Backtesting Arena

Backtesting Arena

Zum Blog

Hat Bitcoin seinen Bärenmarkt vorgezogen? Was der gebrochene 4-Jahres-Zyklus für 2026 bedeutet

Erstmals seit 2012 hat Bitcoin ein neues Allzeithoch *vor* dem Halving erreicht. 2025 verlief nicht wie ein Post-Halving-Bullenmarkt, sondern wie ein vorgezogener Bärenmarkt. Wenn alle wissen, was kommt, handeln alle früher — und der klassische Oktober-2026-Boden bei rund $40k wäre dann längst Geschichte. Was diese These über die nächsten Monate aussagt.

Backtesting Arena·23. Mai 2026·9 Min. Lesezeit·0 Aufrufe
Hat Bitcoin seinen Bärenmarkt vorgezogen? Was der gebrochene 4-Jahres-Zyklus für 2026 bedeutet

Die meisten Bitcoin-Bärenmarkt-Diskussionen folgen einem festen Drehbuch: nach jedem Halving kommt ein Bullenmarkt, der etwa zwölf bis achtzehn Monate später in einem Allzeithoch gipfelt, dann folgt ein Crash von 70 bis 85 Prozent, der Tiefpunkt wird etwa ein bis eineinhalb Jahre nach dem ATH erreicht, und dann beginnt der nächste Zyklus. Bei dieser Logik müssten wir aktuell — Mai 2026 — in der Frühphase eines klassischen Post-Halving-Bärenmarkts sein, mit dem Boden etwa im Oktober 2026 bei vielleicht $40.000 bis $45.000.

Diese Drehbuch-Erwartung wird breit geteilt und prägt fast alle Bottom-Diskussionen, die wir auf Bluesky, X und in Trader-Telegrams sehen. Die Frage ist: was wäre, wenn das Drehbuch diesmal nicht zutrifft? Oder genauer: was wäre, wenn der Bärenmarkt schon weitgehend stattgefunden hat, nur nicht da, wo wir ihn erwartet haben?

In diesem Beitrag bringen wir fünf Beobachtungen aus den Daten zusammen, die jede für sich genommen unbedeutend wirken, in der Synthese aber eine kohärente alternative Erzählung ergeben — die Erzählung des vorgezogenen Bärenmarkts.

Beobachtung 1: Das Allzeithoch vor dem Halving — erstmals seit zwölf Jahren

Am 14. März 2024 erreichte Bitcoin ein neues Allzeithoch von $73.581. Das war einen Monat vor dem Halving am 20. April 2024. Es war das erste Mal seit 2012, dass Bitcoin sein ATH aus dem vorherigen Zyklus geknackt hat, bevor das Halving überhaupt stattgefunden hatte.

Zur Einordnung: In den drei vorherigen Zyklen brauchte Bitcoin im Schnitt 480 Tage nach dem Halving, um das vorige Hoch zu überschreiten. 2024 hat es das 37 Tage davor getan. Das ist keine kleine Abweichung vom Muster — das ist ein qualitativer Bruch.

Der Hauptauslöser war die Zulassung der Spot-Bitcoin-ETFs am 11. Januar 2024. Plötzlich konnten institutionelle Anleger über ihre bestehenden Broker-Konten direkt in Bitcoin investieren, ohne sich mit Wallets, Custody oder Exchanges befassen zu müssen. Allein der BlackRock IBIT sammelte in den ersten neun Monaten über 30 Milliarden Dollar ein — die schnellste ETF-Adoption der Geschichte.

Was die Datenlage hier aussagt: das Halving als angebotsseitiges Ereignis hat seine Wirkung weitgehend verloren, weil die nachfragebedingte Welle (institutionelles Kapital via ETF) zeitlich davor lag. Wenn die Nachfrage zuerst kommt und das Angebot später knapper wird, dann wird der klassische Halving-Pump zur Nachklang-Bewegung statt zur Hauptbewegung.

Beobachtung 2: 2025 sah aus wie ein abgehängter Bullenmarkt mit eingebautem Crash

Bitcoin lag am 1. Januar 2025 bei rund $93.500. Im Oktober 2025 erreichte es ein neues Allzeithoch von $126.198. Das ist ein Bullenmarkt-Verlauf, wie er aussehen sollte. Aber dann passierten zwei Dinge gleichzeitig, die in den klassischen Zyklen so nicht stattgefunden haben.

