIT-IV vs. Deribit-IV-Spread. Volmex misst aktuell, dass IBIT-IV etwa 5 Punkte über Deribit liegt. Park's These impliziert: Dieser Spread sollte wachsen, wenn die IBIT-Demand-Side wirklich aufflammt. Wenn der Spread stagniert oder schrumpft, ist Park's Argument schwächer.
B. IBIT Call/Put-OI-Verhältnis. Aktuell bei 66,15%. Wenn Retail-Bulls wirklich aggressiv Calls kaufen, sollte das Verhältnis Richtung Calls weiter ansteigen. Wenn nicht, kommt das Volumen vermutlich aus Covered-Call-Programmen — was für Park's These das Gegenteil bedeutet.
C. Realized Vol vs. Implied Vol auf BTC. Wenn Park recht hat, sollte Realized irgendwann Implied einholen oder überholen. Wenn IV hoch bleibt aber Realized niedrig — also der Markt bezahlt für Vol, die nicht kommt — verbrennt Park's These im Theta-Decay.
Was das für die Plattform bedeutet
Wir haben in unserem Max-Pain-Post vom 30. April bereits angekündigt, dass wir am Multi-Source-Tooling arbeiten. Park's These macht das nicht weniger relevant, sondern dringender — aber aus einem anderen Grund. Der Max-Pain-Post argumentiert für methodische Korrektheit: Wenn die Datenquelle unrepräsentativ wird, wird die Metrik unsauber. Park's These argumentiert für direktionale Implikation: Wenn die Datenquelle unrepräsentativ wird, ändern sich die Marktdynamiken selbst.
Beide Argumente führen zur selben Tooling-Anforderung — Multi-Source-Aggregation für IBIT, Deribit, idealerweise CME. Aber sie verfolgen unterschiedliche Use Cases:
- Max Pain Multi-Source beantwortet: "Wo ist der Schmerz-Minimum-Punkt für den Gesamtmarkt?"
- Gamma-Exposure-Tracking beantwortet: "Wie ist das aggregierte Dealer-Buch positioniert, und wo könnte sich Hedging-Druck aufbauen?"
Letzteres ist auf unserer Roadmap noch nicht. Park's These macht es zu einem ernstzunehmenden Kandidaten für das nächste Quartal.
Bottom Line
Park's These ist intelligent und mechanisch sauber. Sie ist auch noch nicht bewiesen. Open Interest ist nicht Gamma. Größere Märkte sind nicht automatisch dominantere Märkte. Und ein Strukturwendepunkt im Optionsmarkt führt nicht zwingend zu einem Preis-Wendepunkt.
Was wir mit Sicherheit sagen können: Der 25. April 2026 hat eine Diskussion ausgelöst, die noch vor sechs Monaten anders verlaufen wäre. Bitcoin-Optionsmechanik wird zum ersten Mal so ernst genommen, wie es in TradFi-Aktien-Märkten seit Jahrzehnten Standard ist. Wer Bitcoin-Volatilität verstehen will, muss ab jetzt Gamma denken.
Ob daraus eine Rally folgt oder nicht — das werden die nächsten 8-12 Wochen zeigen. Wir messen mit.
FAQ
Wann wird klar sein, ob Park recht hatte?
Realistisch: 8-12 Wochen Beobachtung. Schnellere Aussagen wären unseriös. Die drei Messgrößen oben (IV-Spread, Call/Put-Ratio, Realized vs. Implied) sind die saubersten Frühindikatoren.
Plant ihr ein Gamma-Exposure-Dashboard auf der Plattform?
Auf der Roadmap, nicht in der laufenden Sprint-Planung. Voraussetzung wäre ein zuverlässiger Daten-Feed für IBIT-Open-Interest pro Strike, idealerweise täglich. Das ist nicht trivial — Volmex bietet das, aber die Lizenzkosten sind nicht für ein kleines Indie-SaaS gemacht. Wir prüfen Alternativen.
Wie passt Park's These zu eurem Max-Pain-Post?
Beide Posts diskutieren denselben Datenpunkt aus unterschiedlichen Winkeln. Der Max-Pain-Post beschreibt das methodische Problem (Datenquelle wird unrepräsentativ). Dieser Post diskutiert die direktionale These eines erfahrenen Marktbeobachters. Beide gehören zusammen — wer den Optionsmarkt verstehen will, sollte beide lesen.