Wer Bitcoin-Charts lange genug anschaut, lernt eine Heuristik: alle vier Jahre ein neuer Bullrun, alle vier Jahre ein neues Top, alle vier Jahre ein langer Bärenmarkt. Die On-Chain-Analyse hat das jahrelang elegant bestätigt — Long-Term-Holder-Supply (LTH, definiert als Coins, die länger als 155 Tage nicht bewegt wurden) fällt während der Bullmarkts, weil alte Hände an neue Hände verkaufen. Im Bärenmarkt das Gegenteil: STH-Supply schrumpft, LTH-Supply wächst monoton.
Bis 2021 lief das in einem Rhythmus pro Halving-Periode. Eine Distributionswelle, ein Top, ein Crash, eine Akkumulationsphase. Sauber, lesbar, predict-bar.
Der aktuelle Zyklus hat dieses Muster gebrochen. Und die Frage ist nicht, ob er es gebrochen hat — sondern was es bedeutet, dass er es gebrochen hat.
Was wir tatsächlich sehen
Seit Anfang 2024 dokumentieren mehrere On-Chain-Analysten — CoinDesk, CryptoQuant, André Dragosch, CCN — drei separate Wellen, in denen LTH-Supply abgebaut wurde:
Welle 1, Q1 2024 — der ETF-Launch. Die Spot-Bitcoin-ETFs wurden im Januar 2024 in den USA zugelassen. Bitcoin rallyte von rund 25.000 in die Nähe von 73.000 USD bis März 2024. LTH verkauften in diese erste große institutionelle Nachfrage hinein.
Welle 2, Q4 2024 — der 100k-Break. Halving im April, Trump-Wahl im November, erster 100.000-USD-Touch im Dezember. Zweite Distributionswelle, getrieben von Macro-Optimismus und nochmal frischen ETF-Inflows.
Welle 3, Sommer–Herbst 2025 — der Run zum Oktober-Top. Nach einem Pullback im Frühjahr 2025 zog Bitcoin in eine dritte Welle bis in den Oktober-Peak hinein. CoinDesk dokumentiert im Dezember 2025, dass die LTH-Supply auf ein Acht-Monats-Tief gefallen war — die dritte distinkte Distributionswelle dieses Zyklus.
Das ist qualitativ etwas anderes als 2017 oder 2021. Damals war es eine lange Distribution, hier sind es drei diskrete Sell-the-Rally-Events. Die LTH-Kurve schreibt nicht mehr ein V, sondern eine Treppe nach unten — und nach jeder Welle eine kurze Akkumulationsphase, bevor die nächste startet.
Vier mögliche Lesarten
Bevor wir zu Schlussfolgerungen kommen, ist es ehrlicher, mehrere Erklärungs-Kandidaten gegeneinander zu stellen.
Lesart 1 — die strukturelle Liquiditäts-These. Die institutionelle Käuferschicht hat seit 2024 eine völlig andere Größe als vorher. Spot-ETFs, MicroStrategy/Strategy mit ihrem ATM-Programm, andere Bitcoin-Treasury-Companies, Sovereign-Wealth-Funds in ersten Konversationen. Es gibt jetzt mehrere große Nachfrage-Cluster, die unabhängig voneinander getriggert werden können — und jeder Trigger absorbiert eine Welle LTH-Supply. Pro: die Timing-Korrelation passt sauber. Contra: die ETF-Inflow-Daten zeigen nicht perfekt drei separate Wellen, sondern eher zwei klare und eine schwächere.
Lesart 2 — die Zyklus-Dekomposition. Die alte 4-Jahres-Halving-Mechanik hatte einen klaren Treiber: Supply-Shock alle vier Jahre. Mit jedem Halving ist der relative Supply-Schock kleiner geworden — 50 Prozent von 50 BTC/Block ist gewichtiger als 50 Prozent von 6,25 BTC/Block. Was übrig bleibt, ist nachfrage-getriebener Zyklus. Und Nachfrage kommt nicht mehr im klaren 4-Jahres-Takt, sondern in unregelmäßigen Wellen, getrieben von Makro-Events — Zinsen, ETFs, Wahlen, Regulierung. In dieser Lesart wäre das Drei-Wellen-Muster die neue Normalität: kürzere, häufigere Mini-Zyklen statt langer Halving-Zyklen. Pro: erklärt auch, warum die Drawdowns zwischen den Wellen weniger tief waren als historische Bear-Markets. Contra: wir haben erst einen Zyklus mit diesem Muster gesehen.