Erstens: Bitcoin fiel binnen vier Monaten um über vierzig Prozent vom ATH. Das ist nicht ungewöhnlich für einen Mid-Cycle-Drawdown — solche hatte es 2017 und 2021 auch — aber das Tempo war beispiellos.

Zweitens: Während Bitcoin fiel, performten alle anderen Top-Assets weiter nach oben. Gold +79 Prozent seit Jahresbeginn 2025, Silber +208 Prozent, NVIDIA +68 Prozent, Alphabet +109 Prozent. Das ist nicht das Muster, das wir aus vorherigen Bullenmärkten kennen, wo Bitcoin in den späten Phasen die anderen Risk-Assets anführt. 2025 ist Bitcoin der einsame Verlierer im Top-Asset-Feld. Wenn das ein normaler Mid-Cycle-Drawdown wäre, sollten zumindest Krypto-affine Risk-Assets mit fallen — sie tun es nicht.

Das deutet darauf hin, dass Bitcoin nicht in einer Mid-Cycle-Korrektur ist, sondern in etwas, das strukturell schon einen Bärenmarkt-Charakter trägt — nur eben asynchron zum restlichen Markt.

Beobachtung 3: Die Dollarschwäche kostet Käufer außerhalb der USA real

Hier wird es politisch wichtig, gerade für deutschsprachige Leser. Der US-Dollar hat 2025 etwa zehn Prozent gegenüber dem DXY-Korb verloren, gegenüber dem Euro sogar 13,5 Prozent, gegenüber dem Schweizer Franken 13,9 Prozent. Das ist die schwächste Erste-Halbjahres-Performance des Dollars seit über fünfzig Jahren.

Was bedeutet das für einen DACH-Anleger, der seit Januar 2025 Bitcoin in Euro hält? Der nominelle BTC-Preis ist 16 Prozent gefallen. Aber weil der Euro stärker geworden ist, ist der Verlust in Euro gerechnet noch dramatischer: rund 28 Prozent. Während ein US-Anleger seinen BTC-Verlust auf -16 Prozent beziffert, sitzt ein DACH-Anleger auf -28 Prozent.

Das ist deshalb relevant, weil es einen Teil der Schwäche von Bitcoin erklärt, ohne sie zu beschönigen. Bitcoin wird in Dollar gepreist, aber die Marktteilnehmer denken in ihrer Heimatwährung. Wenn der Dollar gegen alle anderen Währungen fällt, dann fällt der nominelle Bitcoin-Preis automatisch weniger schnell, als die wirtschaftliche Realität es widerspiegeln würde. Anders gesagt: hätte der Dollar 2025 nicht so stark verloren, läge Bitcoin in USD heute vermutlich noch tiefer — vielleicht bei $65.000 bis $70.000 statt bei $79.000.

Das ist ein subtiler Punkt, aber er ist wichtig: Bitcoin sieht in Dollar besser aus, als es ist. Der „Boden" bei $75.000 bis $80.000, den manche Analysten als Halt sehen, ist zu einem Teil ein Dollar-Schwäche-Boden, kein Bitcoin-Stärke-Boden.

Beobachtung 4: Die regulatorische Erlaubnis zum Cash-out

Mit der Trump-Administration ab Januar 2025 kam ein regulatorischer Schwenk, der in der öffentlichen Diskussion oft als „Krypto-freundlich" gefeiert wird. Die SEC unter neuer Leitung hat zahlreiche Enforcement-Verfahren eingestellt, die Bankenaufsicht hat die SAB-121-Regel zurückgenommen, die Banken zwang, Krypto-Verwahrung als Risiko auf der Bilanz zu führen.

Was in der DACH-Diskussion weniger beleuchtet wird: diese Lockerung hat es auch großen Bitcoin-Walen erstmals seit Jahren ermöglicht, größere Mengen Bitcoin in das Bankensystem zu cashen, ohne ihre Kontoverbindungen zu verlieren oder Compliance-Probleme zu riskieren. Vor 2025 bedeuteten BTC-zu-Fiat-Verkäufe ab einer bestimmten Größenordnung fast immer einen Showdown mit der Bank. Nach Januar 2025 nicht mehr.

Das hat eine direkte Implikation für den Preis-Verlauf 2025: ein Teil des Verkaufsdrucks im Frühjahr und Sommer 2025 kam vermutlich nicht von schlecht informierten Retail-Tradern, sondern von langfristigen Bitcoin-Haltern, die endlich legal und unkompliziert ihre Position reduzieren konnten. Daten von Glassnode zeigen, dass die größten Outflows aus Old-Coin-Adressen (Coins, die seit 2017 oder früher nicht bewegt wurden) in 2025 einen Mehrjahres-Rekord erreichten.

Das ist eine strukturelle Form von Verkaufsdruck, nicht eine zyklische. Sie hört nicht auf, weil sich der Preis stabilisiert — sie hört auf, wenn die Wale fertig sind. Und niemand weiß, wann das ist.

Beobachtung 5: Wenn alle das Muster kennen, handeln alle das Muster

Hier kommt der spieltheoretische Kern der These. Der klassische 4-Jahres-Zyklus war in den ersten drei Iterationen ein zuverlässiges Muster, das nur wenige Profis tatsächlich gehandelt haben. Die Mehrheit der Marktteilnehmer war Retail, das emotional reagierte: euphorisch im Hoch, panisch im Tief.

2024/25 ist das Marktbild ein anderes. Spot-ETFs haben rund 6,5 Prozent des gesamten BTC-Angebots in institutionelle Hände gebracht. MicroStrategy, Tesla, jede zweite börsennotierte Treasury-Company hat BTC auf der Bilanz. Pensionsfonds und Versicherungen haben Allokations-Slots für Krypto. Diese Marktteilnehmer haben Risiko-Komitees, Quant-Modelle, und vor allem: sie kennen den 4-Jahres-Zyklus.

Was passiert, wenn alle das Muster kennen? In einem effizienten Markt wird das Muster vom Markt vorweggenommen. Wer weiß, dass der Bärenmarkt etwa zwölf Monate nach dem ATH einsetzt, verkauft schon nach sechs Monaten. Wer weiß, dass alle so denken, verkauft schon nach drei Monaten. Im Grenzfall wird der ATH zu einem Selbst-erfüllenden „Sell Signal", und der Bärenmarkt beginnt sofort.

Das ist nicht hypothetisch. Es ist genau das, was 2024/25 passiert ist. Das ATH im März 2024 (also pre-Halving) hat das vorige Hoch gebrochen — und ab dem ATH im Oktober 2025 ist Bitcoin in den nächsten sieben Monaten um über vierzig Prozent gefallen, während alle anderen Top-Assets stiegen. Wenn man die Zeitachse präzise nimmt: vom pre-Halving ATH März 2024 bis zum (mutmaßlichen) Tief jetzt im Mai 2026 sind es zwei Jahre und zwei Monate — das ist die ungefähre Länge eines normalen Bitcoin-Bärenmarkts.

Was die Synthese andeutet

Wenn man diese fünf Beobachtungen zusammensetzt, ergibt sich eine kohärente Alternative zur klassischen „Wir-stehen-am-Anfang-des-Bärenmarkts"-Erzählung:

Bitcoin hat seinen ATH zeitlich vorgezogen (März 2024 statt November 2024). Bitcoin hat seinen Bärenmarkt zeitlich vorgezogen (Oktober 2025 statt Oktober 2026). Die Zyklus-Länge stimmt — sie ist nur als Ganzes nach vorne verschoben worden. Wenn diese Verschiebung stimmt, dann müsste der Tiefpunkt nicht im Oktober 2026 bei $40.000 liegen, sondern eher jetzt in der Spanne $70.000 bis $80.000, und die Erholungsphase würde noch in 2026 beginnen.

Das ist keine Vorhersage. Es ist eine Hypothese, die aus der Datenlage logisch ableitbar ist und die der gängigen „Es-läuft-noch-bis-Oktober-2026-runter"-Erzählung widerspricht. Beide Hypothesen können falsch sein. Beide haben methodische Schwächen — die klassische, weil sie ignoriert, dass sich das Marktstruktur fundamental geändert hat. Die hier vertretene, weil sie auf einer kleinen Stichprobe (genau einem gebrochenen Zyklus) basiert.