Lesart 3 — die Halter-Komposition hat sich verändert. André Dragosch hat im November 2025 darauf hingewiesen, dass die LTH-zu-STH-Übergabe in diesem Zyklus nicht im klassischen Sinn an Retail-Spätankömmlinge geht, sondern an institutionelle Wrapper — ETFs, BTC-Treasury-Companies, Sovereigns. Das ist methodisch interessant, weil die Coins zwar als STH klassifiziert werden, sobald sie den Wallet wechseln, das tatsächliche Halter-Verhalten aber komplett anders ist als bei Retail-STH. Ein ETF-Halter rotiert nicht in Panik, sondern hält Quartal um Quartal. In dieser Lesart sind die Drei-Wellen-Distributionen weniger ein Top-Indikator, sondern eine sukzessive Verschiebung von Old Money zu Institutional Money — und die nicht-existente Retail-FOMO am Top ist die eigentliche Information.
Lesart 4 — die methodische Skepsis. Die 155-Tage-Grenze ist arbiträr. Sie funktioniert gut, wenn Halter ein klares Verhalten zeigen. Wenn aber neue Halter-Profile hinzukommen — ETF-Halter, die ihre Coins über Brokerage-Accounts halten und keine sauberen On-Chain-Signaturen produzieren, oder Custody-Lösungen, die Coins zwischen Wallets bewegen ohne echten Halter-Wechsel — wird die Metrik selbst verrauscht. Pro: ehrliche Erklärung dafür, warum jahrelang funktionierende Patterns plötzlich anders aussehen. Contra: die großen On-Chain-Provider bereinigen das teilweise, also kann die Erklärung nicht alles tragen.
Was die Kombination wahrscheinlich macht
Die ehrlichste Antwort ist nicht eine dieser Lesarten, sondern eine Kombination aus Lesart 1, 2 und 3. Mehrere unabhängige institutionelle Nachfrage-Trigger plus erschöpfte Halving-Zyklik plus qualitativ andere Halter-Komposition produzieren ein Wellenmuster statt eines Monolith-Bullruns.
Was das für Markt-Lesarten bedeutet, lässt sich in drei nüchterne Punkte fassen.
Erstens, die alte 4-Jahres-Heuristik ist methodisch beschädigt. Wer 2017 plus 4 gleich 2021 plus 4 gleich 2025 als Top-Prognose-Modell genutzt hat, hat im Oktober 2025 vielleicht zufällig recht gehabt, aber aus den falschen Gründen. Die Tops sind jetzt eine Funktion von institutionellem Inflow-Timing, nicht eine Funktion vom Halving-Kalender. Das verändert die Tragfähigkeit jeder Strategie, die auf der 4-Jahres-Zyklik aufbaut.
Zweitens, Distribution wird schwerer zu timen. Ein großes V-Top mit klassischer Euphoriephase ist leichter zu identifizieren als drei separate Wellen, von denen jede für sich wie ein lokales Top aussieht. Die Trader-Heuristik „ich verkaufe, wenn die Euphorie maximal ist" funktioniert nicht mehr, wenn es drei Euphorie-Peaks gibt und der dritte vielleicht ein Reversal ist, vielleicht aber auch nicht. Die im März 2024 gemachte Top-Annahme erwies sich als verfrüht. Die im Dezember 2024 gemachte ebenfalls. Die im Oktober 2025 gemachte — das wird sich erst im Lauf von 2026 zeigen.
Drittens, Backtests mit 2013, 2017 und 2021 als Referenzzyklen werden weniger informativ, nicht mehr. Drei historische Beobachtungen sind statistisch ohnehin dünn. Wenn jetzt das vierte Mal qualitativ anders abläuft, wird die Datenbasis für Cycle-Strategien noch dünner. Das ist eine unangenehme Wahrheit für jeden, der „nach diesem Zyklus haben wir XYZ gesehen, also wird es jetzt wieder so kommen" als Argument benutzt.
Was bleibt umsetzbar
Wenn das Top in einem 4-Jahres-Rhythmus nicht mehr zuverlässig kommt und Distribution sich auf mehrere kleinere Wellen verteilt, was macht man dann?
Die Anti-Antwort zuerst: man versucht nicht, das Top zu callen. Das funktioniert in einem klaren Zyklus nicht zuverlässig — in einem unklaren Zyklus erst recht nicht. Wer das vergangene Jahr verbracht hat, „das Top" zu identifizieren, hat dreimal recht gehabt und zweimal Geld auf dem Tisch liegen lassen.
Was funktioniert: systematisches Profit-Taking nach Regeln, die nicht von Top-Erkennung abhängen. Konkret bedeutet das Positions-Skalierung über vordefinierte Preisbänder oder Volatilitäts-Schwellen oder Drawdown-Profile, die getestet sind und die du in Stress umsetzt. Eine Regel wie „verkaufe 10 Prozent der Position pro 20-Prozent-Anstieg ab einer Schwelle X" produziert keinen perfekten Exit, aber sie produziert auch keine Position, die im nächsten Drawdown vollständig zurückgegeben wird.
Eine zweite Implikation: Wer behauptet, die Distribution sicher identifiziert zu haben, während sie stattfindet, projiziert Klarheit, die im Moment nicht existiert. Im März 2024 wussten wir nicht, dass das nur die erste von drei Wellen war. Im Dezember 2024 dachten viele, das sei das Top. Im Oktober 2025 dachten wieder viele, jetzt sei es das Top. Vielleicht stimmt das diesmal, vielleicht ist es Welle vier. Die ehrliche Lesart akzeptiert diese Unschärfe als Eigenschaft des Marktes, nicht als analytisches Defizit.
Was Backtesting Arena dabei macht
Backtesting Arena ist eine Plattform für systematische Strategie-Validierung. Sie liefert keine Cycle-Top-Prognose, weil niemand das verlässlich kann. Was sie liefert, ist die Möglichkeit, Profit-Taking-Strategien und Risiko-Management-Regeln gegen historische Bitcoin-Daten zu testen — über alle bisherigen Zyklen hinweg, inklusive der unsauberen Übergänge.
Was das praktisch wert ist: Wenn deine Strategie zum Beispiel auf einer fixen Take-Profit-Schwelle basiert, kannst du sehen, wie sie über 2013, 2017, 2021 und den jetzigen Drei-Wellen-Zyklus performt hätte. Du bekommst keine Garantie für den nächsten Zyklus, aber du bekommst eine Vorstellung von der Bandbreite an Outcomes, die deine Regel produziert hätte. Das ist methodisch ehrlicher als zu hoffen, dass das nächste Top so aussieht wie das letzte.
Die Strategien, die in mehreren strukturell verschiedenen Zyklen halbwegs konsistent funktionieren, sind die Kandidaten für die Zukunft. Die Strategien, die nur in einem bestimmten Zyklus funktioniert hätten, sind Anekdoten, keine Methoden.
FAQ
Heißt das, das aktuelle Top war im Oktober 2025? Wir wissen es nicht. Es gibt Argumente dafür (kumulative LTH-Distribution auf historisch hohem Niveau, MVRV im roten Bereich) und Argumente dagegen (Halter-Verschiebung zu institutionellen Wrappern statt zu Retail, was historisch keine echten Tops produzierte). Wer eine sichere Antwort behauptet, verkauft etwas.
Bricht das die Halving-Theorie komplett? Nicht komplett, aber wesentlich. Der Halving-Supply-Schock wird mit jedem Zyklus mathematisch kleiner. Die Nachfrage-Seite wird mit jedem Zyklus diversifizierter (ETF, Treasury-Companies, Sovereigns). Beide Trends zusammen verschieben Bitcoin von einem supply-driven zu einem demand-driven Asset. Das 4-Jahres-Pattern war eine supply-driven Eigenschaft. Sie wird in Zukunft weniger dominant sein.
Warum sehen wir keine klassische Retail-FOMO am Top? Eine plausible Antwort: weil Retail diesmal hauptsächlich über ETFs zugekauft hat, nicht direkt on-chain. Die FOMO ist da, aber sie produziert nicht die typischen on-chain Signaturen. Die andere Antwort: weil Retail in 2022/23 stark dezimiert wurde und die Halter-Basis 2024/25 strukturell weniger Retail-getrieben war.
Wenn die Heuristik bricht — wie soll ich dann handeln? Genau das ist der falsche Frame. Die Frage ist nicht „wie handle ich auf eine kaputte Heuristik", sondern „welche Strategie funktioniert systematisch, unabhängig davon, ob die nächste Periode wie eine alte aussieht oder nicht?" Antwort kommt aus Backtests über mehrere strukturell verschiedene Zyklen, nicht aus dem Anpassen einer einzelnen Heuristik.