Was die Gegenthese sagen würde

Methodische Ehrlichkeit gebietet, auch die Gegenthese ernsthaft zu betrachten. Wer behauptet, dass der klassische Zyklus noch greift und der Boden erst im Oktober 2026 kommt, argumentiert ungefähr so:

Die Spot-ETFs haben das Angebot verändert, nicht die Nachfrage-Dynamik. Solange Halving-bedingte Angebots-Knappheit auf den Markt wirkt — und die wirkt sich erst etwa zwölf bis achtzehn Monate nach dem Halving wirklich aus — bleibt der zyklische Druck bestehen. Was 2024 als Pre-Halving-ATH aussah, war nur die Vorwegnahme der ETF-Welle, nicht der Beginn eines vorgezogenen Zyklus. Der eigentliche Post-Halving-Bullenmarkt fand vom April 2024 bis Oktober 2025 statt (ATH-zu-ATH +72 Prozent), was historisch gering ist, aber konsistent mit der These „Adoption macht jeden Zyklus kleiner" wäre. Und in dieser Lesart hätten wir den klassischen Bärenmarkt erst seit Oktober 2025 begonnen, der dann üblicherweise etwa zwölf Monate dauern würde — bis Oktober 2026.

Beide Lesarten sind intern konsistent. Welche zutrifft, entscheiden die nächsten sechs bis neun Monate.

Was ein Trader aus dieser Spannung ableiten kann

Wir geben keine Anlage-Empfehlungen. Aber wir können beobachten, was ein methodisch sauberer Trader aus dieser Lage ableitet:

Erstens: Setzen auf nur eine Hypothese ist gefährlich, wenn beide Hypothesen plausibel sind. Wer bei $80.000 all-in geht in der Erwartung „Boden ist hier", riskiert -50 Prozent, wenn der klassische Zyklus greift. Wer bei $80.000 short geht in der Erwartung „es geht weiter runter", riskiert +50 Prozent, wenn der Zyklus gebrochen ist.

Zweitens: Die Datenpunkte, die zwischen den beiden Hypothesen entscheiden werden, sind benennbar. Wenn Bitcoin in den nächsten drei Monaten unter $65.000 fällt, ist die Pre-Run-These deutlich geschwächt. Wenn Bitcoin in den nächsten drei Monaten über $95.000 steigt und dort hält, ist die klassische These deutlich geschwächt. Solange der Preis in der Spanne $75.000 bis $90.000 hängt, sind beide Thesen offen.

Drittens: Strukturelle Verkäufer (alte Wale, die nach Trump-Regulierung erstmals cashen können) haben einen unbestimmten Zeithorizont. Ihre Verkäufe sind nicht an Kurs-Niveaus gebunden, sondern an persönliche Liquiditäts-Bedürfnisse. Solange dieser Verkaufsdruck anhält, kann jeder „Boden" wieder fallen — bis die Wale fertig sind.

Eine ehrliche Schlussfolgerung

Die Wahrheit ist: wir wissen es nicht. Wir wissen, dass Bitcoin sich seit 2024 anders verhält als in den drei vorherigen Zyklen. Wir wissen, dass die strukturellen Treiber (ETFs, Trump-Regulierung, Dollarschwäche, Wal-Cashouts) alle gleichzeitig wirken und sich gegenseitig verstärken. Wir wissen, dass die Daten genauso gut für „Bärenmarkt ist schon vorbei" wie für „Bärenmarkt fängt erst an" sprechen.

Was wir tun können, ist beide Möglichkeiten ernst zu nehmen, nicht eine davon zur Identität zu machen, und uns auf die Datenpunkte zu konzentrieren, die zwischen den Hypothesen entscheiden — nicht auf die Datenpunkte, die unsere Lieblings-Hypothese bestätigen.

Das ist die langweilige Antwort. Sie wird auf Krypto-Twitter nicht viral gehen. Aber sie ist die einzige, die methodisch hält.


Was du auf der Backtesting Arena machen kannst, um diese Hypothesen zu testen:

Strategien auf BTC backtesten mit verschiedenen Zeitfenstern (pre-Halving, post-Halving, ATH-zu-ATH) → Portfolio-Simulator — Mix-Verlauf gegen reines BTC vergleichen, um zu sehen, wie viel Diversifikation 2025 gerettet hätte → Die Altcoin-Season-Indikator Layer 1 zeigt, ob wir uns aktuell in einer BTC-dominierten Phase befinden (=Bärenmarkt-Charakter) oder Altcoins ausbrechen (=Bullenmarkt-Spätphase)

Backtesting Arena · Study the Past — Improve your Future.

Jetzt selbst testen

Fahre den Backtest mit deinen eigenen Parametern und Zeiträumen.

Backtest starten →
📬

Don't miss new blog posts

One short email per new post — strategies, backtests, market analysis. No spam, unsubscribe with one click anytime.

By subscribing you accept our privacy policy. We use Resend for delivery. Double opt-in confirmation required.

Comments (0)

Join free to post comments.

Sign up →

No comments yet. Be the first!